Ist Sachsen-Anhalt wirtschaftlich abgehÀngt?

Analyse
Löhne, Preise und Jobs
Ist Sachsen-Anhalt wirtschaftlich abgehÀngt?
Stand: 05.09.2026 âą 07:25 Uhr
Die Wirtschaftslage ist bei der Wahl in Sachsen-Anhalt ein wichtiges Thema. Das Bundesland altert und schrumpft, die Arbeitslosigkeit ist eher hoch. Manche Sorgen kennen aber auch Westregionen - und es gibt Standort-Vorteile.
Sachsen-Anhalt habe im bundesweiten Vergleich mit Blick auf die Wirtschaftskraft hÀufig die "rote Laterne", sagt Joachim Ragnitz, der Leiter des ifo-Instituts Dresden. Das belegten Auswertungen von rund 300 Wirtschaftsindikatoren im Vergleich der 16 BundeslÀnder.
"Die Arbeitslosenquote ist ziemlich hoch im Vergleich zu anderen LĂ€ndern, wir haben sehr geringe Löhne dort und wir haben geringe verfĂŒgbare Einkommen," so der Wirtschaftsforscher Ragnitz gegenĂŒber der ARD-Finanzredaktion. Im August lag die Arbeitslosenquote in Sachsen-Anhalt bei 8,2 Prozent und damit ĂŒber dem bundesweiten Durchschnitt von 6,5 Prozent.
Jahreseinkommen unter dem Durchschnitt
Der durchschnittliche Bruttojahresverdienst von VollzeitbeschÀftigten in Sachsen-Anhalt lag laut Statistischem Bundesamt 2025 bei 51.937 Euro und damit deutlich unter dem Bundesschnitt von 65.441 Euro.
Nimmt man nicht nur die Vollzeitstellen, sondern alle sozialversicherungspflichtig BeschÀftigte hinzu, lag der durchschnittliche Jahresbruttolohn in Sachsen-Anhalt im Jahr 2025 bei 41.163 Euro, bundesweit etwas höher, bei 45.913 Euro. Das beinhaltet auch die Löhne von Geringverdienern und Teilzeitarbeitenden. Auch hier gehört Sachsen-Anhalt im Bundesvergleich zu den Schlusslichtern, liegt aber nach Zahlen des Statistischen Bundesamts noch vor Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein.
Die Àlteste Bevölkerung aller BundeslÀnder
Hinzu komme "eine sehr ungĂŒnstige Bevölkerungsstruktur," so Joachim Ragnitz. "Wir haben in Sachsen-Anhalt die Ă€lteste Bevölkerung aller BundeslĂ€nder und gleichzeitig eine sehr negative Bevölkerungsentwicklung fĂŒr die Zukunft." Das Potential der ErwerbstĂ€tigen in dem Bundesland wird in den kommenden zehn Jahren laut Ragnitz um gut neun Prozent schrumpfen.
Ende 2025 lebten rund 2,12 Millionen Menschen innerhalb der Landesgrenzen, das waren 0,7 Prozent weniger als im Vorjahr. Schon jetzt fehlen FachkrĂ€fte. Es sei nicht besonders attraktiv fĂŒr Unternehmen, dort zu investieren, so ifo-Forscher Ragnitz. "Dann kommt hinzu, dass die Siedlungsstruktur nicht besonders gĂŒnstig ist. Mit Halle und Magdeburg gibt es nur zwei groĂe StĂ€dte und darĂŒber hinaus sehr viele Regionen, die sehr lĂ€ndlich geprĂ€gt und sehr abgelegen sind."
Dörfer, in denen kein Bus mehr hÀlt
In den 1990er-Jahren gab es eine sehr hohe Arbeitslosigkeit nach dem Zusammenbruch der DDR-Industrie, erklĂ€rt Ragnitz. Viele Menschen seien damals abgewandert. Die Folgen spĂŒre man noch jetzt. Dörfer, in denen kein Bus mehr hĂ€lt, der letzte BĂ€cker geschlossen und der nĂ€chste Arzt zu weit ist - all das sei RealitĂ€t im dĂŒnn besiedelten, lĂ€ndlichen Raum.
"Das ist in vielen Regionen Sachsen-Anhalts so: dass weder die öffentliche Daseinsvorsorge richtig funktioniert, weil der Staat es sich nicht leisten kann, eine Schule zu betreiben, weil auch zu wenig Kinder da sind." Ein solches Schrumpfen gebe es gleichzeitig im privaten Sektor. "Da wo wenig Leute wohnen, die auch nicht mehr in die Kneipe gehen, da wird sich keine Kneipe halten können. Die verschwindet dann."
Strukturschwache Regionen auch im Westen
Allerdings sind das keine ausschlieĂlich ostdeutschen PhĂ€nomene. Auch in westdeutschen FlĂ€chenlĂ€ndern gebe es sehr strukturschwache, lĂ€ndliche Gegenden. Daher hĂ€lt der ifo-Forscher die Differenzierung zwischen West und Ost fĂŒr teilweise nicht mehr zeitgemĂ€Ă. Vielmehr mĂŒsse man unterscheiden zwischen Stadt und lĂ€ndlicher Region.
"Wir sehen in unseren Daten, dass die regionale Differenzierung zwischen einzelnen Landkreisen im Westen teilweise noch viel gröĂer, als es zwischen Ost und West." Ragnitz spricht von einer Dreiteilung Deutschlands.
Es gebe die sĂŒdlichen BundeslĂ€nder, Bayern, Baden-WĂŒrttemberg und Hessen, die relativ gut dastehen, so der Ăkonom. "Dann haben wir die nördlichen BundeslĂ€nder plus das Saarland, die tendenziell eher schwach sind. Und wir haben den Osten, der diese NordlĂ€nder teilweise schon erreicht hat, sogar fast ĂŒberholt hat."
Von kleinen und mittelstÀndischen Firmen geprÀgt
Schaut man auf die Wirtschaftsstruktur in Sachsen-Anhalt, so ist diese von vielen kleinen und mittelstĂ€ndischen Unternehmen geprĂ€gt. Die chemische Industrie sei ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor, insbesondere im sĂŒdlichen Sachsen-Anhalt, sagt Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut fĂŒr Wirtschaftsforschung Halle (IWH). "Die Branche ist allerdings sehr Energie-intensiv und leidet unter den gestiegenen Kosten." Auch das: kein spezifisches Problem von Sachsen-Anhalt.
Aber in einem ansonsten eher strukturschwachen Bundesland schlĂŒgen Krisen besonders hart zu, so IWH-Forscher Holtemöller. "Wenn ich einen Arbeitsplatz in einem Unternehmen verliere, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich im direkten Umfeld eine neue BeschĂ€ftigung finden kann, geringer als in einer Region, in der es mehrere urbane Ballungszellen gibt."
Es fehlt eine ausreichende Zahl groĂer Konzerne, die wirtschaftliche SchwĂ€chephasen im eigenen Land durch ein internationales GeschĂ€ft abfedern können. GröĂter Arbeitgeber in Sachsen-Anhalt ist laut Erhebung der Norddeutschen Landesbank (Nord/LB) kein groĂes Industrieunternehmen, sondern die Deutsche Bahn mit mehr als 8.000 BeschĂ€ftigten.
Niedrige Mieten und geringere Lohnkosten
Dass das Bundesland so dĂŒnn besiedelt ist, bedeutet aber auch Kostenvorteile fĂŒr den Standort. Die Forscher vom Institut der deutschen Wirtschaft haben sich die Lebenshaltungskosten in Sachsen-Anhalt angeschaut und kommen zu dem Schluss, dass diese geringer seien als in allen anderen Teilen Deutschlands - vor allem dank geringer Wohnkosten. Ein reprĂ€sentativer Warenkorb ist demnach in Sachsen-Anhalt rund sieben Prozent gĂŒnstiger als im deutschen Durchschnitt. So bleibe in Sachsen-Anhalt mehr Geld zum Leben.
Aus Sicht der Wirtschaftsforscher ist das ein Argument fĂŒr die Ansiedlung von FachkrĂ€ften. Zudem seien die vergleichsweise geringen Lohnkosten ein guter Grund fĂŒr Unternehmen, dort zu investieren. Der DAX-Konzern Daimler Truck scheint die Vorteile erkannt zu haben: Im Sommer 2025 eröffnete er ein Logistik-Zentrum in Halberstadt. Investitionsvolumen: 500 Millionen Euro. Von der Stadt im Landkreis Harz aus versorgt der Lkw-Konzern seine Kunden nun weltweit mit Ersatzteilen.