Niedrigwasser im Rhein bremst deutsche Erholung aus

Der Rhein ist nicht nur der größte Fluss Deutschlands, er ist eine wichtige Lebensader für Güter, die für die deutsche Industrie unverzichtbar sind. Doch sind derzeit - und wahrscheinlich noch für die kommenden Wochen - die Pegelstände auf dem Strom wegen der anhaltenden Dürre kritisch niedrig.
An einer der flachsten Stellen des Flusses, bei Kaub (zwischen Mainz und Koblenz), lag der Pegelstand am Montagmittag laut der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) bei rund 16 Zentimetern. Der Pegelnullpunkt ist eine für jeden Ort extra festgelegte Höhe über dem Grund. Das heißt, dass zu dem aktuellen Pegelstand noch das Wasser zwischen "Pegelnull" und dem Flussgrund hinzugerechnet werden muss. Im Fall Pegel Kaub heißt das: Die tatsächliche Wassertiefe war zur Zeit der Messung noch bei etwas mehr als einem Meter in der Fahrrinne.
Reeder schauen auf den Pegel von Kaub, um zu entscheiden, wie viel Ladung ihre Schiffe sicher transportieren können und ob eine Durchfahrt überhaupt noch möglich ist. Medienberichten zufolge haben Frachtunternehmen in den vergangenen Wochen die Ladungsmengen auf dem Rhein drastisch reduziert - in vielen Fällen auf nur noch ein Fünftel der normalen Kapazität.
Alle schauen auf Kaub
Das Problem beschränkt sich nicht nur auf den Mittelrhein, jenen 130 Kilometer langen Abschnitt zwischen Mainz und Bonn, der als der engste und flachste Teil des Flusses gilt. Auch in den Bereichen um Köln, Düsseldorf, Duisburg-Ruhrort und Emmerich werden historisch niedrige Wasserstände verzeichnet.
Kaub: Bei Pfalzgrafenstein entscheidet sich, wie es mit Schifffahrt auf dem Rhein weitergehtBild: Michael Probst/AP Photo/picture alliance
Jens Schwanen, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB), erklärte am Montag gegenüber der Rheinischen Post, dass der Rhein bei Kaub noch vor Ende der Woche unpassierbar werden könnte. Dies würde den Fluss für den gewerblichen Schiffsverkehr faktisch in zwei Teile spalten: einen noch befahrbaren und einen nicht mehr schiffbaren Teil.
Wie teuer wird die Dürre?
Die Dürre trifft die deutsche Wirtschaft zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, da diese ohnehin bereits mit schwachem Wachstum, hohen Energiekosten und einer schwindenden Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu kämpfen hat. Deutschland ist nach wie vor auf seine langen Flüsse und Wasserstraßen angewiesen, um rund fünf Prozent der Güter im Land zu transportieren - vorwiegend Schüttgüter wie Eisenerz, Kohle, Sand und Erdölprodukte.
Viele Binnenschiffe sind nicht mehr voll beladen, um den Tiefgang zu minimierenBild: Rüdiger Wölk/IMAGO
Von den im Jahr 2024 transportierten 3,28 Milliarden Tonnen Gütern entfielen laut BDB 173 Millionen Tonnen auf den Binnenschiffsverkehr, unter anderem auf dem Rhein. Eurostat, das Statistikamt der Europäischen Union, ermittelte 2023, dass der Rhein-Korridor vom Hafen Rotterdam in den Niederlanden bis zur deutsch-schweizerischen Grenze rund 40 Prozent des Güterverkehrsaufkommens ausmacht - gerechnet in Tonnen pro Kilometer.
Nach zwei vorangegangenen Dürreperioden berechnete das Institut für Weltwirtschaft (IfW) Kiel im Jahr 2023, dass die deutsche Industrieproduktion bei jeweils 30 Tagen Niedrigwasser auf dem Rhein um etwa ein Prozent zurückgeht. In einer Volkswirtschaft, die in den vergangenen zwei Jahren kaum gewachsen ist, wiegt selbst ein vorübergehender Rückgang der Industrieproduktion von einem Prozent schwer.
Die "Ebbe" auf den Flüssen führt zu größerer "Flut" auf den AutobahnenBild: Rolf Vennenbernd/dpa/picture alliance
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln prognostiziert nun einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,4 Prozent; damit würde das für dieses Jahr erwartete Wachstum von 0,5 Prozent praktisch zunichtegemacht. "Eine länger anhaltende Beeinträchtigung der Schifffahrt auf dem Rhein könnte den zarten Wachstumsimpuls, den wir haben, im Keim ersticken", warnte IW-Ökonom Thilo Schäfer vergangene Woche in einem Interview mit der Bild-Zeitung.
Was bedeutet ein "Rhein in zwei Teilen"?
Schwanen vom BDB warnte: "Aufgrund der ausbleibenden Niederschläge wird für diese Woche am Pegel Kaub erstmals ein einstelliger Wert prognostiziert." Der Rheinischen Post sagte er: "Im Prinzip bedeutet dies, dass der Rhein nicht mehr auf seiner gesamten Länge schiffbar und somit faktisch in zwei Teile geteilt ist."
Dies würde zu zwei getrennten Bereichen führen. Einerseits würde der Schiffsverkehr zwischen den Nordseehäfen Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen sowie der Region Köln über den Rhein und das westdeutsche Kanalnetz aufrechterhalten bleiben.
Weiter südlich würde die Schifffahrt auf den Nebenflüssen Neckar, Mosel und Main sowie auf dem Main-Donau-Kanal stattfinden, der als wichtige internationale Verbindung auf der Route von und nach Südosteuropa gilt. Zwischen diesen beiden Abschnitten würden die Schifffahrtsunternehmen versuchen, die Fracht auf Lastwagen und Güterzüge zu verlagern.
Wegen des Niedrigwassers am Rhein liegen viele Boote und Stege auf GrundBild: Marc John/IMAGO
Deutschlands Straßennetz kann jedoch die typischerweise 50 bis 150 Lkw-Ladungen, die ein einziges großes Binnenschiff transportieren kann, nicht ohne massive Staus und erheblich höhere Kosten aufnehmen. Etliche Bundesländer gaben inzwischen bekannt, man werde die Beschränkungen für den Lkw-Verkehr an Sonntagen lockern, um zur Entlastung der Verkehrslage beizutragen.
Nach dringenden Gesprächen am vergangenen Donnerstag kündigte auch Bundesverkehrsminister Steffen Bilger weitere Maßnahmen zur Sicherung der deutschen Lieferketten an. Dazu gehören der Abbau bürokratischer Hürden für Schwertransporte auf der Straße, der Stopp unnötiger Baustellen sowie eine bessere Abstimmung mit DB Cargo, der Güterverkehrssparte der Deutschen Bahn.
Wird die Dürre zum Normalfall?
Extrem niedrige Wasserstände am Rhein und anderen großen europäischen Flüssen waren früher seltene Ereignisse. Viele Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass diese durch den Klimawandel inzwischen häufiger, länger und heftiger ausfallen.
Niedrige Pegel: Binnenschiffer schlagen Alarm
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Nach Angaben des EU-Klimaforschungsdienstes Copernicus erlebt Westeuropa gerade die wärmsten Monate Juni und Juli seit Aufzeichnungsbeginn; außergewöhnlich geringe Niederschläge führten zu deutlich unterdurchschnittlichen Wasserständen an Rhein, Donau und der Seine in Frankreich. Die aktuelle Krise ist bereits die dritte schwere Niedrigwasserphase innerhalb von acht Jahren, nach den großen Dürren der Jahre 2018 und 2022.
Traditionell wurde der Rhein in den trockenen Sommermonaten durch Schmelzwasser aus Schnee und Gletschern der Alpen gespeist. Da sich die Gletscher zurückziehen und die Schneedecke abnimmt, schwächt sich dieser natürliche Puffer ab. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) prognostizierte bereits 2023, dass es bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts alle fünf bis zehn Jahre zu extremen Niedrigwasserereignissen wie dem von 2018 kommen könnte.
Dieser Beitrag wurde aus dem Englischen adaptiert.