Gletscherrückgang könnte Gesundheit von Bienen gefährden

Diese Nischentrennung spiegelte sich im Erregerspektrum. Akutes und chronisches Bienenparalysevirus sowie der einzellige Parasit Lotmaria passim wurden nur bei Honigbienen nachgewiesen. Nosema ceranae und das Flügeldeformationsvirus DWV kamen auch bei Wildbienen vor.
Beim DWV lag die Trennung sogar innerhalb desselben Virus: In der genauer typisierten Stichprobe trugen Wildbienen ausschließlich Variante A, Honigbienen ausschließlich Variante B. Die Forscher fanden bei allen DWV-positiven Proben Anzeichen einer aktiven Virusvermehrung. Das beweist jedoch weder eine dauerhafte Infektion auf Populationsebene noch eine effiziente Weitergabe zwischen den Bienenarten.
Mehr DWV in älteren Gletscherstadien
Mit dem Alter der eisfreien Flächen änderte sich vor allem die Virusmenge. Bei Wildbienen war die Menge von DWV-A in der dritten, seit etwa 1900 eisfreien Stufe signifikant höher als in der jüngsten Stufe. Bei Honigbienen lag DWV-B in den beiden älteren Stufen 3 und 4 höher als in den Stufen 1 und 2.
Für N. ceranae zeigte sich dagegen kein entsprechender Unterschied der Erregermenge zwischen den Gletscherstadien. Auch Sozialverhalten, Neststandort und Körpergröße der Wildbienen erklärten die Pathogenlast nicht. Ins Blickfeld rückt damit vor allem, wie sich Blütenangebot und Bienenbesuche entlang der Gletschersukzession verteilen.
Die Daten belegen allerdings keinen einfachen Übertragungsweg von Honigbienen zu Wildbienen. Im Gegenteil spricht die unterschiedliche DWV-Variante eher für weitgehend getrennte Virusdynamiken. Nach Ansicht der Autoren könnte gerade die geringe Überschneidung bei den besuchten Blüten derzeit wie eine ökologische Barriere wirken.
Weniger Blütenauswahl, mehr Kontakt?
Diese Barriere muss nicht stabil bleiben. Mit zunehmendem Gletscherrückzug verändern sich die Pflanzengemeinschaften, und wichtige Pionierblüten können seltener werden. Wenn Wild- und Honigbienen dadurch stärker auf dieselben Nahrungsquellen angewiesen sind, könnten gemeinsam besuchte Blüten häufiger zu Kontaktpunkten für infektiöse Partikel werden.
Für die Forscher ist deshalb nicht nur die Zahl der Erreger wichtig, sondern auch das Netzwerk aus Pflanzen und Bestäubern.
„Das Verständnis dieser Prozesse ist entscheidend, um wirksame Strategien zum Schutz der Bestäuber und der von ihnen erbrachten Ökosystemleistungen zu entwickeln“, sagt Gianalberto Losapio von der Université de Lausanne (UNIL).
Die Fallstudie zeigt zugleich, wie vorsichtig solche Muster interpretiert werden müssen. Untersucht wurde nur ein Gletschervorfeld, und die Autoren verweisen auf begrenzte Stichproben für einzelne Merkmale. Vor allem lässt sich aus den beobachteten Unterschieden noch nicht ableiten, wie häufig Krankheitserreger künftig tatsächlich zwischen Honig- und Wildbienen überspringen.
„Weitere Studien werden uns helfen, den Zusammenhang zwischen der Struktur von Pflanzen-Bestäuber-Netzwerken und der Übertragung von Krankheitserregern zwischen verschiedenen Bienenarten besser zu verstehen“, ergänzt Gianalberto Losapio.
Ob sich die prognostizierte Annäherung der Erregergemeinschaften tatsächlich einstellt, bleibt damit offen. Vergleiche mit weiteren Gletschervorfeldern und unterschiedlichen Bienendichten sollen nun zeigen, wie robust das beobachtete Muster ist.
Quellen:
Originalstudie im Fachmagazin Oikos, doi: 10.1002/oik.12516
25. August 2026
- Clara Lyu
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