Afrikas Hormus-Diplomatie der leisen Töne

Bald schon ein halbes Jahr ist eine der Hauptschlagadern des Welthandels chronisch verstopft: Seit den ersten amerikanisch-israelischen Luftschlägen im Ende Februar begonnenen Iran-Krieg ist der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus auf ein Minimum reduziert. Mal beschossen iranische Kräfte Handelsschiffe, mal reichten Drohungen aus Teheran oder auch Washington. Und auch diverse Verhandlungsrunden, ein gemeinsames Memorandum sowie Überlegungen von Drittstaaten für Marine-Missionen brachten bislang keine stabilen Verhältnisse. Ob eine iranisch-omanische Übereinkunft über eine Schiffsroute durch die Meerenge im Persischen Golf das ändern kann, bleibt ebenfalls abzuwarten.
Auf der ganzen Welt hat der Krieg fossile Brennstoffe verteuert und so auch die Inflation steigen lassen. In Afrika, immerhin einem Nachbarkontinent der Golfregion, haben die Engpässe teilweise echten Mangel ausgelöst; Autoschlangen an leergezapften Tankstellen inklusive. Und weil auch viele Düngemittel aus der Golfregion stammen, drohen magere Ernten. Afrikanische Regierungen haben also allen Grund, sich diplomatisch für eine dauerhafte Lösung einzusetzen.
Vorsichtige Diplomatie
"Ich glaube, ihr Langzeitplan beruht weiter auf der Annahme, dass die Krise im Nahen Osten anhalten könnte", sagt Liesl Louw-Vaudran, die bei der Sicherheits-NGO International Crisis Group für die Afrikanische Union zuständig ist. Mit Blick auf das im Juni zwischen USA und Iran unterzeichnete Memorandum fügt sie hinzu: "Wir sehen jedenfalls keine Anzeichen, dass das Memorandum Optimismus oder Änderungen der wirtschaftlichen Planungen nach sich gezogen hätte. Ich denke eher, alle warten ab, wie sich die Lage in den nächsten Monaten entwickelt."
Schiffe auf der Straße von Hormus, vom Oman aus gesehen: ein Deal zwischen Oman und Iran könnte den Schiffsverkehr erleichtern - oder folgenlos bleibenBild: REUTERS
Tatsächlich dominierten in der afrikanischen Hormus-Diplomatie der vergangenen Monate die leisen Töne: Vielfach wurden Verhandlungslösungen beschworen, diplomatische Vorstöße gelobt und die regelbasierte Ordnung hervorgehoben. Außerdem zeigten einige afrikanische Regierungen Solidarität mit den arabischen Golfstaaten, die als US-Verbündete unter iranischen Beschuss gerieten. Die aktuellen afrikanischen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat, DR Kongo, Somalia und Liberia, trugen im März auch eine Resolution mit, die iranische Angriffe auf die Golfstaaten scharf verurteilte.
Der Elefant im Raum heißt Donald Trump
Doch auffällig in der Kommunikation ist: Schuldzuweisungen werden tunlichst vermieden - und zwar insbesondere gegen den US-Präsidenten, der gemeinsam mit Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den Krieg ja überhaupt erst begonnen hatte.
"Jeder rational denkende Mensch auf der ganzen Welt weiß, dass diese Krisen von Donald Trump ausgelöst wurden", meint Dismas Mokua, politischer Risiko-Analyst bei der kenianischen Beratungsfirma Tricarta. "Aber die Mehrzahl der Anführer in Afrika und der ganzen Welt fürchten die Konsequenzen, wenn sie das benennen. Auch europäische oder asiatische Politiker winden sich darum. Ich habe noch keinen Spitzenpolitiker gesehen, der Trump öffentlich kritisiert hätte, wohl weil sie die Konsequenzen solcher Äußerungen fürchten."
Wenig Raum für Kritik: Dass afrikanische Staatschefs nicht Donald Trump als Verursacher der Hormus-Krise benannt haben, liegt Analysten zufolge an den möglichen Konsequenzen solcher AussagenBild: Alex Brandon/AP Photo/dpa/picture alliance
Und wie wäre es, wenn ganz Afrika mit einer Stimme spräche - etwa über die Afrikanische Union? ICG-Beraterin Louw-Vaudran glaubt, dafür sei die letzte negative Erfahrung noch zu frisch: "Die AU hat sich am ersten Tag des Ukraine-Kriegs 2022 die Finger verbrannt, als der damalige Vorsitzende Russland kritisierte - und Staatschefs ihm über den Mund fuhren und erklärten, die AU-Kommission habe kein Mandat, im Namen ganz Afrikas ausländische Angelegenheiten zu kommentieren. Die AU hat 55 Mitglieder, und die haben zu dem Thema unterschiedliche Ansichten entwickelt. Die AU-Kommission ist also seitdem sehr vorsichtig geworden, politische Stellungnahmen zur großen, sich rasant verändernden Geopolitik herauszugeben."
Keine neuen Probleme schaffen, sondern Symptome lindern
Dazu kommt: Die Krise verlangt Regierungen nicht nur verbale Reaktionen, sondern auch Taten ab. "Um erfolgreich aus einer solchen globalen Disruption hervorzugehen, muss man Lieferketten neu aufstellen und herausfinden, was dem eigenen Interesse dient", sagt Dismas Mokua. "Aus meiner Sicht ist das Kenia sehr gut gelungen. Niemand beklagt sich über fehlende Lieferungen, selbst kommerzielle Landwirte nicht. Das ist ein Erfolg. Und auch beim Öl und Gas ist die Versorgung nicht zusammengebrochen - die Lieferungen sind konstant, wenn auch teurer."
In Äthiopien mussten mangels Treibstoffs zeitweise Tankstellen den Verkauf einstellenBild: Marco Simoncelli/AFP
Im Nachbarland Äthiopien sah das zu manchen Zeitpunkten anders aus: Lieferengpässe zwangen die Regierung zeitweilig, Treibstoffe bevorzugt an Sicherheitsbehörden, öffentlichen Personenverkehr und Landwirtschaft zu verteilen, während Privatleute an versiegten Tankstellen standen. Äthiopien war vor dem Krieg zudem einer der wichtigsten afrikanischen Handelspartner für den Iran. Auch diese Verbindung steht nun auf der Kippe, zumal Äthiopien gleichzeitig auch auf gute Beziehungen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten und zunehmend auch Saudi-Arabien baut.
Ländern wie Äthiopien oder Kenia droht zudem ein weiterer nachgelagerter Effekt des Iran-Krieges: Wenn die Wirtschaft in den reichen Golfstaaten strauchelt, gehen auch Rücküberweisungen der ostafrikanischen Arbeitsmigranten zurück.
Der Hormus-Schock soll der letzte gewesen sein
Doch es gibt in Afrika auch Kandidaten, denen die unsichere Situation am Golf perspektivisch sogar helfen könnte: Nigeria hat gerade rechtzeitig die riesige neue Dangote-Raffinerie in Betrieb genommen, die die Treibstoffknappheit im ölreichen Land lindern sollte und nun eine Stütze auf dem Weltmarkt darstellt. Im April wurde die Raffinerie sogar zum größten Exporteur für Flugzeugbenzin.
Im Zuge der Hormus-Krise bot sich Nigeria als Partner für afrikanische Kunden an; der Dangote-Konzern plant bereits eine weitere Raffinerie in Kenia. Und die Regierung suchte den Schulterschluss mit den Golfstaaten - auf dem Ölmarkt wolle man Partner sein und nicht Wettbewerber. "Nigeria hat sich wirtschaftlich sehr schlau positioniert, und es hat ja auch selbst Rohöl", sagt Liesl Louw-Vaudran. "Aber Nigeria hat auch große Staatsführungs- und Sicherheitsprobleme, die nicht leicht zu überwinden sind."
Und vielleicht am wenigsten kurzfristig sichtbar, aber am nachhaltigsten: Die Krise liefert ein weiteres Argument, die Implementierung der afrikanischen Freihandelszone (AFCFTA) voranzutreiben. "Wenn man sich von den Launen der globalen Disruption unabhängig machen will, muss man lernen, innerafrikanischen Handel zu treiben", meint Dismas Mokua. "Es gibt immer noch einige Länder, die noch nicht begriffen haben, was es heißt, diese künstlichen Landesgrenzen abzubauen. Sie fürchten sich vor politischem Kontrollverlust. Aber ich glaube, mehr und mehr afrikanische Länder stellen sich der Aufgabe, die 1885 in Berlin gezogenen Grenzen hinter sich zu lassen."