KI-Tool soll das Risiko von häuslicher Gewalt einschätzen

Mehrere Frauenhäuser und Beratungsstellen in Deutschland nutzen ein KI-gestütztes Tool zur Gefährdungsanalyse bei häuslicher Gewalt. Entwicklerin Ba Linh Le erklärt, wo die Technologie hilft – und wo noch ihre Grenzen liegen.
Häusliche Gewalt kann unterschiedliche Formen annehmen. Bereits wenn ein Gefühl aufkommt, dass der Partner oder die Partnerin Grenzen überschreitet, können Frauenhäuser und Fachberatungsstellen in Deutschland als Anlaufstelle unterstützen.
Doch wie erkennt man dort auch weniger offensichtliche Anzeichen für das Risiko häuslicher Gewalt? Hier soll Künstliche Intelligenz helfen. Das soziale Start-up Frontline aus Berlin will mit dem KI-Tool "Lizzy" präzise und verlässlich eine Einschätzung geben.
Die Evaluierung beginnt mit einem Fragebogen, der standardisiert verschiedene wichtige Risikofaktoren abfragt. Das Ergebnis zeigt laufende und zukünftige Risiken von emotionaler, digitaler, finanzieller, körperlicher und sexualisierter Gewalt in drei Stufen.
"Standard" bezieht sich auf das durchschnittliche Risiko innerhalb der jeweiligen Bevölkerungsgruppe, "Medium" deutet auf ein erhöhtes Risiko hin. "Hochrisiko" signalisiert eine hohe Eintrittswahrscheinlichkeit von Gewalt.
Risiko von häuslicher Gewalt einschätzen
Aber kann eine KI tatsächlich voraussagen, ob jemand gewalttätig wird?
Mitbegründerin Ba Linh Le forscht aktuell als Doktorandin an der LMU München.
© Ba Linh Le
Frontline-Mitbegründerin Ba Linh Le sieht einen deutlichen Vorteil. "Wo die KI einen Unterschied machen kann, ist die Präzision der Vorhersage", sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. "Fachkräfte müssen tagtäglich, jeden Tag, jede Stunde, urteilen, ob Gewalt wieder passieren oder nicht passieren wird. Ob dieser Fall schlimmer wird oder nicht."
Nach Angaben des Frauenrats NRW liegen bisherige Risikoeinschätzungen im Schnitt bei zirka 57 Prozent Genauigkeit. Bei der Genauigkeit einer Vorhersage von künftiger körperlicher Partnerschaftsgewalt liegt "Lizzy" laut einer von Le und weiteren Mitgliedern von Frontline durchgeführten Studie bei ungefähr 80 Prozent.
"Lizzy" ist bisher in zwölf Bundesländern als Tool für Gefährdungsanalysen in Beratungsstellen, Frauenhäusern, Interventionsstellen, Koordinierungsstellen und Krisenstellen im Einsatz. Man sei auch in Kontakt mit Polizeibehörden. "Die größte Herausforderung, vor der wir zu Beginn jedes Gesprächs stehen, besteht darin, die Polizei davon zu überzeugen, dass die Instrumente, die sie seit Jahren zur Risikobewertung einsetzt, bestenfalls eine geringe Vorhersagekraft haben", schildert Le.
Bisherige Methoden nicht für Deutschland entwickelt
Bisher würden soziale Einrichtungen auch mit Modellen arbeiten, die nicht in und für Deutschland entwickelt wurden, argumentiert Le. "Lizzy" hingegen sei auf Grundlage einer Langzeitstudie mit deutschlandweit repräsentativen Daten entwickelt worden.
"Vor allem digitale Gewalt ist so ein Bereich, wo sich sehr viele Fachkräfte noch unsicher fühlen."
Ba Linh Le
Fragen wie "Wie oft kontrolliert jemand die Finanzen?" oder "Hält dich jemand davon ab, die Familie zu sehen?" kommen darin vor. Danach gibt das Tool eine Risikobewertung: Wie hoch ist das Risiko körperlicher, sexualisierter, emotionaler, finanzieller und digitaler Gewalt? "Vor allem digitale Gewalt ist so ein Bereich, wo sich sehr viele Fachkräfte noch unsicher fühlen", sagt Le.
"Gefährdungsanalysen sind so wichtig, einerseits um zu priorisieren – wir haben zu viele Fälle von häuslicher Gewalt – aber andererseits, weil sie mitunter bestimmen, wer jetzt den begehrten Frauenhausplatz und die elektronische Fußfessel oder die Unterstützungsmaßnahmen bekommt", erklärt Le.
Am Ende ist immer die Expertise und auch die menschliche Empathie der Fachkraft gefragt.
Ba Linh Le
Es handele sich dennoch nur um Werkzeuge, betont sie: "Am Ende ist immer die Expertise und auch die menschliche Empathie der Fachkraft gefragt." Die Verantwortung liege weiterhin bei den einzelnen Fachkräften, die eine informierte Entscheidung treffen müssen.
KI als Unterstützung für geschulte Fachkräfte
Juliane Fiegler von der Frauenhauskoordinierung betont auf Anfrage unserer Redaktion ebenfalls, dass die KI-basierte Risikobewertung fachliche Expertise nicht ersetzen, sondern nur ergänzen könne.
Gefährdungseinschätzungen bei häuslicher Gewalt erforderten ein "komplexes Zusammenspiel aus psychosozialem Fachwissen, Beziehungsdynamiken, individueller Situationseinschätzung und menschlichem Urteilsvermögen – Aspekte, die sich nur begrenzt algorithmisch abbilden lassen", erklärt Fiegler.
Über die Frauenhauskoordinierung e.V.
Der 2001 gegründete Verein unterstützt deutschlandweit Frauenhäuser und Fachberatungsstellen in fachlicher Hinsicht und bei ihrer politischen Arbeit. Mit zusammen über 280 Frauenhäusern und mehr als 285 Fachberatungsstellen fördern und sichern die Mitglieder das Hilfe- und Unterstützungssystem für Frauen, die von Gewalt betroffen sind, sowie für ihre Kinder.
Man begrüße aber grundsätzlich neue technologische Entwicklungen. Durch KI-Lösungen könne man Fachkräfte unterstützen, wertvolle Impulse liefern und Personal entlasten – insbesondere angesichts knapper personeller Ressourcen.
Selbsttest mit "Lizzy"? Bisher nur "ideales Szenario"
Eine öffentlich verfügbare Version von "Lizzy" gibt es nicht. Sozialarbeitende und Wohlfahrtsverbände können das Tool laut Website jedoch kostenlos nutzen.
In einer Idealwelt – ohne die Frage der Finanzierung – würde das Team um Le aber auch an einer Version arbeiten, die Betroffenen öffentlich zur Verfügung gestellt wird. "Weil man dann zu Hause testen kann, bevor man überhaupt den Schritt wagt, zur Beratungsstelle zu gehen", sagt Le. "Und wir wissen ja eigentlich von der letzten BKA-Studie, dass das nicht viele tun. Diese Betroffenen verdienen es auch, ihre Risiken eingeschätzt zu bekommen."
Dann könnten Betroffene sich auch erst einmal ein "Gefühl bestätigen lassen". "Mein ideales Szenario wäre, dass die Innenministerien unser Tool übernehmen würden. Denn häusliche Gewalt ist kein Frauen- oder Privatproblem, es ist ein Problem der inneren Sicherheit", sagt Le.
Hohe Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt angenommen
Das Bundeskriminalamt (BKA) verzeichnet eine steigende Zahl der Opfer häuslicher Gewalt in Deutschland. Das zuletzt veröffentlichte Bundeslagebild geht im Jahr 2024 von insgesamt 265.942 Opfern aus, darunter 171.069 Opfer von Partnerschaftsgewalt und 94.873 Opfer von innerfamiliärer Gewalt.
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Die BKA-Studie LeSuBiA zeigt ein großes Dunkelfeld. Die repräsentative Dunkelfeldstudie untersucht Gewalterfahrungen von Menschen in Deutschland. Im Fokus stehen Partnerschaftsgewalt, sexualisierte Gewalt und digitale Gewalt. Außerdem erfasst die Studie unter anderem Gewalt in der Kindheit. Die Anzeigequoten liegen demnach bei den meisten untersuchten Gewaltformen unter 10 Prozent. Bei psychischer und körperlicher Gewalt in (Ex-)Partnerschaften liegen sie unter 5 Prozent.
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Nach Angaben von Le soll im September eine nächste Version von "Lizzy" erscheinen. Diese soll weitere Risikosituationen wie Kindesmissbrauch berücksichtigen und sich in erster Linie auf Risikomanagement konzentrieren – insbesondere auf die Frage, was nach einer ersten Risikobewertung passiert. "Wenn beispielsweise festgestellt wird, dass der Partner Zugang zu den Geräten hat oder die Passwörter kennt, lassen sich daraus ganz konkrete Verhaltens- und Schutzempfehlungen ableiten", sagt Le.
Verwendete Quellen
Interview mit Ba Linh Le
Schriftliche Anfrage an den Verein Frauenhauskoordinierung
Bundeslagebild Häusliche Gewalt (2024)
Bka.de: Dunkelfeldstudie LeSuBiA veröffentlicht: Neue Erkenntnisse zur Gewaltbetroffenheit in Deutschland
frontline100.com: Häusliche Gewalt früher beenden mit unserer KI-gestützten Gefährdungsanalyse
forum-kriminalprävention.de: Gefährdungsanalysen bei Partnerschaftsgewalt
frauenrat-nrw.de: Information zum kostenfreien KI-Tool Lizzy
Hilfsangebote
Wenn du selbst von häuslicher oder sexualisierter Gewalt betroffen bist, wende dich bitte an das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" (116 016 oder online), das Hilfetelefon "Gewalt an Männern" (0800/1239900 oder online) oder das Hilfetelefon "Sexueller Missbrauch" (0800/225 5530).
Frauenhaussuche der Frauenhauskoordinierung (www.fh-suche.de).
Wenn du einen Verdacht oder gar Kenntnis von Gewalt gegen Dritte hast, wende dich bitte direkt an eine Polizeidienststelle.
Anlaufstellen für verschiedene Krisensituationen im Überblick findest du hier.