Museum in Wolfhagen erfindet sich neu

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Stand: 16.07.2026, 06:00 Uhr
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Sieht das Potenzial des Standorts: Julia Bock, Leiterin des Regionalmuseums Wolfhager Land, hat ein Konzept für einen Museumsverbund mit drei Standorten in Wolfhagen entwickelt. © Thon, Antje
Das Regionalmuseum Wolfhager Land wird erneuert. Das Konzept sieht drei Standorte vor. In ihm wird Wolfhagens Geschichte aus einer globalen Perspektive betrachtet.
Wolfhagen – Drei Orte, eine Geschichte – das ist der Rahmen, den das neue Museumskonzept für Wolfhagen bespielt. Julia Bock, die seit einem Jahr das Regionalmuseum Wolfhager Land leitet, hat den 100 Seiten starken Plan federführend entwickelt. Einbezogen in die ambitionierte Planung sind mit der Zehntscheune, dem Alten Renthof und dem Haus an der Mittelstraße als künftigem Hauptstandort drei Gebäude, in denen jeweils unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte gesetzt werden. Die drei Domizile werden als Museumsverbund betrachtet. Für die Umsetzung gibt sich die Stadt bis zum Jahr 2032 Zeit.
Soll der Dreh- und Angelpunkt werden: das aktuell leer stehende Fachwerkgebäude an der Mittelstraße. Die Stadt Wolfhagen möchte es kaufen. Neben dem Stadtmuseum sollen dort auch die Tourist-Info und ein Veranstaltungsort entstehen. © Antje Thon
Julia Bock möchte mit ihrem Ansatz eine Geschichte erzählen. Sie verknüpft Wolfhagens Wurzeln mit einer globaleren Perspektive. Dabei geht es um Mut, Krisenbewältigung und Zukunftsfähigkeit – ein Thema, das beim Blick ins aktuelle Zeitgeschehen nichts an seiner Aktualität verloren hat. Die Kunstwissenschaftlerin möchte Museumsgäste mitnehmen auf eine Erlebnisreise durch das Wolfhager Land. Im Fachwerkhaus an der Mittelstraße, in dem das Geschäft Sport Pelz beheimatet war und das die Stadt kaufen möchte, unternehmen Besucher mit Hans Staden weltumspannende Abenteuer, begegnen dem Wolf als Symbolfigur und befassen sich mit Fragen unserer Zeit. Weitere Themen dort reichen von den frühesten Siedlungsspuren über Stadtentwicklung, Handwerk, Religion, Krisenzeiten und Wiederaufbau bis zu aktuellen Fragen von Zusammenhalt, Ehrenamt und Zukunftsgestaltung. Im Gebäude an der Mittelstraße sollen Veranstaltungen stattfinden. Die Tourist-Info wird dort ebenfalls ihren Platz finden.
Kunsthistorische Sammlung
Wolfhagens kulturhistorische Sammlung wird schwerpunktmäßig in den beiden Bestandsgebäuden an der Ritterstraße ausgebreitet. In der Zehntscheune beheimatet bleiben Geologie, Spezialthemen, Sonderformate und Depot. Im Renthof werden künftig die regionalgeschichtliche Sammlung aufbewahrt und deren historische Verankerung sichtbar gemacht. Das Leitmotiv des zukünftigen Museums lautet: Stadtresilienz – Wie bleibt eine Stadt handlungsfähig? „Damit wird die Geschichte Wolfhagens nicht allein chronologisch erzählt, sondern als Geschichte von Krisenbewältigung, Wandel, Zusammenhalt und Zukunftsfähigkeit verstanden. Das Museum fragt, wie Menschen und Gemeinschaften im Wolfhager Land über Jahrhunderte hinweg mit Bedrohungen, Umbrüchen und Veränderungen umgegangen sind“, erläutert die 52-Jährige, die bei der Erarbeitung des Konzepts ihre Erfahrungen als Fachreferentin für Sammlungs- und Depotmanagement sowie Qualitätsstandards in Museen eingebracht hat.
Stadtresilienz beschreibt die Fähigkeit einer Stadtgesellschaft, auf Krisen, Veränderungen und Herausforderungen zu reagieren und handlungsfähig zu bleiben. Dieses Thema verbindet historische Erfahrungen mit gegenwärtigen und zukünftigen Fragen. Für Wolfhagen sei dieses Leitmotiv besonders geeignet. Die Geschichte der Region ist geprägt durch Stadtwerdung und Stadtentwicklung, Brände und Zerstörungen, Kriege und politische Umbrüche, Hunger, Krankheit und Notzeiten sowie religiöse und gesellschaftliche Veränderungen. Aber auch Themen wie wirtschaftlicher Wandel, Vereinsleben und Ehrenamt, demokratische Entwicklungen sowie heutige Zukunftsfragen wie Demografie, Klimawandel und Innenstadtentwicklung spielten mit rein.
Im Wolfhager Land ließen sich diese Entwicklungen an konkreten historischen Beispielen nachvollziehen – etwa an wiederholten Stadtbränden, Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges und wirtschaftlichen Umbrüchen in Landwirtschaft und Handwerk. Die Entwicklung des ehemaligen Muna-Geländes, die vor kaum 90 Jahren ihren Anfang nahm, ist ebenfalls exemplarisch. Selbst die Energiewende und das bürgerschaftliche Engagement können abgebildet werden. „Das Museum fragt daher nicht nur: Was ist passiert? Sondern vor allem: Wie haben Menschen darauf reagiert? Was hat ihnen Halt gegeben? Was hat Gemeinschaft gestärkt?“, skizziert sie die Chance. Mit dem neuen Konzept sollen Ereignisse nicht als abgeschlossene Vergangenheit dargestellt werden, sondern als ein Erfahrungsraum, der heute spürbar ist und in die Zukunft reicht.
Identitätsstiftende Themen
Hans Staden, der im 16. Jahrhundert in Diensten portugiesischer Eroberer stand und als dessen Wohnort in Dokumenten Wolfhagen angegeben ist, soll ein Alleinstellungsmerkmal bilden und überregional Publikum anlocken. Seine Biografie stehe für individuelle Resilienz, Fremdheitserfahrung, Überleben und Weitergabe von Erfahrungen. Zugleich verbinde er Wolfhagens Geschichte mit internationalen Perspektiven, bemerkt Bock in ihrem Konzept. Seine Geschichte eröffne die Möglichkeit, weitere identitätsstiftende Themen der Stadt miteinander zu verknüpfen. Der Wolf als Namensgeber und Symbolfigur Wolfhagens, die Märchentradition der GrimmHeimat Nordhessen, die internationale Geschichte Stadens sowie Wolfhagens Städtepartnerschaft mit Ubatuba in Brasilien bildeten ein kulturelles Erzählnetzwerk. „Aus dieser Verbindung entsteht kein klassisches Heimatmuseum, sondern ein Museum, das regionale Geschichte, globale Perspektiven und aktuelle Fragen gesellschaftlicher Resilienz miteinander verbindet.“
Nachaltige Wissensvermittlung
Viel Aufmerksamkeit verspricht sich die Museumsexpertin für den Keller des Hauptstandortes, wo sich Besucher „Im Bauch des Wolfes“ aufhalten können. Sie versteht ihn als innovativen Experimentier- und Erlebnisraum. Auf teure Dauereinbauten wird dort verzichtet. Dadurch entstehe ein flexibel bespielbarer Ort für wechselnde Inszenierungen, digitale Anwendungen, museumspädagogische Angebote und partizipative Formate. „Mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln wie Projektionen, Licht- und Klanginstallationen sowie mobilen Raumelementen kann eine hohe Besucherwirkung erzielt werden“, sagt sie. Moderne Museumsvermittlung wird mit wirtschaftlicher Nachhaltigkeit verbunden. So ermögliche sie eine schrittweise Entwicklung, die an künftige Fördermöglichkeiten und Besucherbedürfnisse angepasst sei.
Attraktion in der Zehntscheune: die geologische Sammlung mit der Nachbildung des Urhandtieres, dessen Spuren erstmals in einem Steinbruch im Stadtwald entdeckt wurden. © Thon, Antje
Als besondere Attraktion des neuen Stadtmuseums soll in der zweiten Etage ein „Kubus Magicus“ entstehen. Vorbild ist die multimediale Erlebnisinstallation im Schloss Ehrenstein in der Wolfhager Partnerstadt Ohrdruf. Der Kubus Magicus verbindet moderne Medientechnik mit regionalen Themen und ermöglicht eine emotionale und immersive Vermittlung von Wissen. In der dritten Etage soll die „Generationenwerkstatt Wolfhagen“ einziehen. Sie versteht sich als Ort für Lernen, generationenübergreifenden Austausch und gemeinsames Gestalten.
Wolfhagens Stadtverordnete haben erst kürzlich die Absicht erklärt, das Museum in kommunale Trägerschaft zu übernehmen. Dem Verein, der bislang zuständig ist, soll künftig die Rolle eines Förderers und Unterstützers zukommen. Eines wird sich mit dem Trägerwechsel nicht ändern: Das Museum wird weiterhin auf Zuschüsse angewiesen bleiben. Die Besucherzahl soll von aktuell 1500 auf bis zu 3500 pro Jahr anwachsen. Mit dieser Prognose ist keine Kostendeckung zu erwarten. „Die wirtschaftliche Rechtfertigung des Museums liegt nicht in unmittelbaren Einnahmen, sondern in seinem Beitrag zu Kultur, Bildung, Tourismus, Stadtmarketing, Ehrenamt, Innenstadtbelebung und kommunaler Identität“, sagt Julia Bock.