Feuerwalze treibt Bewohner von HĂĽrtgenwald in die Flucht

Es brennt vor den Toren von Hürtgenwald, einer 9000-Einwohnergemeinde in der Eifel im Westen Deutschlands. Bewohner des Ortsteils Gey wurden am frühen Freitagmorgen aufgefordert, sich in eine als Notunterkunft eingerichtete Grundschule im Nachbarort Straß zu begeben. Sie ​sollten nur die wichtigsten Habseligkeiten, Ausweise und benötigte Medikamente mitnehmen. Die Flammen haben sich bis auf wenige hundert Meter den Wohnhäusern in Gey genähert.
Weltkriegsmunition erschwert die Löscharbeiten
Die Lage in der Gemeinde im Bundesland Nordrhein-Westfalen ist nach wie vor kritisch. Bürgermeister Stephan Cranen zufolge waren die Flammen ​am Vormittag ‌lediglich noch 300 Meter von Gey entfernt. Wie der Westdeutsche Rundfunk berichtet, hatte einer der Brandherde in der Nacht auf ein ehemaliges ‌Munitionsdepot in Düren übergegriffen.
Flammenwalze am Rande eines Waldwegs bei GeyBild: Jan Ohmen/dpa/picture alliance
Da in Teilen des Waldes noch nicht ‌explodierte ​Munition aus dem Zweiten Weltkrieg liegt, kam es nach Angaben der Einsatzkräfte zu vereinzelten Detonationen. Dies erschwerte die Löscharbeiten auf der mittlerweile rund 300 Hektar großen Brandfläche. Zwei ​Räum- und Bergepanzer der Bundeswehr unterstützten die Feuerwehr, um Schneisen durch das unwegsame Gelände zu schlagen.
Zusätzlich setzt die Bundeswehr Löschhubschrauber gegen den Waldbrand in der Nordeifel ein. Dazu seien vormittags zunächst zwei Maschinen vom Typ NH-90 von Faßberg in Niedersachsen gestartet, sagte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums in Berlin.
Die Transporthubschrauber sind mit einem sogenannten Bambi Bucket bestückt, einem faltbaren Löschwasser-Außenlastbehälter. Pro Flug können 2000 Liter Löschwasser abgelassen werden.
"Unser Land hält zusammen"
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst würdigte das Engagement der Einsatzkräfte beim Waldbrand in Hürtgenwald. "Unser Land hält zusammen!", so Wüst, Polizei und Hilfsorganisationen seien seit Donnerstagnachmittag im Hürtgenwald im Einsatz - "viele von ihnen ohne Pause", hob Wüst hervor.
Nach ​Angaben der Düsseldorfer ‌Staatskanzlei richtete der betroffene Kreis einen Krisenstab ein. Die Behörden stellten eine sogenannte Großschadenslage fest. Die Bewohner mehrerer Ortsteile der zwölf Kilometer entfernten Kreisstadt Düren wurden aufgefordert, sofort geschlossene Räume aufzusuchen.
Löschhubschrauber mit Bambi Bucket auf dem Weg ins BrandgebietBild: Jan Ohmen/dpa/picture alliance
Wegen der Brandes im Hürtgenwald komme es zu Rauchniederschlag, teilte der Kreis Düren mit. Gesundheitliche Beeinträchtigungen könnten nicht ausgeschlossen werden.
Viele Feuerwehren, aber...
Nach Einschätzung des Waldbrandexperten Ulrich Cimolino ist Deutschland nur bedingt auf größere Vegetationsbrände vorbereitet. Eine Stärke sei das flächendeckende Feuerwehrsystem. "Wir schaffen es, sehr viele Feuer klein zu halten, weil wir Feuerwehr in der Fläche haben", sagte der Vorsitzende des Arbeitskreises Waldbrand im Deutschen Feuerwehrverband (DFV) der Deutschen Presse-Agentur.
Schwierig werde es aber bei dynamischen Lagen: Käme etwa Wind als treibender Faktor dazu, könnten Brände schnell eskalieren.
Mit Blick auf den aktuellen Brand im Hürtgenwald verwies Cimolino auf die Vergangenheit der Region im Mittelgebirge Eifel als Kampfgebiet im Zweiten Weltkrieg. "Die Munition wird nicht besser, wenn sie älter wird", sagte er. Für Einsätze auf Munitionsverdachtsflächen brauche es unter anderem mehr geschützte beziehungsweise gepanzerte Fahrzeuge.
Pionierpanzer der Bundeswehr auf dem Weg nach HĂĽrtgenwald Bild: Federico Gambarini/dpa/picture alliance
Im Herbst und Winter 1944/45 hatte in der Nordeifel eine der brutalsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs getobt. Schauplatz war der Hürtgenwald, der als rund 140 Quadratkilometer großes Gebiet zwischen Aachen, Düren und dem Fluss Rur liegt.
Für die US-Armee, die von Belgien aus Richtung Rhein und Köln vorstoßen wollte, war es im Rückblick eine der verlustreichsten Schlachten im Zweiten Weltkrieg in Europa. US-Soldaten nannten den Hürtgenwald "Death Factory" - Todesfabrik.
haz/AR (dpa, rtr, afp)