Hitzeschutz-Debatte: Gehen Klimapläne und Wachstum zusammen?

Hitzeschutz-Debatte
Gehen Klimaschutz und Wirtschaft zusammen?
Stand: 18.08.2026 • 16:07 Uhr
Umwelt- und Klimaschutz haben in der Bundesregierung nicht die oberste Priorität. Angesichts von Hitze und Trockenheit werden Forderungen nach schnellem Handeln laut. Sonst wird es teuer für die Wirtschaft.
In Eisenach in Thüringen zeigt sich, dass wirtschaftliche Entwicklung und Klimaschutz zusammengehen. Der Automobilzulieferer Bosch macht es in seinem dortigen Werk mit 1.800 Beschäftigten vor. Der Strom kommt überwiegend von Photovoltaikanlagen auf den Fabrikdächern.
Nach den Worten des technischen Werksleiters Pedro Ernani Falluh Pimentel kann der Standort an sonnenreichen Tagen so seinen gesamten Strombedarf decken und zeitweise sogar überschüssige Energie erzeugen.
Fürs Heizen und Kühlen setzt Bosch in Eisenach nicht mehr auf fossile Energie, sondern nutzt großenteils die bei der Produktion entstehende Abwärme: "Durch die Umstellung auf Industriewärmepumpen konnten wir den Einsatz fossiler Energieträger deutlich reduzieren und unseren Gasbedarf am Standort um mehr als 90 Prozent senken", sagt Werksleiter Pimentel. Derzeit arbeiten sie in Eisenach außerdem an Lösungen, um Strom, Wärme und Kälte zu speichern.
Mit Wasserstoff zur Klimaneutralität
Aber Industriezweige wie Zement, Chemie oder Stahl, die viel Energie verbrauchen, tun sich besonders schwer, klimaneutral zu werden, also unter dem Strich nicht mehr Treibhausgase auszustoßen als eingespart werden. Deshalb setzen Stahlhersteller wie Thyssenkrupp oder die Salzgitter AG langfristig auf grünen, also mit Erneuerbaren Energien erzeugten Wasserstoff.
Anfang Juni hat ein Tochterunternehmen der Salzgitter AG mit dem Energiekonzern EWE eine langfristige Vereinbarung über die Lieferung von grünem Wasserstoff abgeschlossen. Salzgitter-Vorstandschef Gunnar Gröbler sprach vor einigen Jahren von "einem Zukunftsprojekt für die Salzgitter AG, um uns gestärkt aus der Transformation herauskommen zu lassen".
Nicht gegen die Wirtschaft
In der EU hat sich längst gezeigt, dass wirtschaftliches Wachstum und Klimaschutz vereinbar sind: Der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase ist seit 1990 um ein Drittel gesunken, während die Wirtschaft im gleichen Zeitraum um zwei Drittel gewachsen ist.
Aber für Bundeskanzler und CDU-Chef Friedrich Merz steht Klimapolitik unter dem Vorbehalt, dass sie die Wirtschaft nicht einschränkt. Bei der Generaldebatte im Bundestag betonte er vor einem knappen Jahr: "Ein Klimaschutz, der die industrielle Basis unseres Landes gefährdet oder gar zerstört, ein Klimaschutz, der den Wohlstand unseres Landes aufs Spiel setzt, der findet keine Akzeptanz in der Bevölkerung." Nach Merz' Worten ist die Frage nicht: Entweder Industrie und Wertschöpfung in Deutschland oder Klimaschutz. Es gehe darum, beides zu ermöglichen.
Experten fordern mehr Engagement
Die schwarz-rote Bundesregierung fördert den Kauf von E-Autos mit einer Prämie, die besonders Haushalten mit kleineren Einkommen zugutekommen soll. Die Förderung von Solaranlagen auf dem Dach soll eingeschränkt, der Ausbau von Sonnen- und Windenergie besser auf den Netzausbau abgestimmt werden.
Aber Fachleute verlangen nachdrücklich mehr Engagement von der Bundesregierung, damit Deutschland seine Ziele erreicht. Das im März vorgelegte Klimaschutzprogramm hält der Expertenrat für Klimafragen, ein unabhängiges wissenschaftliches Gremium, für ungenügend. Ratsmitglied Julia Pongratz empfahl der Bundesregierung Mitte Mai, nachzubessern und ihre Klimaschutzpolitik "in eine kohärente politische Gesamtstrategie" einzubetten.
Geringe Pegelstände kosten Millionen
Auch zu wenig Klimaschutz kann der Wirtschaft schaden. Jedenfalls zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass es deutlich teurer wird, zu wenig gegen die Erderwärmung zu tun, als rechtzeitig Geld für wirksamen Klimaschutz und für die Anpassung an die Folgen auszugeben.
Jüngste Untersuchungen gehen davon aus, dass eine Erwärmung um 1 Grad Celsius das weltweite Bruttoinlandsprodukt um mehr als ein Fünftel verringert. Ohne konsequentes Gegensteuern würde der Klimawandel demnach Wohlstandsverluste von über einem Drittel bedeuten. Für große Volkswirtschaften wie USA oder EU würde sich der Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas sogar dann rechnen, wenn sie das allein umsetzen, heißt es.
Auch Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat jüngst mit Blick auf austrocknende Flüsse in Deutschland betont: "Jeder, der bisher behauptet hat, Klimaschutz schadet der Wirtschaft, erlebt heute, dass kein vorhandener Klimaschutz der Wirtschaft schadet. Jeder Tag kostet 500 Millionen Euro, fast eine halbe Milliarde geringere Wirtschaftsleistungen."
Welche politischen Konsequenzen die Bundesregierung daraus zieht, ist allerdings noch offen. Die Union sieht Schneiders Forderung, Naturschutz und Klimaanpassung als Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern im Grundgesetz zu verankern, kritisch.