Faktenfinder: Fakes zu angeblichem Wahlbetrug in Sachsen-Anhalt

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Fakes zu angeblichem Wahlbetrug in Sachsen-Anhalt
Stand: 07.09.2026 • 14:40 Uhr
Rund um die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kursieren Behauptungen über Wahlbetrug und manipulierte Briefwahl. Belege dafür gibt es nicht. Einige Falschmeldungen folgen dabei einem bekannten Muster.
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wurde von mehreren unbelegten Vorwürfen und Falschbehauptungen begleitet, die Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Wahl säen sollen. Sowohl in den Tagen vor der Wahl als auch unmittelbar nach der Stimmenauszählung haben sich in den sozialen Netzwerken Berichte über angeblichen Wahlbetrug verbreitet.
Nach der Wahl kursieren etliche Gerüchte darüber, dass die Briefwahl manipuliert worden sei, um die absolute Mehrheit der AfD zu verhindern. Vor der Wahl bezogen sich mehrere der kursierenden Wahlbetrugsvorwürfe auf die CDU. Diese Behauptungen lassen sich allerdings nicht belegen und Hinweise deuten darauf hin, dass es sich um gezielt gestreute Desinformation handelt.
Geringe Briefwahlstimmen der AfD nicht ungewöhnlich
Die AfD hat die Wahl in Sachsen-Anhalt gewonnen, die absolute Mehrheit jedoch verfehlt. Unter #BriefwahlAbschaffen verbreitet sich eine Grafik, welche die Zweitstimmen nach Urnenwahl und Briefwahl aufschlüsselt. In der Grafik wird dargestellt, dass nur 24,3 Prozent der Briefwähler für die AfD stimmten, im Vergleich zu 51,2 Prozent der Urnenwähler. Die CDU kommt bei den Briefwählern auf dasselbe Ergebnis, schneidet jedoch bei den Urnenwählern deutlich schlechter ab. Auch bei allen anderen Parteien sind die Ergebnisse der Briefwahl besser als an der Wahlurne.
Die Zahlen der Grafik stimmen mit den offiziellen Zahlen des vorläufigen Wahlergebnisses überein. In den sozialen Netzwerken wird daraus jedoch: "Es dürfte rein statistisch UNMÖGLICH sein, dass bei den Briefwahlstimmen die AfD bei weniger als der Hälfte im Vergleich zu den Urnenstimmen liegt, während ALLE anderen drüber liegen..." oder "Die Briefwahl kostet AfD die absolute Mehrheit - Statistisch deutet das auf strukturelle Manipulation".
Doch, dass die AfD bei der Briefwahl schlechter abschneidet als bei der Urnenwahl, ist kein ungewöhnliches Phänomen: Das Muster zeigt sich in den amtlichen Daten auch bei anderen Wahlen. So hatte die AfD auch bei der Bundestagswahl 2025 mit 23,5 Prozent den niedrigsten Briefwahlanteil aller Parteien.
Ein Grund dafür liegt laut dem Wahlforscher Eric Linhart von der TU Chemnitz an der kritischen Haltung der AfD zur Briefwahl: "Die AfD ruft bereits seit Jahren dazu auf, dass ihre Wähler bitte nicht per Brief wählen sollen. Natürlich sieht man das dann auch in der Stimmenverteilung bei der Briefwahl."
Für eine strukturelle Manipulation der Briefwahl gibt es nach Einschätzung Linharts keine Anhaltspunkte. Zwar könne es im Einzelfall zu Manipulationsversuchen kommen, nicht jedoch in großem Umfang. Auch die Landeswahlleiterin von Sachsen-Anhalt, Christa Dieckmann, bezeichnete die Briefwahl zuvor als sicher. Das Wahlsystem werde nach jeder Wahl überprüft und bei Bedarf angepasst.
Angebliche Briefwahl-Manipulation durch die CDU
Dennoch zirkulierten in den Tagen vor der Wahl bereits Vorwürfe von angeblichem Wahlbetrug. In einem auf der Plattform X mehr als 200.000 Mal abgerufenen Video wird behauptet, die CDU würde Briefwahlzettel manipulieren, sodass sie zu spät eingingen und nicht mehr gezählt werden könnten. Das Video besteht aus kurzen Clips, auf denen englische Schrift liegt. Weiter heißt es da: "Experten, Wähler und internationale Beobachter sagen umfassenden Wahlbetrug voraus."
Am rechten oberen Rand ist das Logo der ARD eingeblendet, im Text werden zahlreiche weitere Medien wie die Nachrichtenagentur Reuters, das ZDF und die BBC erwähnt.
Allerdings findet sich kein solches Video auf irgendeinem offiziellen ARD-Kanal. Der Account, der das Video gepostet hat, hat keine Follower und außer diesem Video lediglich einen weiteren Post. Darüber hinaus gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass die CDU Briefwahlzettel manipuliert hat und das Video nennt keine Quelle für diese Aussage.
Auch kursiert ein Video, welches vermeintlich zeigen soll, dass AfD-Briefwahlzettel vernichtet werden. Doch das Video ist nicht authentisch. So tragen die drei angeblich vernichteten AfD-Stimmzettel alle denselben Namen und es fehlt die vorgeschriebene Lochung in der oberen rechten Ecke der Stimmzettel. Auch die roten Wahlumschläge sind bereits geöffnet. Nach Einschätzung des russischen Desinformationsbeobachtungsprojekts Gnida ist das Video Teil der Kampagne "Storm-1516".
Laut Landeswahlleiterin Christa Dieckmann sind die Landtagswahlen reibungslos abgelaufen. "Die Wahlvorstände vor Ort waren sorgfältig vorbereitet und sorgten für einen weitestgehend störungsfreien Verlauf der Stimmabgabe". Behauptungen über möglichen Wahlbetrug wies sie zurück.
Angebliche Zahlungen für Desinformation über Ostdeutsche
In einem weiteren Video auf X wird behauptet, das ZDF hätte über interne CDU-Dokumente berichtet, die zeigen, dass die CDU jährlich 50 Millionen Euro ausgibt, um Desinformation über Ostdeutsche zu verbreiten. Das Video, das ebenfalls keine Quelle für diese Behauptung angibt, besteht auch aus kurzen Clips mit englischer Schrift. Es trägt das Logo der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und erwähnt Medien wie Le Parisien und Fox News, aber auch den Account des Bundestags.
Auch dieser Post kommt von einem Profil ohne Follower, das keine anderen Veröffentlichungen hat. Das entsprechende Video findet sich nicht auf Kanälen der FAZ. Es gibt keine Belege oder andere Berichterstattung darüber, dass die CDU Millionen ausgibt, um falsche Informationen über Ostdeutsche zu verbreiten.
Mehr als 100 Videos mit Bezug zu Wahlen
Nach einer Analyse des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), einem gemeinnützigen Berliner Thinktank, entspricht dieser Post einem Muster von Inhalten, die im Zusammenhang mit der Wahl in Sachsen-Anhalt und anderen Landtagswahlen in Deutschland veröffentlicht wurden.
Das CeMAS hat im Zeitraum zwischen dem 30. Juni und dem 28. August 2026 141 unterschiedliche Videos mit Bezug zu den Wahlen in Deutschland dokumentiert, die mit hoher Wahrscheinlichkeit der Operation Overload zugeordnet werden können, heißt es in einer Analyse des Think Tanks.
Mutmaßlicher Drahtzieher: Operation Overload
Operation Overload, auch bekannt als Matryoshka oder Storm-1679, ist eine russische Einflusskampagne, die auf mehreren Online-Plattformen seit spätestens September 2023 aktiv ist. Berichte der US-amerikanischen Clemson University gehen davon aus, dass Operation Overload mutmaßlich in Verbindung mit den russischen Unternehmen Social Design Agency (SDA) und Struktura steht, die im Auftrag der russischen Präsidialverwaltung Einflusskampagnen betreiben. Der Europäische Auswärtige Dienst (EEAS) bezeichnet Operation Overload/Matryoshka in ihren Berichten als pro-russisch.
Eine typische Taktik der Operation Overload ist dem CeMAS zufolge die massenhafte Verbreitung von Inhalten wie Kurzvideos mit gestohlenen Logos etablierter Medien oder Bildern, die auf sozialen Medien als direkte Antworten unter Posts von Medien-, Faktencheck-Organisationen sowie Journalisten gepostet werden oder entsprechende Accounts taggen.
"Neben der Verbreitung pro-russischer Desinformation und der Beeinflussung der öffentlichen Meinung rund um Wahlen wird mit der Kampagne mutmaßlich versucht, Verwirrung in den Zielländern zu stiften sowie Medien- und Faktencheckorganisationen mit einer Vielzahl von Falschbehauptungen zu überladen und ihre Kapazitäten zu binden", schreiben die Autorinnen.