Kürzungen beim Wohngeld - mehr Armut in Deutschland?

Kritik an Sparplänen
Kürzungen beim Wohngeld - mehr Armut in Deutschland?
Stand: 03.08.2026 • 08:29 Uhr
Die Bundesregierung plant Kürzungen beim Wohngeld. Ein Drittel aller Betroffenen soll künftig leer ausgehen. Der Paritätische Wohlfahrtsverband befürchtet steigende Armut - besonders bei Familien und Alleinerziehenden.
Jasmin Roob fürchtet, dass sie von den geplanten Kürzungen beim Wohngeld betroffen sein wird. Die 39-Jährige lebt mit Sohn Din und Tochter Savannah in Stuttgart. Als Sozialarbeiterin verdiene sie 1.700 Euro netto im Monat, sagt sie. Mehr als eine 60-Prozent-Stelle schaffe sie mit der Kinderbetreuung nicht. Die Miete in dem Stuttgarter Mehrapartmenthaus am Stadtrand liege mit Nebenkosten bei über 1.000 Euro monatlich.
Was übrig bleibt, reiche nicht zum Leben mit zwei Kindern, sagt sie. Deshalb sei sie auf Hilfe vom Staat angewiesen. Auch ohne viel Geld versucht Jasmin Roob, sich und ihren Kindern ein schönes Leben zu ermöglichen, doch überall sind die finanziellen Sorgen mit dabei. "Wenn meine Waschmaschine kaputt gehen würde, hätte ich ein Problem. Eine neue wäre nicht drin." Ohne Zuschüsse wie das Wohngeld wisse sie nicht, wie sie über die Runden kommen soll. Jetzt schon überlegen sich viele Paare in ihrem Umfeld, ob sie sich überhaupt noch ein Kind leisten können, sagt sie. "Ich kenne viele Paare mit zwei Einkommen, die kein zweites Kind wollen, weil es zu teuer in Stuttgart ist."
Erhebliche Kürzungen geplant
Ein Drittel weniger Haushalte sollen laut Plänen der Bundesministerin für Bauen und Wohnen Verena Hubertz (SPD) Wohngeld bekommen.
Zwischen 1,5 Milliarden Euro und zwei Milliarden Euro will die Bundesregierung so einsparen. Etwa 1,2 Millionen Haushalte haben laut statistischem Bundesamt 2024 Wohngeld bezogen.
"Die Armut in Deutschland wird steigen"
Die Kürzungen würden vor allem Alleinerziehende und Familien mit Kindern betreffen, warnt der Paritätische Wohlfahrtsverband. "Wir müssen sehen, 70 Prozent der Menschen in Wohngeldhaushalten leben in Haushalten mit Kindern", sagt Hauptgeschäftsführer Joachim Rock.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat berechnet, dass mit einem Wegfall des Wohngelds die Armut in Deutschland drastisch steigen würde. Rock sieht vor allem Alleinerziehende von den Einsparungen betroffen.
Denn neben dem Wohngeld fallen auch noch andere Zuschüsse durch weitere Einsparungsvorhaben weg. Die Wohngeldkürzung schlage mit mehreren hundert Euro zu buche, die Kürzung des Unterhaltsvorschusses seien weitere mehrere hundert Euro. "Wir haben eine Streichung des Sofortzuschusses, das ist eine Leistung in Höhe von fünfundzwanzig Euro pro Kind und Monat."
Auch, dass mit diesen Kürzungen große Einsparungen für den Bundeshaushalt zu erwarten sind, zweifelt Rock an. Denn wegen der vielen Kürzungen würden viele Menschen in die Grundsicherung rutschen. "Dann zahlt ein anderes Ministerium die Kosten, aber man hat insgesamt keine Einspareffekte."
Verband: Kürzungspläne müssen verändert werden
Dass gespart werden müsse, das sieht auch der Paritätische Wohlfahrtsverband. Die aktuellen Kürzungen träfen aber die Falschen, sagt Joachim Rock. Vielmehr müsse die Bundesregierung die Mietsteigerungen mehr regulieren und mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen. Durch mehr öffentlichen und gemeinnützigen Wohnraum würden die Wohngeldkosten nachhaltig gesenkt - und damit auch die benötigten Wohngeldzuschüsse. "Alles andere ist schlicht keine Lösung der wirklichen Probleme."
Die Kürzungspläne beim Wohngeld sollen schnellstmöglich zurückgenommen werden, fordert Rock. Die Betroffenen bräuchten stattdessen verlässliche Rahmenbedingungen und seien auf den besonderen Schutz angewiesen.
Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband
Der Paritätische Wohlfahrtsverband (auch: Der Paritätische) ist ein Dachverband gemeinnütziger sozialer Organisationen und einer der sechs Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Dazu zählen beispielsweise auch der deutsche Caritasverband und die Diakonie. Mehr als 10.000 Mitgliedsorganisationen zählen zum Paritätischen Wohlfahrtsverband bundesweit - unter anderem der Deutsche Kinderschutzbund. Als Lobbyorganisation setzt sich der Paritätische Wohlfahrtsverband für Menschen in benachteiligten Lebenslagen ein.