Freihandel mit Mercosur: Erst EU, jetzt China?

Erst EU, dann China? US-Strafzölle und der wachsende wirtschaftliche Einfluss Chinas in SĂŒdamerika heizen die PlĂ€ne fĂŒr ein Freihandelsabkommen zwischen dem gemeinsamen sĂŒdamerikanischen Markt Mercosur und China an. Doch wie realistisch ist das Vorhaben?
"Brasilien und China stimmen ĂŒberein, dass eine Beschleunigung der Verhandlungen fĂŒr ein Abkommen zwischen Mercosur und China wichtig ist", heiĂt es in einer offiziellen ErklĂ€rungdes brasilianischen PrĂ€sidenten Luiz InĂĄcio Lula da Silva.
Die ErklĂ€rung wurde unmittelbar nach einem einstĂŒndigen Telefonat zwischen Lula und Chinas Staatschef Xi Jinping am 26. Juli veröffentlicht. Bereits am 30. Juni dieses Jahres hatte Lula auf dem Mercosur-Gipfel in AsunciĂłn öffentlich darauf gedrĂ€ngt, formelle Verhandlungen mit Peking aufzunehmen. Auch Uruguay unterstĂŒtzt den VorstoĂ.
Mehr Handel, mehr Investitionen, mehr Wachstum: Brasiliens PrÀsident Lula und Chinas Staatschef Xi wollen eine Freihandelszone zwischen Mercosur-Staaten und China vorantreibenBild: Ricardo Stuckert/Palacio Do/IMAGO
Doch die beiden LĂ€nder werden sich wohl noch etwas gedulden mĂŒssen. Denn offizielle Verhandlungen können nur beginnen, wenn alle Mercosur-Staaten einem solchen Vorhaben zustimmen. Die Gruppe hat derzeit fĂŒnf stimmberechtigte Mitglieder: neben Brasilien, Uruguay und Bolivien gehören mit Argentinien und Paraguay auch zwei LĂ€nder dazu, die einem Freihandelsabkommen mit China bisher zurĂŒckhaltend gegenĂŒberstehen.
"Wir können auch anders"
"Ich glaube, dass ist jetzt erst einmal ein politisches Zeichen. China und Brasilien signalisieren den USA angesichts der Zölle: Wir können auch anders", erklĂ€rt Samina Sultan vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, gegenĂŒber der DW.
Vom politischen Statement bis zu einem konkreten Vertragstext sei es noch ein weiter Weg, auch wenn die Idee an Zulauf gewinne, so die Expertin fĂŒr europĂ€ische Wirtschaftspolitik und AuĂenhandel.
US-PrÀsident Trump hatte am 30. Juli 2025 per prÀsidentieller Verordnung Strafzölle in Höhe von 40 Prozent gegen Brasilien verhÀngt. Der US Supreme Court stufte diese im Februar dieses Jahres als rechtswidrig. Am 22. Juli ordnete Trump erneut Strafzölle an.
Eiszeit zwischen Brasilien und USA
Brasiliens PrĂ€sident Lula machte seinem Ărger ĂŒber die erneuten Zölle in einem GastbeitragfĂŒr die Washington Post Luft. "Brasilianische Unternehmen werden ihre US-Lieferanten durch Partner aus anderen Regionen ersetzen", schrieb er.
Handel und Zölle als Waffe: Erpresst Trump die Welt?
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Lateinamerika und die Karibik benötigten weder FlugzeugtrÀger, die in ihren GewÀssern patrouillieren, noch Strafzölle. "Was uns fehlt", so Lula, "sind verlÀssliche und berechenbare Partner."
Trumps Strafzölle beflĂŒgeln den ohnehin schon boomenden Handel zwischen Brasilien und China. Nach Angaben des brasilianischen Handelsministerium (Mdic) nahm der Warenfluss im ersten Halbjahr 2026 gegenĂŒber dem Vorjahreszeitraum um 15,9 Prozent zu. Der bilaterale Handel mit den USA hingegen ging um 12,8 Prozent zurĂŒck.
Hafen, Schienen, StraĂen: Chinas investiert in Lateinamerika
"Mercosur ist fĂŒr chinesische Waren ein sehr attraktiver Markt", erklĂ€rt Rolf Langhammer, AuĂenwirtschaftsexperte am Institut fĂŒr Weltwirtschaft (IfW) in Kiel im DW-GesprĂ€ch. Zur langfristigen Strategie Chinas, den lateinamerikanischen Markt zu erobern, gehöre auch der Bau des peruanischen Containerhafens Chancay.
Der erste von China kontrollierte Hafen in SĂŒdamerika wurde im November 2024 eingeweiht. FĂŒr das Projekt im Rahmen der internationalen Handelsinitiative "Neue SeidenstraĂe" hat China 3,5 Milliarden Dollar investiert.
Der Hafen am Pazifik soll durch eine Eisenbahnstrecke mit HĂ€fen am Atlantik in Brasilien verbunden werden. Die PlĂ€ne fĂŒr eine solche "Bioceanic Railway" befinden sich allerdings noch in der Vorbereitungsphase.
Angst vor Warenflut aus China
China ist bereits mit Abstand der gröĂte Handelspartner Brasiliens und des Mercosur (siehe Grafik). Die PlĂ€ne fĂŒr ein Freihandelsabkommen scheinen deshalb auf den ersten Blick einleuchtend.
Eine Studie des brasilianisch-chinesischen Wirtschaftsverbandes (CEBC)zum Thema weist jedoch auf die Risiken eines solchen Abkommens hin: "Es besteht die BefĂŒrchtung, dass es angesichts der chinesischen WettbewerbsfĂ€higkeit zu Handelsungleichgewichten sowie EinbuĂen bei Produktion und BeschĂ€ftigung kommt", heiĂt es dort.
Die Angst vor einem China-Schock war auch Grund, warum Brasiliens PrÀsident Lula bisher zu den Kritikern eines Freihandelsabkommen mit China gehörte. Dass er nun angesichts der US-Strafzölle seine Position geÀndert hat, hat ihm Kritik eingebracht.
Langhammer: Abkommen ist ein Risiko
"Ăber ein Jahrzehnt lang vertrat Brasilien den Standpunkt, dass ein solches Handelsabkommen seiner Industrie schweren Schaden zufĂŒgen wĂŒrde", kommentiert der brasilianische China-Experte Igor Patrickin der brasilianischen Tageszeitung Folha de S. Paulo. Doch nun stehe das Land kurz vor der Liberalisierung seines Marktes.
IfW-Experte Langhammer setzt darauf, dass Brasiliens VorstoĂ ausgebremst wird. "China flutet die WeltmĂ€rkte zurzeit mit subventionierten Produkten", sagt er. "Ich glaube, die Mercosur-Gruppe weiĂ, was es fĂŒr ein Risiko ist, ein solches Freihandelsabkommen mit China abzuschlieĂen."