Cherson: Leben mit der russischen Menschenjagd

Reportage
Südukrainische Stadt Cherson
Leben mit der russischen Menschenjagd
Stand: 24.08.2026 • 09:01 Uhr
Im ukrainischen Cherson werden Menschen zur Zielscheibe russischer Drohnen. Für die Bewohner bedeutet dies einen täglichen Überlebenskampf. Den ertragen manche von ihnen irgendwann einfach nicht mehr.
Im südukrainischen Cherson gehen russische Drohnenpiloten auf Menschenjagd. "Safari" nennen die Einwohner der Stadt am Dnipro die Hetzjagden. "Die Russen bringen junge Drohnenpiloten nach Cherson und üben an uns", berichtet Victoria. Ihre Heimatstadt ist für sie unbewohnbar geworden. Victoria und ihre zehnjährige Tochter Jelysaweta müssen fliehen.
Andreas Tölke vom Berliner Verein "Be an Angel" liefert immer wieder humanitäre Hilfe in die Stadt. Und bringt Menschen wie Victoria in Sicherheit. Er deutet auf eine Drohne, die sich in einem der Fischernetze verheddert hat, die hier jede Straße überspannen. "Das sind die Drohnen, die du bei Amazon bestellen kannst, wenn du mal in Nachbars Garten gucken willst."
Tausende zivile Opfer
Die Menschenjagden der russischen Armee in Cherson sind eine gezielte Terrorkampagne - ausgeführt mit kleinen FPV-Drohnen, an denen Sprengstoff befestigt wird. Hunderte Passanten wurden so laut UN-Angaben in den vergangenen Jahren bereits getötet, Tausende verletzt. "Die haben eine Kamera dabei", erklärt Tölke. "Der Pilot sitzt auf der anderen Seite vom Fluss und verfolgt dich. Er sieht dich, wie du wegrennst."
Zum besseren Schutz hat er seiner ukrainischen Partnerorganisation "Sylni bo Vilni" eine spezielle Schutzpistole mitgebracht. Sie feuert auf kurze Distanz Netze, die Drohnen einfangen sollen. Ihor Tschornyj strahlt über das ganze Gesicht, als Tölke ihm die Pistole übergibt.
Tschornyj rettet mit seinem Team Menschen aus den gefährlichsten Gegenden der Stadt. "Wenn die Batterie der Drohne zu Ende geht, fliegen sie nicht zurück zum linken Ufer", erklärt er. "Dann greifen sie jeden an, egal wen", sagt er.
Ihor Tschornyj und seine Organisation "Sylni bo Vilni" unterstützen die Menschen in Cherson.
"Bekreuzigen, beten und los geht's"
Unzählige Videos dokumentieren diese Verbrechen. Drohnen, die sich auf Menschen in ihren Autos, im Bus oder auf dem Fahrrad stürzen. Für die 60.000 Menschen, die sich noch in Cherson aufhalten, gibt es keine sicheren Orte. Die meisten versuchen, sich nur so kurz wie möglich auf der Straße aufzuhalten. Sie huschen von Baum zu Baum, von Gebäude zu Gebäude.
"Wir bewegen uns wie Unsterbliche. Bekreuzigen, beten und los geht's", sagt Rentnerin Nina. Sie sitzt im Keller von "Sylni bo Vilni", was übersetzt "Stark, weil frei" bedeutet. Die Organisation hat hinter Sandsäcken und mit Pressspan verrammelten Fenstern eine Art Gemeindezentrum eingerichtet. Damit die Menschen einen Ort haben, an dem sie sich treffen und unterhalten können.
Tschornyj zeigt den Fitnessraum und eine Turnhalle für Kinder. Unter Neonlicht kugeln sich hier ein paar Mädchen und Jungen über Turnmatten. Die körperliche Bewegung, der Austausch mit Gleichaltrigen seien wichtig für die Psyche, sagt Tschornyj. "Viele hier haben schon während der russischen Besatzung die Nerven verloren", fügt er hinzu und muss schlucken.
2022 nahmen russische Truppen die Stadt ein. Folterten, vergewaltigten und mordeten in eben jenen Kellern, die den Menschen heute ein wenig Schutz gewährleisten. Seitdem terrorisieren Russlands Soldaten Cherson weiter. Es sind nur wenige hundert Meter Luftlinie zum anderen Dnipro-Ufer, das noch heute unter russischer Besatzung ist.
Lage wird immer gefährlicher
Die Einwohner von Cherson versuchten seither, mit immer neuen Gefahren umzugehen, berichtet Olena. Sie gibt bei "Sylni bo Vilni" Kurse in Erster Hilfe, klärt über Minen auf und auch über häusliche Gewalt. "Unter solchen Umständen brennen die Menschen moralisch aus und werden aggressiv", sagt Olena.
Victoria ist erschöpft vom Krieg. Sie hat tiefe Ringe unter den Augen. Eigentlich wolle sie ihre Heimat nicht verlassen. "Aber ich kann nicht mehr", sagt sie. Ihr Leben und das ihrer Tochter hat sie in zwei große Koffer gepackt. Andreas Tölke bringt sie zum Busbahnhof in Mykolajiw, etwa eine Stunde entfernt. Hier hat seine Hilfsorganisation einen Reisebus organisiert, der Victoria und andere nach Deutschland bringt.
"Es macht mich fertig, dass die Menschen aus ihrer Heimat wegmüssen. Dass sie keine Möglichkeit haben, hierzubleiben", sagt er. Doch in Cherson, dem Trainingsgelände mit lebenden Zielen für die russische Armee, wird die Lage immer gefährlicher. Auch Ihor Tschornyj ist erst vor Kurzem einer Drohne entkommen. Auf seinen Wagen hat er einen Dachträger montiert. Doch womit normalerweise Skier transportiert werden, damit tarnen er und sein Team ihre Störsender gegen die Drohnen.
Aufgeben wolle er nicht, sagt er: "Sie beschießen uns mit Bomben, mit Drohnen, mit Artillerie. Es gibt keinen Strom und kein Wasser. Aber wir halten das aus." Denn eines, fügt Tschornyj noch hinzu, sei noch schlimmer als der tägliche Terror vom anderen Ufer: russische Besatzung.