„Die Odyssee“ im Kino - Odysseus sucht seinen Mythos

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Stand: 15.07.2026, 21:48 Uhr
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Odysseus mit Athene, Matt Damon und Zendaya. © Universal Studios
Christopher Nolan findet einen philosophischen Helden – und gibt der berühmten Geschichte endlich eine würdige filmische Form.
Kaum ein Lehrbuch über das Hollywood-Drehbuchschreiben, das Homers Heldenreise nicht zitiert: Von der Berufung über Selbstzweifel, überwirkliche Mentoren, gefährliche Prüfungen und süße, aber noch gefährlichere Versuchungen öffnet sich der Weg zu Apotheose, Verweigerung der Rückkehr und schließlich der späten Heimkehr zu geläuterter Alltagstauglichkeit.
Der US-amerikanische Drehbuchautor Christopher Vogler nannte seinen Bestseller „Die Odyssee des Drehbuchschreibers“ und schmeichelte damit geschickt auch dem Heldenmut des aufstrebenden Nachwuchses an den Tastaturen. So dominant allerdings ist inzwischen diese Formel, dass nur die wahrhaft Mutigen es wagen, in Hollywoodstudios oder bei Netflix davon abzurücken.
Nicht nur das Schreiben, auch das Regieführen stellen wir uns gern als mutige Heldenreise vor. Besonders wenn ein als kompromissloser Individualist bekannter Oscar-Preisträger wie Christopher Nolan dabei sein bislang größtes Budget verwaltet, eine geschätzte Viertelmilliarde US-Dollar. Und dabei einen Text verfilmt, der sich doch eigentlich wie kein anderer für eine würdige Hollywoodverfilmung eignen müsste: die Odyssee. Nur ist bislang keine befriedigende Version dabei herausgekommen. Die bekannteste mit Kirk Douglas schuf der Italiener Mario Camerini 1954 in Cinecittá.
Tatsächlich wählt Nolan eine ähnliche Rückblendenstruktur. Der von Matt Damon mit buschigem Vollbart gespielte Held hat bei einer schönen Frau auf einer idyllischen Insel Zuflucht gefunden. Es ist nicht Circe wie im alten Film, sondern wie im Text die Nymphe Kalypso, verkörpert von Charlize Theron.
Doch während Kirk Douglas souverän als sein eigener Homer auftrat und leinwandfüllend von seinen Abenteuern erzählte, fehlen dem Helden von Troja hier die meisten dafür nötigen Erinnerungen. Sieben Jahre lebt er in einem geistigen und seelischen Zwischenreich – gut genug für die ihn abgöttisch liebende Göttin, doch irgendwann wird sie wohl loslassen müssen.
Schließlich zeigt eine zweite Handlungsebene, wie schmerzlich ihn seine Frau Penelope (Anne Hathaway) im heimischen Ithaka vermisst. Bedrängt von polternden Freiern, verunsichert von Gerüchten über seinen Tod, muss sie nun auch ihren von Tom Holland gespielten Sohn Telemachos auf seine eigene Odyssee losziehen lassen – einer Spurensuche nach dem Vater.
Ausgerechnet an Odysseus variiert Nolan sein Lieblingsthema, den inneren Kontrollverlust, den schon seine frühen vergesslichen und schlaflosen Protagonisten in „Memento“ und „Insomnia“ durchlebten. Nichts könnte den Filmemacher weniger interessieren als die Kirk-Douglas-Version überbordender Männlichkeit, die auch noch die Deutungshoheit über den eigenen Mythos für sich reklamiert. Wenn sich Nolans im analogen Imax-Format belichtete Leinwand also mit den bekannten Heldentaten füllt, speisen sie sich aus verschiedenen Quellen.
In den USA keine Jugendfreigabe
Ein Veteran erzählt zu Beginn, wie es von innen aussah im Trojanischen Pferd und das sei kein Spaß gewesen: „Bevor es hinausging, tagelang in der eigenen Pisse und Scheiße“ (kein Wunder, dass der Film in den USA keine Jugendfreigabe bekam, hierzulande ist er ab 16). Das sprichwörtliche Ross ist eine prächtige, fein ausgeführte Skulptur, einer Hochkultur würdiger als die primitiven Holzkonstruktionen früherer Illustrationen. Wenn man so etwas heute am Strand stehen sähe, holte man es sich wahrscheinlich auch leichtfertig in die gute Stube.
Später, wenn sich Odysseus’ Gedächtnis erholt hat, kehrt Nolan noch einmal zur Szene zurück. Nun als barbarisches Massaker aus der Sicht des reuigen Eroberers: Ein kleines Mädchen wird geköpft, die Kamera schwenkt im letzten Moment stattdessen auf eine Skulptur, der das Gleiche widerfährt. Es ist ein Genozid, soviel zum Wort von der Heldenreise.
In der Mitte: Matt Damon als Odysseus. © Melinda Sue Gordon/epd
Eigentlich ist diese Szene ein weiterer Nolan-typischer Zeit- und Perspektivwechsel, er führt direkt in die politische Gegenwart. Zeitlos hingegen ist die Inszenierung. Mit virtuosen Montageszenen hält er sich zurück, lieber lässt er weite Einstellungen aus der Dunkelheit aufleuchten in den tieffarbigen Pigmenten des Kodakfilms. In digitaler Projektion geht davon naturgemäß ein Teil verloren. Liebhaber werden die analogen 70mm-Kopien im Berliner Zoo-Palast sowie in Essen und Karlsruhe bestaunen, dafür zeigt das digitale Imax einen größeren Bildausschnitt; auch 3D-Fassungen werden angeboten.
Es ist diesmal nicht so, dass barocke Opulenz das Auge überfordert. Der Bildgestalter Hoyte van Hoytema bevorzugte klar komponierte Bilder, besonders für die minimalistischen Inszenierungen in der Landschaft, die auch Pasolini gefallen hätten (gedreht wurde außer in Griechenland, Marokko und Sizilien auch in Island). Erwartete Schauwerte, wie sie die Geschichte reichlich bietet, werden bedient, aber nicht übertrieben. So hat der gefräßige Zyklop seinen unheimlichen Auftritt recht früh im Film, und Odysseus ist sicher gut beraten, hier nicht auf dessen Lust auf Wein zu setzen.
Rein akustisch ist dagegen die Verführungsgewalt der Sirenen, was ins Ressort des schwedischen Filmkomponisten Ludwig Göransson fällt. Er hat einen vielfarbigen, zugleich archaisch anmutenden, elektro-akustischen Klangteppich gewebt, der die Sinfonik klassischer Sandalenfilme konsequent vermeidet, zugunsten antiker Instrumente wie Lyra, Aulos und Bronzegong. Erst zum betörenden Abspannsong legt James Blakes Gesang das ganze, aufgestaute melodische Spektrum frei – ein Oscar-würdiges Comeback für den charismatischen Singer-Songwriter.
Das Zeitloseste an dieser Inszenierung aber ist die Besetzung. Matt Damon gehört zu den wenigen Hollywoodstars, denen man einen philosophischen Krieger zutrauen würde, und als die schöne Göttin, die ihn auf der Insel hält, überzeugt die 50-jährige Charlize Theron mit der Unwiderstehlichkeit ihrer Wärme. Ann Hatha㈠way ist eine machtvolle Penelope, die auch an der Grenze zum Wahnsinn nicht daran zweifeln lässt, dass sie sich all die Jahre gegen allerhand Raubritter behaupten konnte.
Lupita Nyong’o schließlich eröffnet dem Mythos um Helena von Troja eine neue Lesart jenseits der in Jahrhunderten festgeschriebenen Vorstellungen. Verfechter archäologischer Akkuratesse arbeiteten sich bereits kritisch am Trailer ab, wo sie unhistorische Rüstungen und falschfarbige Galeeren ausmachten. Sie seien auf die sicheren Plätze am Ufer verwiesen, während sich die Helden auf die Odyssee des Filmemachens wagen.
Die Odyssee. GB/USA 2026.
Regie: Christopher Nolan. 172 Min.