Disney vs. Wissenschaft: Hyänen in neuem Licht

Das Bild der Hyäne als feige Aasfresserin hält sich hartnäckig. Eine neue Studie zeigt, dass Tüpfelhyänen über ein ausgeklügeltes Kommunikationssystem verfügen. Höchste Zeit, das Image dieser Steppenbewohner aufzubessern.
02.08.2026, 17:58
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Hinterhältig, schmutzig und dümmlich – Hyänen geniessen generell keinen guten Ruf. Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich ein hartnäckiger Stereotyp der Steppentiere in der westlichen Popkultur festgesetzt: Sie gelten als feige Aasfresser, die sich gerne an fremder Beute bedienen. Kaum ein anderes Werk hat dieses Bild so nachhaltig geprägt wie «Der König der Löwen», der Disney-Filmklassiker aus dem Jahr 1994.
Shenzi, Banzai und Ed, die schrägen Hyänen aus dem Film, streifen durch den «Elefantenfriedhof», lachen hämisch vor sich hin und lassen sich für finstere Pläne einspannen. Doch wieviel von dieser Darstellung hält der Realität stand?
Die Forschung widerspricht seit Langem. Schon damals, direkt nach dem Kinostart, protestierten Fachpersonen gegen die Darstellung der Hyänen. Seither wurde das Verhalten der Steppentiere immer weiter ergründet. Zuletzt in einer neuen Studie, die zeigt: Tüpfelhyänen verfügen über ein hoch entwickeltes Sozialverhalten mit einem ausgefeilten Kommunikationssystem.
Für die Studie beobachteten Forschende zwei wilde Populationen in Tansania und Südafrika. Sie wollten verstehen, wie sich die Tiere beim spielerischen Raufen verständigen – schliesslich könnte Kratzen, Beissen und Jagen schnell in einen echten Kampf kippen.
Legende:
Spielkampf zwischen zwei Tüpfelhyänen. Das entspannte, offene Maul macht die friedliche Absicht deutlich.
Francesconi et al. 2026
Eines der zentralen Signale ist ein entspanntes, leicht geöffnetes Maul, welches ähnlich auch bei Primaten, Hunden oder Seelöwen als Spielsignal bekannt ist. Die Studie zeigt, dass Tüpfelhyänen dies vor allem im direkten Eins-zu-eins-Kontakt einsetzen, wo Blickkontakt leicht herzustellen ist. Je wilder und kompetitiver ein Spiel abläuft, desto häufiger zeigen die Tiere das entspannte Maul.
Schwieriger wird es, sobald mehrere Tiere gleichzeitig mitspielen: In Gruppen lässt sich der Blickkontakt kaum zu allen Beteiligten gleichzeitig halten. Genau dann setzen die Hyänen vermehrt Laute ein – die Forschenden vermuten, dass die Tiere so das fehlende Sichtsignal ausgleichen. Die beobachteten Spiele seien nie eskaliert – das Ergebnis eines Kommunikationssystems, das offenbar genau darauf ausgelegt ist, Missverständnisse zu vermeiden.
Legende:
Spielkampf zwischen mehreren Tüpfelhyänen. Es wird geknurrt, gegrunzt und gequietscht – nur Eskalationen gibt es keine.
Ngorongoro Hyena Project
Auch ein weiteres Klischee hält der Realität nicht stand: das Bild der dreisten Aasfresserin, die sich mit fremden Resten begnügt. Tatsächlich ist es meist umgekehrt: Hyänen jagen oft selbst, und es sind eher die Löwen, die sich an ihrer Beute bedienen.
Solange kein Fressen im Spiel ist, lassen die Raubkatzen die Hyänen meist in Ruhe – hören sie jedoch das gemeinsame Fressgeschrei einer Gruppe Hyänen, nähern sie sich gezielt, um sich die Beute zu schnappen. Nur wenn die Hyänen zahlenmässig deutlich in der Überzahl sind, können sie sich erfolgreich zur Wehr setzen.
Diebstahl als evolutionäre Erfolgsstrategie?
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Diese Strategie des Nahrungsdiebstahls nennt sich Kleptoparasitismus.
Der evolutionäre Vorteil liegt auf der Hand: Jagen kostet Zeit und Energie und ist zudem gefährlich. Abzuwarten, bis andere die Arbeit erledigt haben, und ihnen die Beute dann zu entwenden, spart genau diesen Aufwand. Das lohnt sich besonders, wenn das diebische Tier sein Gegenüber leicht einschüchtern kann oder die Beute schwer selbst zu erjagen ist.
Dabei sind längst nicht alle Arten gleich stark darauf spezialisiert: Manche betreiben Kleptoparasitismus nur opportunistisch, wie beispielsweise Löwen. Für andere ist es die zentrale Ernährungsstrategie: Raubmöwen zum Beispiel attackieren systematisch andere Seevögel, bis diese ihre Beute fallen lassen oder auswürgen.
Einen Aspekt hat der Film allerdings korrekt eingefangen: die matriarchale Struktur. Weibchen sind dominant und etablieren eine feste Hierarchie im Clan, die sich sogar an die Nachkommen vererbt.
Mit jeder neuen Studie bröckelt das Zerrbild ein Stück mehr. Der Ruf der Tüpfelhyäne ist längst auf dem Weg der Besserung – auch wenn es wohl noch ein bisschen dauert, bis er definitiv in den Köpfen ankommt.
Radio SRF 2 Kultur, 100 Sekunden Wissen, 27.7.2026, 06:54 Uhr