„Hobby Dogging“: Warum Menschen mit Fantasie-Hunden Gassi gehen

Damals als Kind, als die Sommer lang waren, so unendlich lang, damals also, da war die Fantasie eine gute Freundin. Eine, die immer da war, dabei war, wenn man etwa über die Sonnenwiesen hinter dem Haus lief, sich ins Gras zu den Gänseblümchen legte und in den Himmel schaute, mit dem Finger Wolken hin und her schob, sich vorstellte, von einer zur anderen zu hüpfen, es muss sich wie Trampolinspringen anfühlen, dachte man. Oder abends im Bett, wenn die Mutter das Licht ausmachte und man sich in der Dunkelheit Geschichten ausdachte, von Wesen mit leuchtenden Augen, die im Nachtschwarz glühten, gruslig aussahen, aber eigentlich nette Gesellen waren, die sich zu einem dann aufs Kopfkissen legten.
Irgendwann, wahrscheinlich als man in dieses Erwachsenwerden reinrutschte, traf man die Fantasie, diese gute Freundin aus Kindertagen, immer seltener, man verlor sich aus den Augen. Vielleicht, weil man andere Dinge im Kopf hatte, ganz reale eben, echte Freunde, endlose Telefonate, erste Liebe, erster Kummer. Jedenfalls schade, weil sie einen vielleicht hätte trösten können, hätte einen mitnehmen können in eine andere Welt, in der die Jungs nicht doof waren, sondern man wieder über Wolken hätte hüpfen und dabei Erdbeereis essen können.
Die Psychologie weiĂź um die Kraft der Fantasie
Die Psychologie macht sich die Macht der Fantasie längst zunutze. Sie dient der Stressbewältigung, Problemlösung, Emotionsregulation und der durchaus tröstlichen Erkenntnis, dass die schöpferische Kraft unseres Bewusstseins immens ist. Und das kann, soll Resilienz aufbauen, einen Schutzwall gegen Angriffe von außen, gegen die Feinde, die das Leben zuweilen in großer Truppenstärke schickt. Erschaffen wird diese Verteidigungsanlage allein durch innere Bilder, und das hat nichts damit zu tun, die Augen vor der Realität zu verschließen. Sondern den Unbilden ebendieser etwas zu entgegnen.
Unter anderem mit Gefährten, die niemand anderes sieht als man selbst. Treue Begleiter, die wir mit unseren Gedanken gestalten, sie uns ausmalen, zu Freunden machen. Hunde zum Beispiel. Seit einiger Zeit gibt es das sogenannte „Hobby Dogging“, Gassigehen ohne echten Vierbeiner, aber mit Leine in der Hand, es gibt sogar eigene Kurse, mit Hütchen und Hindernissen. Und man kann’s sich also aussuchen, ob man einem Pudel oder einem Bernhardiner übers flauschige Fell streichelt, ob man mit einem Rottweiler oder Zwergspitz durch den Parcours joggt. Es geht darum, die eigene Konzentration zu stärken, ganz bei sich zu sein, im Moment zu bleiben, mentales Training also, bei dem man auf sich schaut, auf den eigenen Körper, die Haltung, die Gedanken.
Realität und Fiktion gehen im Gehirn getrennte Wege
Man kann das alles lächerlich finden – und nicht wenige tun das, wie hunderte Kommentare auf Social Media zeigen. Aber man wird schwerlich drumherum kommen, festzustellen, dass uns die Flucht aus der Realität immer schon geholfen hat. Wir überqueren mit Romanhelden Ozeane, kämpfen gegen Zauberer, verlieben uns in den Falschen, den Richtigen, lösen Kriminalfälle, klappen die Bücher irgendwann zu und bleiben dennoch drin, weil's nachhallt. Wir hören Lieder und lassen uns hintragen an diese Orte, die da besungen werden, New York, Rio, Tokio. Wir setzen uns ans Spielbrett, Risiko, Eroberungsfeldzüge, Monopoly, Hotels bauen, auf der Insel Catan Schafe hüten. Es gibt längst Studien, die belegen, dass Brettspiele die mentale Gesundheit fördern.
Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Fantasie und Realität im Gehirn getrennte Wege gehen. Wir können also sehr wohl und stets unterscheiden, was wahr ist und was nicht, verlieren uns also nicht im Fiktiven, wenn wir in den Tagtraum gleiten und müssen demnach auch keine Angst davor haben, sondern können es genießen, uns fallen lassen, Kraft schöpfen, loslassen – Dinge, die im realen Alltagswirrwarr oft schwerfallen, eigentlich kaum möglich sind. Und vielleicht so wieder ein bisschen kindliche Fantasie zurückholen, diese gute Freundin in den Arm nehmen, mit der wir dereinst auf der Wiese lagen, im hohen Gänseblümchengras, über uns der blaue Sommerhimmel. Und mit dem Finger die Wolken hin und her schieben.