Fünf Jahre Taliban: Wie es den afghanischen Ortskräften geht

Wer weiß schon, auf welches Versprechen eines deutschen Politikers sich die afghanischen Ortskräfte am meisten verlassen haben. Vielleicht auf das vom damaligen Bundesaußenminister Heiko Maas, der am 26.August 2021, elf Tage nach der Machtübernahme der Taliban, sagte: "Unsere Arbeit geht weiter, und zwar so lange, bis alle in Sicherheit sind, für die wir in Afghanistan Verantwortung tragen."
Oder aber vertrauten sie der Botschaft von Maas' Nachfolgerin Annalena Baerbock, die am 23.Dezember 2021 verkündete: "Sie sind nicht vergessen. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, alle in Sicherheit zu bringen." Möglicherweise glaubten sie am Ende auch den Worten der früheren Innenministerin Nancy Faeser, die zum Jahrestag im August 2022 ausrief: "Wir lassen Sie nicht zurück!".
Wie auch immer, bei Ahmad Samim, der für die Bundeswehr als Tontechniker gearbeitet hatte, hat Deutschland sein Wort gehalten. Bei Javad Niazi, der für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit BMZ tätig war und der immer noch im pakistanischen Peschawar festsitzt, dagegen nicht. Beide heißen eigentlich anders, wollen aber aus Angst vor den Taliban und möglichen Konsequenzen für sie und ihre Angehörige nicht ihren Namen nennen.
600 Afghaninnen und Afghanen immer noch in Peschawar und Kabul
Heute, August 2026, fünf Jahre nachdem die Taliban blitzartig wieder die Macht in Afghanistan übernommen haben und Deutschland nach dem Regierungswechsel 2025 von seinen vollmundigen Versprechen nicht mehr viel wissen will, arbeitet Samim in einer deutschen Großstadt als Rezeptionist in einem Hotel und sagt in einem sehr guten Deutsch der DW: "Ich bin Deutschland sehr dankbar. Aber wenn jemand sagt, ich helfe Dir, dann muss das so bleiben. Man muss ein Versprechen halten."
Im Fall von Javad Niazi hat Deutschland, so muss man das sagen, sein Versprechen gebrochen. Ihm geht es wie weiteren 600 Afghaninnen und Afghanen, die jeden Tag verzweifelter im pakistanischen Peschawar und Kabul ausharren und immer noch auf ihre Ausreise hoffen. Er und seine Familie seien wie in einem kleinen Käfig gefangen, erzählt er der DW. Die Ersparnisse seien aufgebraucht, er habe keine Aufenthaltsgenehmigung und seine provisorische Bleibe könne er nicht verlassen, aus Furcht vor pakistanischen Sicherheitskräften, die Tag für Tag afghanische Staatsbürger verhaften und abschieben.
"Mein 14-jähriger Sohn kauft ein, wenn es hier dunkel wird. Wir können zu keinem Basar, in keinen Park und in kein Krankenhaus gehen, meine Kinder nicht zur Schule. Es ist eine enorme Belastung für uns. Wir hätten nicht gedacht, dass ein Land wie Deutschland seine Entscheidung zurücknimmt, das ist unglaublich."
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Neue deutsche Regierung will keine Ortskräfte mehr aufnehmen
Die Entscheidung zurückgenommen, wie es Javad Niazi ausdrückt, hat die neue deutsche Regierung aus CDU/CSU und SPD unter Bundeskanzler Friedrich Merz im Mai 2025 mit einem Aufnahmestopp. Ein halbes Jahr später wandten sich die Verbliebenen mit einem zweiseitigen Hilferuf sogar direkt an den Kanzler. "Wir wollten und mussten der Taliban-Herrschaft entkommen, um zu überleben. Wir können nicht zurück nach Afghanistan. Diese Rückkehr würde für viele von uns brutal und gewaltsam enden."
Doch die Bundesregierung blieb hart, und kooperiert mittlerweile "auf technischer Ebene" mit den Taliban in den afghanischen Auslandsvertretungen in Deutschland, um Straftäter nach Afghanistan zurückzuschicken - jüngst aber auch die erste Person, die in der Vergangenheit nicht straffällig geworden war.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt lockte indes die Afghaninnen und Afghanen mit Geld, damit diese auf ihre Ausreise verzichten. Bis zu 2.500 Euro einmalig vor der Ausreise, bis zu 10.000 Euro bei Rückkehr nach Afghanistan oder in einen Drittstaat, plus medizinische Betreuung, Unterkunft und Verpflegung für mehrere Monate. "Dobrindt-Geld", wie es unter den Afghaninnen und Afghanen heißt. 300 Menschen nahmen das Angebot an und verzichteten damit auf ihre Zukunft in Deutschland.
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Schicksal der Ortskräfte hängt auch von Gerichten ab
Seitdem beschäftigen sich vor allem die Gerichte mit der Zukunft der 600 Afghaninnen und Afghanen, alle haben mittlerweile ihre Ausreise nach Deutschland eingeklagt. Vermeintlichen Rückenwind bekommen sie von der jüngsten Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes im Juli 2026: Demnach verstößt der von der Bundesregierung verhängte pauschale Aufnahmestopp für gefährdete afghanische Staatsangehörige gegen das verfassungsrechtliche Willkürverbot, sie muss individuelle Einzelfallprüfungen vornehmen.
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Die Entscheidung wurde zum Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg zurückgewiesen, das Bundesinnenministerium sieht sich auf Anfrage der DW weiterhin im Recht: "Das Bundesverfassungsgericht folgt in weiten Teilen der Argumentation der Bundesregierung, wonach Aufnahmeerklärungen auch wieder aufgehoben werden können, wenn sich das politische Interesse ändert. Das Bundesverfassungsgericht gibt aber dem Bundesinnenministerium auf, bei der Abkehr den Einzelfall zu berücksichtigen."
Das Bundesverfassungsgericht, so sieht es das Bundesinnenministerium, gebe einen weiten politischen Entscheidungsspielraum hinsichtlich der Aufhebung von Aufnahmen aus politischen Gründen. "Was die Entscheidung für die konkrete Umsetzung bedeutet, bedarf vertiefter Prüfung. Diese Prüfung ist bereits im Gange."
Die unglaubliche Geschichte der "Kabul Luftbrücke"
Für Javad Niazi geht damit das Zittern um seine Zukunft und die seiner Familie weiter. Wahrscheinlich hätte er schon längst aufgegeben, wäre da nicht die Unterstützung von "Kabul Luftbrücke". Die deutsche Nichtregierungsorganisation, die vor fünf Jahren angesichts des Chaos am Kabuler Flughafen eigenhändig mit einer Chartermaschine zunächst 18 Menschen aus Afghanistan ausflog, hat bis heute 4424 Menschen vor allem über den Landweg nach Pakistan vor den Taliban gerettet.
Eva Beyer, die früher als Filmemacherin in Afghanistan gedreht hatte, erinnert sich gegenüber der DW an die Anfänge 2021: "Wir haben dieses Flugzeug gechartert, sind nach Kabul geflogen und konnten so ein paar Leute herausholen. Und haben dann aber gemerkt - eigentlich fängt die Arbeit jetzt erst an. Ich war dann ab Anfang 2022 in Pakistan, habe dort die Landtransporte auf der pakistanischen Seite organisiert, die Menschen an der Grenze in Empfang genommen und in Islamabad betreut. Und aus den ursprünglich mal angedachten vier Wochen sind jetzt fünf Jahre geworden."
Verbliebene 600 Menschen in psychischer Ausnahmesituation
In der letzten Zeit ist "Kabul Luftbrücke" vor allem damit beschäftigt, die verbliebenen Afghaninnen und Afghanen juristisch zu beraten und zu unterstützen. Mit Erfolg: Durch die mehr als 200 gewonnen Klageverfahren konnten 1018 Menschen seit dem 1.September 2025 nach Deutschland ausreisen.
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Die Zeit für die restlichen 568 Personen in Peschawar und die 34 in Kabul dränge, denn ihnen gehe es nicht gut, berichtet Beyer. "Unter den jetzt noch wartenden 600 Menschen sind circa 75 Prozent Frauen und Kinder. Das heißt, für all diese Frauen und Mädchen, die nicht zur Schule gehen, sich kein eigenständiges Leben mehr aufbauen und keinen Beruf mehr ausüben können, wäre der Weg in eine sichere Zukunft für immer verbaut."
Der psychische Druck, der sich über die Jahre aufgebaut habe, sei für alle unerträglich - in Afghanistan sei dieser aber noch größer, obwohl die Menschen in sogenannten "Safe Houses" untergebracht seien. "Das heißt aber auch, dass die Taliban die Namen und die Dokumente all dieser Menschen schon erfasst haben."
Keine Ausreise trotz Visa im Reisepass
Seit der Machtübernahme der Taliban konnten, Stand Juni, knapp 37.000 Personen über verschiedene Aufnahmeprogramme für Afghanistan nach Deutschland einreisen. Beinahe 20.000 Menschen inklusive Angehörige über das Ortskräfteverfahren, die andere Hälfte über die sogenannte Menschenrechtsliste und das Überbrückungsprogramm, also besonders gefährdete Personen wie Aktivisten, Journalisten und Personen aus der Zivilgesellschaft, die sich vor der Taliban-Rückkehr für Menschenrechte exponiert hatten.
Eva Beyer von "Kabul Luftbrücke" fordert nun die Wiederaufnahme der Verfahren inklusive nachvollziehbarer Einzelfallprüfungen für die verbliebenen 600 Afghaninnen und Afghanen. "Dass diejenigen Menschen vor allem schnell ein Visum bekommen, die schon alle Sicherheitsüberprüfungen durchlaufen haben. Da sind auch Menschen dabei, die sogar schon ein Visum im Pass kleben haben und denen das Visum schon ausgehändigt wurde, die in letzter Minute aber den Flug dann doch nicht nehmen konnten, weil dieser abgesagt wurde."