37 Tote bei Angriff nahe Kiew - Ukraine spricht von FahrlÀssigkeit

Angriff auf Ukraine mit vielen Toten
Munition in Wohngebiet - "kriminelle FahrlÀssigkeit"?
Stand: 29.08.2026 âą 20:42 Uhr
Nach einem schweren russischen Angriff mit 37 Toten spricht der ukrainische PrĂ€sident Selenskyj von FahrlĂ€ssigkeit. Offenbar gab es VerstöĂe gegen Vorschriften zur Munitionslagerung. Ermittlungen wurden eingeleitet.
Die ukrainische Regierung spricht nach einem schweren russischen Angriff nahe Kiew mit 37 Toten von "FahrlÀssigkeit" auf ukrainischer Seite. PrÀsident Wolodymyr Selenskyj erklÀrte, im Ort Myla im Bezirk Butscha sei ein Lagerhaus getroffen worden, in dem Munition gelagert wurde.
Selenskyj verwies auf geltende Vorschriften fĂŒr die Lagerung von Munition. Diese dĂŒrfe nicht in der NĂ€he von HĂ€usern oder Wohngebieten aufbewahrt werden. Er sprach von einer "schrecklichen Situation" und "schrecklicher FahrlĂ€ssigkeit derjenigen, die Munition direkt neben Menschen gelagert haben". Strafrechtliche Ermittlungen seien eingeleitet worden. BeschĂ€digt wurden nach seinen Angaben unter anderem ein Pflegeheim sowie WohngebĂ€ude.
Tymur Tkatschenko, der Chef der MilitĂ€rverwaltung des Gebiets Kiew, das auch Butscha umfasst, erklĂ€rte, mindestens 50 WohngebĂ€ude seien beschĂ€digt worden. Der Angriff habe auch ein groĂes Feuer verursacht, das auf HĂ€user und ein Restaurant ĂŒbergegriffen habe. Ukrainische Medien zitierten Tkatschenko mit den Worten, 34 der Getöteten seien Bewohner der Pflegeeinrichtung gewesen.
Regierungschef sieht "kriminelle FahrlÀssigkeit"
Ăhnlich wie Selenskyj Ă€uĂerte sich auch MinisterprĂ€sident Serhij Koretskyj. Er verwies auf einen Angriff auf den Kiewer Vorort Wyschnewe Anfang Juli. Dabei war ebenfalls ein Munitionslager getroffen worden. 22 Menschen kamen ums Leben, groĂe Explosionen und BrĂ€nde griffen auf nahegelegene HĂ€user ĂŒber. Offenbar sei diese schreckliche Tragödie keine Lehre gewesen. Im fĂŒnften Jahr der russischen Invasion dieselben Fehler zu machen, sei "kriminelle FahrlĂ€ssigkeit", so Koretskyj. Alle Verantwortlichen mĂŒssten streng bestraft werden, damit sich solche FĂ€lle nicht wiederholten.
Das russische Verteidigungsministerium erklĂ€rte, in Myla sei ein Lager mit Komponenten und Startvorrichtungen fĂŒr Langstreckendrohnen getroffen worden. Zudem seien die HĂ€fen von Mykolajiw und Ismajil sowie ein Logistikzentrum und Lager in der Region Kiew angegriffen worden, in denen Teile fĂŒr ukrainische Marschflugkörper vom Typ "Flamingo" gelagert worden seien.
Dritter Tag in Folge schwere Angriffe
Im Tagesverlauf gab es weitere Angriffe Russlands auf die Ukraine. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew wurde dabei mindestens ein Mensch getötet und acht weitere verletzt. Bei dem Todesopfer handele es sich um ein zweijĂ€hriges MĂ€dchen, teilte BĂŒrgermeister Vitali Klitschko auf Telegram mit.
Aus der Region Cherson meldete Gouverneur Olexander Prokudin zwei Tote und 27 Verletzte bei russischen Angriffen. Seinen Angaben zufolge wurden HÀuser und Wohnblocks beschÀdigt. Prokudin hatte zuletzt erklÀrt, Russland habe seine Angriffe auf kritische Infrastruktur in der Region verstÀrkt. Etwa 70 Prozent der Region Cherson sind von Russland besetzt.
Kiew: Russland weitet Einsatz strahlgetriebener Drohnen aus
Seit Donnerstag werden Ziele in der Ukraine nahezu durchgehend mit Drohnen angegriffen, sowohl tagsĂŒber als auch nachts. Im Fokus steht vor allem die Hauptstadt Kiew, aber auch andere StĂ€dte im Norden, SĂŒden und Osten des Landes.
Ziel ist insbesondere die wirtschaftliche Infrastruktur: Russland beschieĂt verstĂ€rkt und zuletzt regelmĂ€Ăig Einkaufszentren, Lagerhallen und Verteilungszentren der Post oder HĂ€fen. Erst vor gut einer Woche war dabei ein belebtes Einkaufszentrum in der SĂŒdostukraine getroffen worden - mit mindestens 15 Toten.
Konfliktparteien als Quelle
Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der Konfliktparteien können nicht unmittelbar von unabhĂ€ngiger Stelle ĂŒberprĂŒft werden.
Pawlo Palissa, stellvertretender Leiter des ukrainischen PrĂ€sidialamts, erklĂ€rte vor Journalisten, Russland habe den Einsatz strahlgetriebener Drohnen deutlich ausgeweitet. Diese erreichen höhere Geschwindigkeiten und können schlechter abgefangen werden. Ihre Zahl dĂŒrfte weiter steigen, weil Moskau ihre Wirksamkeit erkenne, sagte Palissa.
"Angriffsmittel sind den Verteidigungsmitteln immer voraus. Wir werden uns auf jeden Fall anpassen mĂŒssen. Das wird Zeit brauchen." Die derzeit verfĂŒgbaren ukrainischen Abfangdrohnen könnten strahlgetriebene Drohnen theoretisch abfangen, hĂ€tten bislang aber noch nicht die erwartete Wirksamkeit gezeigt, sagte Palissa. Die Ukraine arbeite an Lösungen, um ihre Abwehr entsprechend anzupassen.
PrĂ€sident Selenskyj hatte zuletzt gefordert, die Ukraine dĂŒrfe bei der Suche nach diesen Lösungen nicht alleine gelassen werden. Zudem rief er PartnerlĂ€nder wiederholt dazu auf, dem Land mehr "Patriot"-Abfangraketen zu liefern, da die Ukraine russischen ballistischen Raketen derzeit weitgehend schutzlos ausgeliefert ist.
Auch ukrainische Gegenangriffe
Die Ukraine griff unterdessen erneut Russland und die annektierte Halbinsel Krim an. Im Gebiet Rostow in SĂŒdrussland sollen mindestens elf Menschen bei Luftangriffen verletzt worden sein. In der Grenzregion Belgorod kamen Behördenangaben zufolge auĂerdem drei Menschen ums Leben und neun weitere wurden verletzt. Drei der Verletzten befĂ€nden sich in einem ernsten Zustand.
Bei einem weiteren Angriff in Sewastopol auf der Krim sei ein Mensch getötet worden, erklÀrte der von Russland eingesetzte Gouverneur Michail Raswoschajew auf Telegram. Drei weitere Menschen seien verletzt worden.
Russland fĂŒhrt inzwischen seit viereinhalb Jahren Krieg gegen die Ukraine.
Mit Informationen von Rebecca Barth, ARD-Studio Kiew.