Die Wirtschaft schöpft wieder Hoffnung - das sind die Gründe

FAQ
Stand: 25.08.2026 • 16:28 Uhr
Lange Zeit zeigten die Wirtschaftsdaten in Deutschland vor allem nach unten. Nun machen die jüngsten Konjunkturzahlen etwas Hoffnung. Wie kommt das? Und ist diese Entwicklung auch wirklich nachhaltig?
Die Ausgangslage
Die deutsche Wirtschaft könnte sich wieder etwas fangen. Mehrere Konjunkturdaten wiesen zuletzt wieder nach oben. Das ifo-Institut veröffentlichte heute eine Umfrage, die zeigt, dass die Stimmung in den Chefetagen der Unternehmen so gut ist wie seit einem Jahr nicht mehr. Der Geschäftsklimaindex ging im August zum vierten Mal in Folge nach oben. Das Bruttoinlandsprodukt stieg von April bis Juni um 0,3 Prozent zum Vorquartal.
Auch bei den Aufträgen für die Industrie gibt es gute Nachrichten. "Die Aufträge liegen auf dem höchsten Stand seit Jahresbeginn", sagt der Konjunkturexperte der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Jupp Zenzen. Die Auftragsbücher der Industrie sind nach dem fünften Anstieg so prall gefüllt wie noch nie seit Beginn der Statistik 2015.
Warum geht es aufwärts?
Das liegt unter anderem an den steigenden Exporten. Die sorgten dafür, dass Europas größte Volkswirtschaft im zweiten Quartal um 0,3 Prozent gewachsen ist. Das war bereits das dritte Quartalsplus in Folge. Die Chancen, dass diese Entwicklung auch nachhaltig ist, stehen gut. Grund dafür ist auch die Entwicklung in der Digitalisierung und der KI-Boom. Dies helfe der deutschen Wirtschaft, so ifo-Umfragechef Klaus Wohlrabe. Denn für den Bau von Rechenzentren für die boomende Künstliche Intelligenz ist in vielen Bereichen deutsche Technik gefragt. Die Exporterwartungen der deutschen Industriebetriebe haben sich im August aufgehellt.
Was hat das Sondervermögen damit zu tun?
Der Staat pumpt Milliarden in Infrastruktur und Aufrüstung. Die Zahl der Großaufträge - etwa für Datenverarbeitungsgeräte, elektronische und optische Erzeugnisse, gehen nach oben. Auch der sonstige Fahrzeugbau - zu dem etwa Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge gehören - meldete immer wieder außergewöhnliche viele Großaufträge. Der Tiefbau - der stark von staatlichen Aufträgen etwa für Straßen abhängt - kam im zweiten Quartal auf ein Order-Plus von 9,3 Prozent im Vergleich zum ersten Vierteljahr. "Nach Jahren der Schwäche könnte die Bauwirtschaft 2027 zu einem Wachstumsmotor für die deutsche Wirtschaft werden", sagt der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien.
Müssen die Wachstumsprognosen korrigiert werden?
Ja, denn das erste Halbjahr ist trotz der Belastungen durch den Iran-Krieg viel besser gelaufen als erwartet. Mehrere Banken und Verbände haben darauf bereits reagiert: Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) verdoppelte seine Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr von 0,5 auf 1,0 Prozent. Das IMK erwartet "mindestens 1,1 Prozent", während die Förderbank KfW ihre Prognose von 0,7 auf 1,1 Prozent anhob. Für 2027 setzte KfW Research die Erwartungen gleich mit herauf: von 1,3 auf 1,5 Prozent.
Gibt es weitere Gründe für mehr Zuversicht?
Zwischen Januar und Juni wurden 3.053 Start-ups neu gegründet. Das ist eine Steigerung von 52 Prozent zum Vorjahreszeitraum. "So viel Gründungsdynamik gab es in Deutschland noch nie", betont die Vorstandsvorsitzende des Start-up-Verbands, Verena Pausder. "KI senkt die Hürden fürs Gründen deutlich und immer mehr Menschen nutzen diese Chance."
Ökonomen sehen darin ein positives Zeichen. "Die deutsche Wirtschaft vollzieht derzeit einen Strukturwandel und dürfte - um es positiv zu formulieren - ihre starke Abhängigkeit vom Automobilsektor reduzieren", betont der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel. "Die deutsche Wirtschaft diversifiziert sich derzeit."
Ist der Aufschwung auch langfristig?
Noch nicht, sagen viele Volkswirte. Denn es bleiben zahlreiche Risiken - etwa durch die erratische Wirtschaftspolitik von US-Präsident Donald Trump und anhaltend hohe Energiepreise infolge des Iran-Krieges. Letzteres belastet die Kaufkraft der Deutschen und dämpft deren Ausgabenfreude.
"Keinerlei Belebung ist bisher bei den privaten Investitionen zu verzeichnen", nennt Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen einen weiteren Schwachpunkt. "Von einem selbsttragenden Aufschwung kann also bisher nicht die Rede sein." Hier machen sich strukturelle Probleme der deutschen Wirtschaft bemerkbar - etwa in der Autoindustrie, die nicht nur unter Trumps Zöllen leidet, sondern unter der zunehmenden Konkurrenz durch chinesische Hersteller von Elektroautos.
Wie entwickeln sich die Löhne?
Die Tariflöhne in Deutschland steigen in diesem Jahr vermutlich stärker als die Verbraucherpreise. Nach Berechnungen des WSI-Tarifarchivs der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung beträgt das Tariflohn-Plus durchschnittlich 3,1 Prozent. Die Inflation lag im ersten Halbjahr bei 2,4 Prozent. Demnach könnte bei den Beschäftigten ein realer Lohnzuwachs von 0,7 Prozent bleiben. Das würde mehr Kaufkraft bedeuten - es ist also mehr Konsum möglich, was zum Wirtschaftswachstum beitragen würde.
Quelle: Reuters/dpa