Europas Furcht vor der Ankunft von Migranten
Solange Migration instrumentalisiert und keine sachliche Debatte geführt werde, bleibe die EU erpressbar, sagt Migrationsforscherin Judith Kohlenberger.
04.08.2026 | 15:27 min
Vergangene Woche erreichten zeitweise bis zu 60.000 Menschen von Marokko aus die spanische Exklave Ceuta - und lösten prompt Streit in der EU aus. Eine Mehrheit der Staats- und Regierungschefs schoss gegen Spaniens Migrationspolitik. Madrid konterte: Die anderen schlachteten die Krise politisch aus.
Nach dem Eklat geben sich die EU-Staaten nun geschlossen. Künftig wolle man geeinter auftreten und mit Frühwarnsystemen besser vorbereitet sein. Auch die Krisenkommunikation solle enger koordiniert und kohärenter werden - so das Ergebnis einer kurzfristig einberufenen Videokonferenz.
EU-Innenminister loben Spanien geschlossen
Meloni-Vorstoß "innenpolitisches Kalkül"
Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger zieht im Gespräch mit ZDFheute live eine deutliche Bilanz: Die EU habe den "Stresstest" in Ceuta zunächst nicht bestanden und erst nachträglich eingelenkt. Sechs Wochen nach Inkrafttreten des neuen europäischen Asylsystems hätte sie erwartet, dass Staats- und Regierungschefs sowie die Kommission genau auf diese Regeln verweisen - als Beweis, dass man eine solche Lage nüchtern und geordnet meistert.
Das ist passiert, aber sehr einseitig von Spanien und nicht im europäischen Konzert.
Judith Kohlenberger, Migrationsforscherin an der WU Wien
Vorstöße wie den von Giorgia Meloni, Spanien aus dem Schengenraum auszuschließen, wertet Kohlenberger als innenpolitisches Kalkül. "Da sind Wählerstimmen zu holen, und da kann ich auch meine eigene Marke stärken." Dabei werde die Personenfreizügigkeit - ein Grundwert der EU - vorschnell infrage gestellt, obwohl Schengen "gar nicht das richtige System" sei, um mit Migrationsbewegungen von außen umzugehen.
Nach dem Ansturm der Migranten auf Ceuta gab es teils heftige Kritik an Spanien. Heute stellte sich die EU bei einer Konferenz demonstrativ hinter Spanien.
04.08.2026 | 1:44 min
Was treibt die Menschen aus Marokko an?
Beim Großteil der Angekommenen handele es sich um marokkanische Staatsangehörige, "vor allem Jugendliche, junge Erwachsene, teilweise auch unbegleitete Minderjährige". Um Asyl sei es ihnen meist nicht gegangen. "Diese Menschen wollten zum Großteil nicht um Asyl ersuchen, sondern da ging es eigentlich um ökonomische Perspektiven", sagt Kohlenberger.
Eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit in Marokko bei etwa 38 Prozent ist ein großer Treiber einer solchen Bewegung. Die Jugend sieht keine Perspektiven.
Judith Kohlenberger, Migrationsforscherin
Verbreitet worden sei zudem die falsche Nachricht, in Spanien winkten Arbeit und ein dauerhafter Aufenthalt. Aus diesem Grund seien die meisten Menschen wieder zurückgekehrt.
Eine kleinere Gruppe stamme aus Ländern südlich der Sahara. Bei ihnen müsse man abwarten, ob einzelne einen Asylantrag stellen wollen, den Spanien gemäß dem Urteil des Obersten Gerichts entgegennehmen müsste.
Warum kamen so viele Menschen nach Ceuta?
Nach dem Massenandrang marokkanischer Migranten auf Ceuta stellt sich die EU heute geschlossen hinter Spanien. ZDF-Korrespondentin Susanne Freitag berichtet.
04.08.2026 | 0:59 min
Forscherin: Sofortige Rückführungen nicht völkerrechtskonform
Ein Versagen Spaniens sieht Kohlenberger im rechtlichen Vorgehen: Die sofortigen Rückführungen seien weder unions- noch völkerrechtskonform, gerade bei Menschen, die schwimmend Ceuta erreichen. An der Grenzsicherung selbst lasse sich Spanien dagegen kaum kritisieren. Ceuta sei bereits vor dem Ansturm eine der am stärksten gesicherten Grenzanlagen der Welt gewesen - noch mehr Grenzsicherung allein sei daher nicht die Antwort.
Entscheidend sei die Bekämpfung von Fluchtursachen. Länder wie Marokko, Tunesien und Libyen seien zu Torwächtern Europas geworden. Und sie wüssten um ihre Macht:
Im Grunde gibt's nichts, wovor sich Europa mehr fürchtet als vor der Ankunft von Migranten.
Judith Kohlenberger, Migrationsforscherin
Genau diesen "Hebel, den wir ihnen in die Hand gegeben haben", setzten sie gezielt gegen Europa ein. "Marokko ist quasi der Grenzpolizist, der Türsteher der Europäischen Union", sagt Kohlenberger.
Einen erneuten Grenzansturm hält Kohlenberger zwar für unwahrscheinlich, weil die beteiligten Systeme derzeit alarmiert seien. Ausschließen will sie ihn aber nicht:
Wir sehen im Grunde immer wieder in unterschiedlichen Abständen solche Grenzstürme. Nicht nur in Ceuta, auch bei anderen Exklaven. Es war nicht das erste Mal.
Judith Kohlenberger, Migrationsforscherin
Das Interview führte ZDFheute live-Moderatorin Christina von Ungern-Sternberg, zusammengefasst hat es ZDFheute-Redakteurin Ninve Ermagan.
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Quelle: ZDF, Reuters
Über das Thema berichtete ZDFheute live am 04.08.2026 ab 15:00 Uhr.