Der Künstlerort Siziliens zwischen Kultur und Tourismus

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Taormina auf Sizilien: Zufluchtsort der Künstler; heute eine Bildungsreise mit Stativ und Selfie-Stick
Stand: 01.08.2026, 16:00 Uhr
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Diese Hügelstadt über dem Meer machte Sizilien zur Pflichtstation der Bildungsreise und begeistert Reisende seit Jahrhunderten.
Auf einem Felsplateau des Monte Tauro, rund 200 Meter über dem Ionischen Meer, thront die kleine Hügelstadt Taormina. Es ist diese einzigartige Lage, zwischen rauen Felsen, dem Ätna und wunderschönen Stränden, die Touristen schon immer hat träumen lassen. So sah zum Beispiel Johann Wolfgang von Goethe die sizilianische Stadt 1787 und verewigte sie schwärmend in seiner „Italienischen Reise“. Spätestens dann wurde der Ort zu einer Pflichtstation jeder „Grand Tour“ durch Italien. Was als Bildungsreise für ein paar wohlhabende Europäer begann, zieht heute Millionen Touristen an. Vor einigen Jahren drehte die beliebte Serie „White Lotus“ in Taormina und jetzt ist der Tourismus wirklich unaufhaltbar.
Diese Aussicht zieht seit Jahrhunderten Touristen aus aller Welt nach Sizilien: Taormina gilt als besondere Perle dieser Insel. © IMAGO / Westend61
Wenn man nach Reiseberichten von Sizilien sucht, ziert Taormina entweder den ersten Platz der Rangliste oder den letzten. Bei der Planung ist es ziemlich schwierig einzuschätzen: Ist Taormina die schönste Stadt Siziliens oder die überfüllteste? Goethe kam damals zu Fuß oder mit Pferd oder Esel nach Taormina. Heute muss das Auto außerhalb des Altstadtkerns in einem der vier Parkhäuser geparkt werden, um mit dem Shuttle-Bus und vielen anderen Touristen hochgefahren zu werden. Bei einem stolzen Preis von 4 Euro die Stunde ist das deutlich über den durchschnittlichen Parkkosten der Insel, wie ich aus eigenen Erfahrungen berichten kann.
Die Sehenswürdigkeiten: antikes Theater in Taormina, steinerne Bühne für Götter und Gladiatoren
Das Teatro Antico ist das unbestrittene Highlight des Besuches: Inschriften mit dem Namen der Königin Philistis, Gemahlin des syrakusanischen Tyrannen Hieron II., datieren die Ränge auf das 3. Jahrhundert vor Christus, wie The World of Sicily beschreibt. Nach Syrakus ist es das zweitgrößte Theater Siziliens, und keines bietet einen vergleichbaren Blick von oben auf das Meer und den Ätna im Hintergrund. Der alte Kern Taorminas ist recht klein. Deshalb wartet nur wenige Gehminuten entfernt die Piazza IX Aprile, eine Terrasse hoch über der Küste, auf der schon Reisende des 19. Jahrhunderts den Sonnenuntergang abwarteten.
Unten an der Bucht wartet die Isola Bella, ein winziges Eiland, das bei Ebbe über einen schmalen Sandstreifen zu Fuß erreichbar ist. Durch die Altstadt zieht sich der Corso Umberto, gesäumt von barocken Palazzi, an dessen Ende die Piazza Duomo mit ihrem Brunnen aus dem 17. Jahrhundert liegt. Statuen der Denker und Künstler, die die Stadt besuchten und von ihr schwärmten, zieren die Stadt und markieren deren Wege: Sowohl Nietzsche als auch Oscar Wilde können zwischen den teuren Restaurants mit langer Warteschlange und dem Louis-Vuitton-Store besucht werden.
Die kleinen, alten Straßen von Taormina sind geschmückt mit vielen Restaurants und Läden – dafür kann es ganz schön voll und auch teuer werden. © IMAGO / Jochen Tack
Ein Fotograf brachte Taormina 1880 endgültig auf die Karte der Bohème: Wilhelm von Gloeden inszenierte einheimische Jünglinge vor antiken Ruinen und dem Ätna. Seine Bilder galten als skandalös und faszinierend zugleich. Das Atelier zog daraufhin Oscar Wilde, Richard Wagner, Gustav Klimt und Marcel Proust an. Vierzig Jahre später zog auch der englische Schriftsteller D. H. Lawrence nach Taormina und lebte von 1920 bis 1923 in der Villa Fontana Vecchia oberhalb der Stadt. Die freigeistige Exilgemeinde dort inspirierte ihn zu seinem Roman „Lady Chatterley’s Lover“, dessen Frauenfigur ein reales Vorbild aus Taormina hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen zudem Truman Capote, Tennessee Williams und John Steinbeck dazu.
Aus dem stillen Rückzugsort ist ein Ziel für Millionen Tagesgäste geworden. So ist die Kultur des „Instagram-Tourismus“ zu beobachten, wo Urlauber vorwiegend zum schnellen (oder langen) Fotoschießen kommen und dann wieder gehen. Vor denselben Orten bilden sich lange Warteschlangen für das perfekte Bild. Dafür bleiben die kleinen alten Kirchen in den Straßen leer und lassen sich ungestört besichtigen. Wer mehr faszinierendes Sizilien erleben möchte: Cefalù und Tusa zwischen Traumstrand, Kunst und historischen Gassen.
Lohnt sich also der Besuch von Taormina? Ja, aber vielleicht lieber als entspannter Tagesausflug. Denn sowohl Unterkunft, Strandbesuche, Sehenswürdigkeiten als auch Restaurants sind hier deutlich teurer als im Umland. Und die Kultur und Landschaft, die so viele Künstler und Denker begeisterten, sind auf der gesamten Insel zu finden. Städte wie Syrakus, Noto oder Modica bieten ebenfalls traumhafte Naturschutzgebiete, felsige Klippen, einzigartige Barockbauten und vielleicht auch ein Restaurant, das das Reisebudget nicht sprengt. Und wer eine italienische Insel abseits von Sizilien und Sardinien sucht, wird hier fündig: Diese italienische Insel ist noch ein unentdecktes Paradies.