"Neubauten auf Friedhof" - Wer kauft Wohnungen in Mariupol?

Die Englischlehrerin Halyna Artemowa lebte fast 40 Jahre in Mariupol, im Metallurgen-Prospekt 87. "Es ist meine geliebte Stadt, beim Anblick der Fotos kommen mir die Tränen. Jeden Riss im Asphalt, jeden Baum kenne ich", sagt sie der DW. Bei einem russischen Angriff im März 2022 wurde ihr Wohnhaus in der Stadt am Asowschen Meer von einer Rakete getroffen.
Im Nachbarhaus, im Metallurgen-Prospekt 85, lebte der Fotograf Jewhen Sosnowskyj mit seiner Frau 20 Jahre lang: "Alles habe ich selbst gemacht, den Innenausbau und die Möbel. Wir haben viel investiert und wollten dort ruhig unseren Lebensabend verbringen." Nach dem Raketeneinschlag geriet auch sein Haus in Brand. Die Bewohner wurden von russischen Truppen vertrieben, sie durften weder Essen noch Kleidung mitnehmen.
Jewhen Sosnowskyjs Wohnung vor und nach dem russischen EinmarschBild: Evgeny Sosnovsky
An der Stelle von Jewhen Sosnowskyjs Wohnhaus befindet sich heute ein Parkplatz und dort, wo Halyna Artemowa lebte, steht ein Neubau. Der russische Bauträger "Su-2007", der in den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine aktiv ist, hat mehrere im Krieg zerstörte Gebäude im Metallurgen-Prospekt abgetragen und dort Hochhäuser errichtet. Sie sind Teil des Wohnkomplexes "Leningradskij Kwartal".
Die DW hat keinen Zugang in die russisch besetzten Gebiete der Ukraine und kann auch aus Mariupol nicht direkt berichten. Allerdings lässt sich durch Gespräche mit ehemaligen Bewohnern der Stadt, durch Satellitenbilder und durch Recherchen im Internet in Teilen nachzeichnen, wie das Leben in Mariupol heute aussieht.
Neuankömmlinge im Metallurgen-Prospekt
Zum Beispiel in Nachbarschafts-Foren kommunizieren die Menschen untereinander, die bereits in die neuen Wohnungen am Metallurgen-Prospekt eingezogen sind. Wie aus den Foren hervorgeht, haben die meisten von ihnen die Wohnungen zum Eigenbedarf oder zur Vermietung erworben. Sie interessieren sich dafür, wie man Möbel aus Russland geliefert bekommen kann oder welchen Kindergarten und welche Schule sie für ihre Kinder wählen sollen. Im Chat wird auch daran erinnert, dass es bei der Einreichung von Dokumenten vor allem darauf ankommt, dass diese russischer Herkunft sind. Noch sind nicht alle mit dem Innenausbau ihrer Wohnungen fertig, und einige Familien mit kleinen Kindern beschweren sich: "Es ist Ruhezeit! Macht endlich Schluss mit den verdammten Arbeiten! Oder seid ihr etwa pro-ukrainisch und gegen russische Gesetze?"
So soll der Wohnkomplex "Leningradskij Kwartal" in Mariupol mal aussehen - laut Screenshot der Projekt-WebsiteBild: жк-ленинградский-квартал.рф
Laut dem Wirtschaftsexperten Wjatscheslaw Schirjajew werden die Wohnungen in den Neubauten von Mariupol hauptsächlich von Zugezogenen gekauft - von russischen Sicherheitskräften, Beamten und Logistik-Mitarbeitern des Militärs. "Hinzu kommen einige wenige Menschen, die einfach gerne am Meer leben möchten, sich aber die Krim oder Sotschi nicht leisten können", sagt er.
In den von Russland besetzten Gebieten werden günstige Hypotheken mit einem Jahreszins von zwei Prozent für die gesamte Laufzeit angeboten, vorausgesetzt, der Kreditnehmer besitzt die russische Staatsbürgerschaft. Die maximale Kredithöhe beträgt sechs Millionen Rubel (ca. 63.000 Euro), und das mit eingebrachte Kapital muss mindestens zehn Prozent betragen.
Wohnungspreise deutlich gestiegen
Dutzende Wohnhäuser sind in Mariupol im Bau und viele sind bereits bezogen. Laut russischen Banken liegt die Stadt in den besetzten Gebieten an erster Stelle bei der Vergabe von Hypothekendarlehen. Die Immobilienpreise seien innerhalb eines Jahres um ein Drittel gestiegen, vor allem wegen der Lage am Meer. Eine solche Lage sei in Russland nicht zu finden, so Schirjajew. Ihm zufolge sind die Wohnungen aber von sehr schlechter Qualität: "Die Bauträger sparen an allem, verlangen aber trotzdem Wucherpreise."
Der Wohnkomplex "Leningradskij Kwartal" liegt in der Nähe des Stadtzentrums und ist nur zehn Autominuten vom Meer entfernt. Ein- und Zweizimmerwohnungen kosten zwischen 7,5 (ca. 79.000 Euro) und fast zehn Millionen Rubel (ca. 105.000 Euro), Dreizimmerwohnungen sind ab zehn Millionen Rubel erhältlich. Die Preise pro Quadratmeter variieren je nach Wohnungsgröße, Gebäude und Baufortschritt zwischen 120.000 (ca. 1260 Euro) und 217.000 Rubel ca. (2280 Euro). Neu zugezogenen Menschen werden Rabatte von bis zu 12 Prozent gewährt. Das "Leningradskij Kwartal" umfasst 15 Gebäude mit zwölf bis 15 Etagen.
Satellitenbilder zeigen Neubauten an der Stelle zerstörter Häuser im Jahr 2026Bild: Vertical 52
Bewohner des Wohnkomplexes berichten in Chats, dass sie ihre Hypotheken "gegen Kriegsrisiken" absichern. Sollte ihr Haus zerstört werden, müssten sie ihre Kredite nicht mehr an die Bank zurückzahlen, sie würden dann aber auch ihre Wohnung verlieren. "Wenn ein Eigentümer die Zerstörung seiner Wohnung überlebt, hat er Anspruch auf Sozialhilfe", schreibt ein Bewohner. Dass noch vor wenigen Jahren am Ort des "Leningradskij Kwartal" andere Menschen lebten, darüber spricht in den Foren niemand.
Tote und Verwundete in Mariupol
Laut UN wurden 90 Prozent der Gebäude in der Stadt während der Kämpfe 2022 beschädigt oder zerstört. Medien schätzen die Zahl der Todesopfer auf Zehntausende. Einstige Bewohner des Metallurgen-Prospekts, mit denen die DW sprechen konnte, berichten von toten und verletzten Nachbarn. "Am Morgen des 21. März kam ich aus dem Keller und sah eine verkohlte Leiche vor dem Eingang liegen. Man konnte nicht erkennen, wer es war. Ein bettlägeriger älterer Mann aus der siebten Etage kam bei dem Brand ums Leben. Ein weiterer Mann war während des Brandes aus dem sechsten Stock gesprungen und starb. Im fünften Stock wohnte ein Arzt. Als die Rakete einschlug, war er im Dienst, aber seine Frau verbrannte", erinnert sich Jewhen Sosnowskyj.
Halyna Artemowa kommt aus Mariupol und lebt heute in KyjiwBild: Privat
Halyna Artemowa sagt: "Ein Mann und sein Sohn aus dem Nachbarhaus kamen um, als sie hinausgingen, um Wasser zu holen. Im Haus Nr. 89 wurde eine Frau durch einen Raketeneinschlag unter einer Betonplatte begraben und sie starb. Ins Haus Nr. 91 flog eine Rakete in den ersten Stock, wobei eine Familie getötet wurde." Halyna selbst wurde von einem Splitter verwundet. Ihr gelang es, mit ihrer betagten Mutter und ihrem Sohn Mariupol zu verlassen. Jewhen Sosnowskyj wurde von einem Geschoss getroffen. Auch er floh mit seiner Frau und seiner Schwiegermutter aus der Stadt.
Viele Bewohner der beschossenen Gebäude, deren Wohnungen aber nicht zerstört wurden, sind geblieben. Wie die DW erfahren hat, fordern die Besatzungsbehörden sie allerdings auf, ihre Wohnungen zu verlassen. Ihnen wurden im Gegenzug neue Wohnungen versprochen.
Überlebende appellieren an Putin
Im Jahr 2025 wandten sich Bewohner des einstigen Gebäudes 91 am Metallurgen-Prospekt in einem Video an den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Als Kulisse wählten sie den im Bau befindlichen Komplex "Leningradskij Kwartal". Sie sagten, ihr Wohnhaus sei bei "Kampfhandlungen" beschädigt und später abgerissen worden. An seiner Stelle werde nun ein "Wohngebäude gegen Hypothek" errichtet. Ihnen sei gesagt worden, dass sie dort keine Wohnungen erhalten würden. Stattdessen seien ihnen leerstehende Wohnungen als Entschädigung angeboten worden - Wohnungen Geflüchteter, die nicht ins besetzte Mariupol zurückkehren können. Eine Frau bittet Putin in dem Video, bei Neubauprojekten die Interessen und Rechte der Anwohner zu berücksichtigen.
Auch weitere Bewohner der Gebäude 77, 79, 81, 85, 87, 89 und 91, wo sich heute das "Leningradskij Kwartal" befindet, appellierten später mit einem ähnlichen Video an Putin. Darin beklagen sie sich, dass sie seit drei Jahren in Mietwohnungen leben müssten, obwohl ihnen eine Entschädigung versprochen worden sei. "Man hat uns im Stich gelassen, man kommt sich verlassen und nutzlos vor", so eine Frau in dem Video. Sie betont, dass die Opfer des Beschusses, die alles verloren hätten, sich keine Hypotheken leisten könnten.
Das zerstörte Haus von Jewhen SosnowskyjBild: Evgeny Sosnovsky
Nach Angaben eines DW-Gesprächspartners, der anonym bleiben möchte, machten die Besatzer in Mariupol den Anwohnern nach ihren Appellen deutlich, dass "solche Äußerungen unangebracht sind". Laut einer DW-Quelle hat keiner der Bewohner der einstigen Wohnhäuser im Metallurgen-Prospekt in den neuen Gebäuden des "Leningradskij Kwartal" eine Wohnung erhalten. Einer anderen Quelle zufolge wurden die Menschen in Wohnungen am Stadtrand oder in Wohnheimen untergebracht.
"Man hat uns unseres guten Lebens beraubt"
Diejenigen, die geflohen sind, haben meist Verständnis für ihre in der Stadt verbliebenen ehemaligen Nachbarn. Nicht jeder habe die Möglichkeit gehabt, Mariupol zu verlassen und anderswo neu anzufangen. Sie verabscheuen jedoch die russische Besatzung. "Die einheimische Bevölkerung wird aus Mariupol verdrängt", beklagt Halyna Artemowa.
Wie auch andere Gesprächspartner der DW, die die Stadt verlassen haben, sagt sie, dass sich Mariupol einige Jahre vor der russischen Invasion stark zu entwickeln begann, dass die Menschen dort leben wollten. "Man hat uns unseres gewöhnlichen, für manche vielleicht uninteressanten, dafür aber guten Lebens beraubt. Man ging auf den Markt, wusste zu wem, trank einen Kaffee, traf eine Klassenkameradin mit ihrem Hund und grüßte sich", erinnert sie sich. Heute lebt Halyna Artemowa mit ihrem Sohn in Kyjiw. Auch Jewhen Sosnowskyj wohnt jetzt dort. "Sie bauen auf Menschenknochen und schnell, um die Spuren ihrer Verbrechen zu beseitigen", sagt er über das Vorgehen der Russen in Mariupol.
Zerstörte Wohnhäuser im Metallurgen-ProspektBild: Evgeny Sosnovsky
Weder Halyna Artemowa noch Jewhen Sosnowskyj denken daran, in ihre Heimatstadt zurückzukehren und ihre Wohnung gemäß den Vorschriften der russischen Besatzungsbehörden umzumelden. Es wäre auch unklar, ob man sie einreisen lassen würde. Für den Verlust von Immobilien leistet die Ukraine jedoch keine Entschädigung, da die Behörden die Lage ohne Zugang zum besetzten Gebiet nicht beurteilen können.
"Sie bauen ihre bunten Häuser dort, wo ein Friedhof war. Ich würde sie am liebsten bombardieren, aber nur, wenn niemand in den Gebäuden ist. Es ist zum Verzweifeln", sagt ein Bewohner eines der ehemaligen Häuser am Metallurgen-Prospekt. Auch er lebte dort jahrzehntelang und erinnert sich, wie sein Kind in einer Wohnung, die es heute nicht mehr gibt, seine ersten Schritte machte. Heute beschreibt er die Stadt so: "Im Zentrum ist es noch okay, aber wenn man nur ein kleines Stück nach links oder rechts geht, riecht es nach Tod."
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk