Migrationskrise in Ceuta entzweit die EuropÀische Union

Die Migrationskrise in der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta hat innerhalb der EuropĂ€ischen Union zu schweren Auseinandersetzungen gefĂŒhrt. Die EU-Innenminister wollen sich am Dienstag bei einer Dringlichkeitssitzung mit den "Entwicklungen in Ceuta" befassen, wie die irische EU-RatsprĂ€sidentschaft im Onlinedienst X ankĂŒndigte.
Gefordert wurde das Treffen sowohl vom spanischen Regierungschef Pedro Sånchez als auch von den Staats- und Regierungschefs von 22 der 27 EU-Mitgliedstaaten. WÀhrend die Mehrheit der europÀischen Regierungen eine hÀrtere gemeinsame Reaktion verlangt, wirft Sånchez einigen PartnerlÀndern einen "egoistischen" und "rechtswidrigen" Umgang mit der Krise vor.
Bis zu 60.000 Menschen gelangen nach Ceuta
Auslöser des Streits war die Ankunft zehntausender Migranten in Ceuta. Im Laufe einer Woche seien bis zu 60.000 Menschen von Marokko aus ĂŒber Land oder auf dem Seeweg in die spanische Exklave gelangt, sagte der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska bei einem Besuch vor Ort.
An der Grenze und an den StrÀnden kam es zu chaotischen Szenen. Mindestens 72 Migranten starben nach Angaben der Behörden auf dem Weg nach Ceuta.
Eine schwimmende Barriere soll nun illegale GrenzĂŒbertritte auf dem Wasserweg in Ceuta verhindernBild: Jorge Guerrero/AFP
Mittlerweile sei "fast die Gesamtheit" der angekommenen Migranten nach Marokko zurĂŒckgekehrt, teilte das spanische Innenministerium mit. Reporter der Nachrichtenagentur AFP beobachteten am Samstag, wie weitere, ĂŒberwiegend junge Migranten unter Aufsicht der SicherheitskrĂ€fte die Grenze nach Marokko ĂŒberquerten.
Im Meer vor Ceuta legten die spanischen Behörden zudem eine rund 500 Meter lange schwimmende Barriere aus. Nach Angaben von EU-KommissionsprĂ€sidentin Ursula von der Leyen und der spanischen Regierung erreichte "keine einzige Person das spanische Festland oder den ĂŒbrigen Teil der EU".
Ursache des Andrangs bleibt unklar
Was den plötzlichen Ansturm ausgelöst hat, ist weiterhin nicht abschlieĂend geklĂ€rt. Die marokkanischen Behörden veröffentlichten zunĂ€chst keine offizielle ErklĂ€rung.
SĂĄnchez machte GerĂŒchte verantwortlich, die von einer "Schleusermafia" verbreitet worden seien. Demnach sei fĂ€lschlicherweise der Eindruck erweckt worden, die Grenze nach Ceuta sei geöffnet. Die marokkanische Menschenrechtsorganisation AMDH forderte eine "seriöse und unabhĂ€ngige Untersuchung" der Ereignisse.
Der deutsche Vizekanzler Lars Klingbeil sprach von einer offenbar gezielt herbeigefĂŒhrten Entwicklung. Ceuta sei "Ziel einer offenbar gesteuerten Migrationsbewegung" geworden, erklĂ€rte er. Die Menschen seien instrumentalisiert worden "in dem Versuch, Europa zu spalten". Deshalb stehe "die Geschlossenheit Europas und die SolidaritĂ€t mit Spanien jetzt an erster Stelle".
22 Staaten verlangen europÀische Antwort
In einem gemeinsamen Schreiben forderten die Staats- und Regierungschefs von 22 EU-LĂ€ndern eine "unverzĂŒgliche und koordinierte europĂ€ische Antwort". Es dĂŒrfe nicht zugelassen werden, "dass massenhafte und unkontrollierte GrenzĂŒbertritte, die Instrumentalisierung von Migration oder andere hybride Bedrohungen den Eindruck erwecken, es sei möglich, illegal in die EuropĂ€ische Union einzureisen".
Ebenso dĂŒrfe nicht der Eindruck entstehen, "dass eine illegale Einreise anschlieĂend in einen legalen Aufenthalt ĂŒbergehen kann". Unterzeichnet wurde das Schreiben unter anderen von Bundeskanzler Friedrich Merz.
Diese Passage kann als Kritik an der spanischen Regierung verstanden werden. Die linksgerichtete Regierung in Madrid verfolgt eine vergleichsweise liberale Migrationspolitik und hatte im FrĂŒhjahr damit begonnen, hunderttausenden irregulĂ€r eingereisten Menschen eine Aufenthaltsgenehmigung zu erteilen.
Die italienische MinisterprÀsidentin Giorgia Meloni brachte einen Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum ins SpielBild: Stefano Costantino/Avalon/Photoshot/picture alliance
Initiiert wurde der Brief von Italiens rechtsgerichteter MinisterprÀsidentin Giorgia Meloni und ihrer dÀnischen Kollegin Mette Frederiksen. Zu den Unterzeichnern gehören auch die Regierungen Ungarns, Schwedens und Polens. Die spanischen NachbarlÀnder Frankreich und Portugal beteiligten sich dagegen nicht.
Von der Leyen begrĂŒĂte den VorstoĂ. Es mĂŒsse ein Prozess eingeleitet werden, "um unsere europĂ€ische WiderstandsfĂ€higkeit zu stĂ€rken", erklĂ€rte die EU-KommissionsprĂ€sidentin.
Italien fĂŒhrt Grenzkontrollen ein
Meloni erklĂ€rte auf X, die von Italien vertretene Linie werde "von einer immer gröĂeren Zahl" europĂ€ischer LĂ€nder geteilt. Sie hatte zuvor sogar eine Aussetzung der Schengen-Regeln gegenĂŒber Spanien ins GesprĂ€ch gebracht und dafĂŒr UnterstĂŒtzung aus Finnland und DĂ€nemark erhalten.
Italien fĂŒhrte schlieĂlich zunĂ€chst fĂŒr einen Monat wieder Kontrollen im Flug- und Schiffsverkehr mit Spanien ein. Die Regierung in Madrid bezeichnete Drohungen, Spanien aus dem Schengen-Raum auszuschlieĂen, als "demagogisch".
Von der Nachrichtenagentur AFP befragte Juristen erklĂ€rten, ein solcher Ausschluss sei nach geltendem EU-Recht nicht möglich. Zudem gelten fĂŒr Ceuta ohnehin nicht dieselben FreizĂŒgigkeitsregeln wie im ĂŒbrigen Schengen-Raum.
SĂĄnchez warnt vor Spaltung Europas
Sånchez forderte seinerseits eine Sondersitzung der EU-Innenminister. In einem Brief an die Spitzen der europÀischen Institutionen schrieb der Sozialist, "im gegenwÀrtigen internationalen Kontext" könne sich die EuropÀische Union eine "egoistische, spaltende und rechtswidrige Reaktion" nicht leisten.
Der spanische MinisterprÀsident Pedro Sånchez reiste am Freitag selbst nach CeutaBild: Fabian Bimmer/REUTERS
Die spanische Regierung betont, sie habe verhindert, dass Migranten von Ceuta aus weiter auf das europĂ€ische Festland gelangten. Zugleich verweist sie auf die Zusammenarbeit mit Marokko bei der RĂŒckkehr der Menschen.
Wadephul fordert Vorrang fĂŒr AuĂengrenzschutz
Der deutsche AuĂenminister Johann Wadephul forderte die EU-Kommission dazu auf, dem Schutz der europĂ€ischen AuĂengrenzen absolute PrioritĂ€t einzurĂ€umen.
"Die Lage in Ceuta in den vergangenen Tagen war ein absoluter Stresstest, den wir bestanden haben", sagte der Politiker der "Bild am Sonntag". "Die Situation hat gerade auch die AnfĂ€lligkeit Europas gezeigt. Ich erwarte daher, dass die EU-Kommission dem Schutz der AuĂengrenzen absolute PrioritĂ€t einrĂ€umt, um das Schengen-System offener EU-Binnengrenzen nicht weiter zu gefĂ€hrden."
Der deutsche AuĂenminister Johann WadephulBild: Soeren Stache/dpa/picture alliance
Wadephul betonte auĂerdem, eine wirksame Migrationspolitik sei ohne die Zusammenarbeit mit Staaten auĂerhalb der EU nicht möglich. "Um illegale Migration zu kontrollieren, brauchen wir Partner auĂerhalb Europas, wie in diesem Fall Marokko. Spanien und Marokko haben es gemeinsam geschafft, diese Krise, die auch in Europa logischerweise gröĂte Sorgen ausgelöst hat, schnell zu lösen. Das begrĂŒĂe ich sehr", sagte er.
Die Krise habe zugleich gezeigt, wie wichtig ein gemeinsames und schnelles Vorgehen gegen Falschinformationen sei. Diese könnten Menschen dazu bringen, sich auf lebensgefÀhrliche Fluchtrouten zu begeben.
pgr/haz (afp, rtr)