Brasilien: Gewalt gegen Indigene nimmt deutlich zu

Die Gewalt gegen indigene Menschen in Brasilien hat 2025 deutlich zugenommen. Das zeigt ein neuer Bericht des katholischen Indigenenrates CIMI. Demnach wurden mindestens 258 Indigene ermordet. Das waren 22 Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie seit vier Jahren nicht mehr.
Besonders betroffen waren die brasilianischen Bundesstaaten Roraima mit 82 Morden, Amazonas mit 47 und Mato Grosso do Sul mit 37 Fällen. Insgesamt registrierte CIMI 474 Fälle von Gewalt gegen Personen. Dazu zählen neben den Morden unter anderem 38 Mordversuche, 33 Körperverletzungen, 46 Fälle von Rassismus und ethnisch-kultureller Diskriminierung, 18 Morddrohungen und 25 Fälle sexueller Gewalt.
Landkonflikte als zentrale Ursache
Hinter vielen Gewalttaten steht der Streit um Land. Indigene Völker haben in Brasilien verfassungsrechtlich geschützte Ansprüche auf ihre traditionell bewohnten Gebiete. Damit diese Gebiete tatsächlich geschützt werden können, müssen sie jedoch in einem staatlichen Verfahren identifiziert, abgegrenzt und rechtlich anerkannt werden. Viele dieser Verfahren ziehen sich seit Jahren hin.
Solange die Besitzverhältnisse ungeklärt sind, überschneiden sich indigene Landansprüche häufig mit Farmen, Bergbauprojekten oder anderen wirtschaftlich genutzten Flächen. Indigene Gemeinschaften versuchen teils, beanspruchte Gebiete wieder in Besitz zu nehmen. Gleichzeitig dringen Farmer, Goldsucher, Holzfäller oder andere Akteure in die Territorien ein.
Daraus entstehen immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen. Der CIMI kritisiert zudem, dass große Infrastruktur- und Rohstoffprojekte vorangetrieben würden, obwohl die Landrechte der dort lebenden Indigenen noch nicht abschließend geklärt seien.
Hunderte Gebiete warten auf Anerkennung
Von 1443 indigenen Gebieten und Gebietsansprüchen warteten 2025 insgesamt 897 noch auf weitere Schritte zur rechtlichen Regulierung. Bei 582 war laut Bericht noch nicht einmal ein Verfahren zur Abgrenzung eingeleitet worden.
Der CIMI registrierte 169 konkrete Konflikte um territoriale Rechte in 143 Gebieten. Rund zwei Drittel davon betrafen Territorien, deren Regulierung noch ausstand. Hinzu kamen 210 Fälle von Landbesetzungen, illegaler Ausbeutung natürlicher Ressourcen und Sachbeschädigungen. Zusammen mit den Verzögerungen bei der Landregulierung zählt der Bericht damit 1276 Verstöße gegen indigene Land- und Eigentumsrechte.
Im April marschierten verschiedener ethnische Gruppen zum Nationalkongress in Brasília und forderten die Abgrenzung indigener GebieteBild: Anderson Coelho/Anadolu/picture alliance
"Der Anstieg der Gewalt gegen indigene Völker ist auch die Folge eines Klimas territorialer Unsicherheit, das vom Staat selbst aufrechterhalten wird", macht die Nichtregierungsorganisation Instituto Socioambiental deutlich. "Verzögerungen bei der Gebietsabgrenzung und das Fehlen einer endgültigen Lösung für umstrittene Gebiete setzen die Gemeinschaften Übergriffen, Drohungen und Gewalt aus."
Goldsucher und Landbesetzer kehren zurück
Auch bereits anerkannte Gebiete sind nicht sicher. Von den 151 Territorien, die 2025 von illegalen Eindringlingen oder Ressourcenausbeutung betroffen waren, waren 88 rechtlich anerkannt.
Der CIMI-Bericht nennt unter anderem illegale Goldsucher, Holzfäller, Landbesetzer, Jäger und Fischer. Im Sararé-Gebiet in Mato Grosso habe der illegale Bergbau Wälder und Flüsse massiv zerstört. In anderen Gebieten seien Eindringlinge nach staatlichen Räumungen zurückgekehrt.
Luftaufnahme von illegalen Bergbaugebiete in indigenen Gebieten in Brasilien (2025)Bild: Pablo Porciuncula/AFP/Getty Images
"Während die indigenen Völker, die um ihr Land kämpfen, unter Gewalt und Schutzlosigkeit leiden, haben die Übergriffe auf abgegrenzte Gebiete trotz der von der Bundesregierung durchgeführten Räumungsmaßnahmen nicht aufgehört", betont das CIMI.
Streit um indigene Landrechte
Die brasilianische Verfassung stellt indigene Territorien seit 1988 unter besonderen Schutz. Um ihre Anerkennung wird jedoch seit Jahren politisch und juristisch gerungen.
Im Mittelpunkt steht die sogenannte Marco-Temporal-These. Sie soll Landansprüche grundsätzlich auf Gebiete begrenzen, die Indigene zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der Verfassung 1988 bewohnten. Das Oberste Bundesgericht hatte diese Auffassung 2023 für verfassungswidrig erklärt. Dennoch blieb die Frage 2025 durch neue Gesetze, parlamentarische Initiativen und Verfahren vor dem Gericht umkämpft.
Brasiliens Präsident Luiz Inácio "Lula" da Silva hatte im Wahlkampf versprochen, indigene Gebiete besser zu schützen. Seit seinem Amtsantritt 2023 wurden nach Regierungsangaben 20 Territorien mit insgesamt 3,2 Millionen Hektar offiziell eingestuft. In zwölf Gebieten liefen zuletzt Räumungen gegen illegale Eindringlinge. Politisch ist Lula im Kongress allerdings auch auf Stimmen von Abgeordneten angewiesen, die der Agrarlobby nahestehen.
Mehr Suizide und hohe Kindersterblichkeit
Besorgniserregend sind auch die Zahlen zu Suiziden und Kindersterblichkeit. CIMI registrierte 215 Suizide, nach 208 im Vorjahr. Besonders betroffen waren auch hier die Gebiete Amazonas, Mato Grosso do Sul und Roraima. 41 Prozent der Fälle entfielen auf 20- bis 29-Jährige, weitere 34 Prozent auf Menschen bis 19 Jahre.
Das "Free Land Camp" findet jährlich in Brasilien statt und erinnert an weiter bestehende UngerechtigkeitenBild: Anderson Coelho/Anadolu Agency/IMAGO
Zugleich starben 1024 indigene Säuglinge und Kinder bis vier Jahre - elf Prozent mehr als 2024. Besonders viele Fälle gab es in den Bundesstaaten Amazonas mit 306, Roraima mit 158 und Mato Grosso mit 123 Todesfällen. 57 Prozent der Todesfälle galten als vermeidbar. Zu den häufigsten Ursachen gehörten Grippe und Lungenentzündung, Darminfektionen und Unterernährung.
CIMI dokumentierte außerdem 366 Fälle, in denen staatliche Stellen notwendige Unterstützung nicht oder nur unzureichend leisteten. Dazu gehörten Probleme bei Gesundheitsversorgung, Bildung, Trinkwasser und Sanitärversorgung sowie 62 Todesfälle wegen fehlender medizinischer Hilfe.
Forderung nach stärkerem Schutz
Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) in Deutschland warnte bereits vor einer Woche vor zunehmender Gewalt gegen indigene Aktivistinnen und Aktivisten. Sie fordert von der deutschen Bundesregierung, deren Schutz zu einem festen Bestandteil der deutschen Außen- und Entwicklungspolitik zu machen.
Gerade in Südamerika gerieten Indigene zunehmend unter Druck, weil Regierungen den Zugang zu Rohstoffen und Agrarflächen erleichtern wollten. In Brasilien und Peru seien etwa Führungspersonen der Asháninka bedroht, aus Kolumbien und Peru würden zudem regelmäßig Morddrohungen gegen Aktivisten gemeldet.
Die GfbV verweist auch auf die Lage indigener Gemeinschaften in Russland und auf der annektierten Krim. Von der Bundesregierung verlangt sie deshalb, sich stärker für verbindliche UN-Menschenrechtsstandards und den Schutz indigener Menschenrechtsverteidiger einzusetzen.
pgr/AR (kna, epd, LUSA, EFE, CIMI)
Die Deutsche Welle berichtet zurückhaltend über das Thema Suizid, da es Hinweise darauf gibt, dass manche Formen der Berichterstattung zu Nachahmungsreaktionen führen können. Sollten Sie selbst Selbstmordgedanken hegen oder in einer emotionalen Notlage stecken, zögern Sie nicht, Hilfe zu suchen. Infos zu Hilfsangeboten in Ihrem Land gibt es auf der Internetseite www.befrienders.org. In Deutschland hilft Ihnen die Telefonseelsorge unter den kostenfreien Telefonnummern 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222.