Niedrigwasser: Nur "begrenzte Alternativen zur Binnenschifffahrt"

Folgen des Niedrigwassers
Nur "begrenzte Alternativen zur Binnenschifffahrt"
Stand: 06.08.2026 • 09:10 Uhr
Angesichts des Niedrigwassers fordern Handels- und Schifffahrtsverbände konkrete Schritte vom Verkehrsminister. Die Chemieindustrie warnt vor Produktionskürzungen. Auf den Autobahnen dürfte es voller werden.
Vor dem Spitzengespräch bei Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) zum Niedrigwasser hat die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) den Bund zum Handeln aufgefordert. "Wir brauchen jetzt eine verlässliche, resiliente Infrastruktur", sagte DIHK-Bereichsleiter Dirk Binding der Nachrichtenagentur AFP.
Der Bund sollte seine Binnenwasserstraßen besser an Niedrigwasserphasen anpassen, so Binding. Maßnahmen wie Fahrrinnenoptimierungen und ein modernes Management des Gewässergrundes sollten "konsequent umgesetzt" werden, forderte er.
Schiene und Straße keine günstige Alternative
Die Folgen für die Wirtschaft würden sich so verringern lassen, denn die Unternehmen hätten nur "begrenzte Alternativen zur Binnenschifffahrt", sagte Binding. Ein Umschwenken auf Schiene und Straße sei wegen höherer Kosten und aus Kapazitätsgründen meist keine Alternative.
"Wenn die durchschnittlichen Frachtkapazitäten wegen der niedrigen Pegelstände beispielsweise am Rhein um 25 Prozent sinken, werden hierdurch knapp drei Millionen Tonnen Güter weniger pro Monat transportiert." Das entspreche knapp 120.000 Lkw-Ladungen. "Diese Kapazitäten haben wir weder bei den Lkw noch bei den Fahrern."
Mehr Staus auf Autobahnen
Auch die Autobahnen seien bereits ausgelastet - "insbesondere entlang des Rheinkorridors", warnte Maximiliane Lorenz vom Frauenhofer Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund. Entlang des Rheins gebe es viel Industrie, die normalerweise über die Wasserstraße mit Gütern beliefert werde, sagte die Verkehrsforscherin der Katholischen Nachrichten-Agentur. Diese enormen Mengen würden nun zum Teil auf die Straße verladen.
"Das heißt, die Staugefahr steigt, wir haben höhere Fahrtzeiten, die Autobahnen dürften belastet werden", so Lorenz. Hinzu komme der anstehende Rückreiseverkehr. In Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland enden die Sommerferien diesen Freitag. Lorenz warnte vor einer weiteren Belastung der Straßeninfrastruktur - bei ohnehin schon maroden Brücken.
Binnenschifffer kritisieren Verkehrspolitik
Auch der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt fordert konkrete Schritte von Verkehrsminister Bilger. "Es wird allerhöchste Zeit, dass die Bedeutung der Flüsse und Kanäle für den Wirtschaftsstandort Deutschland erkannt und in der Priorität hochgesetzt wird", sagte Geschäftsführer Jens Schwanen der "Rheinischen Post".
Schwanen kritisierte zugleich die bisherige Verkehrspolitik in Deutschland: "Der Ausbau von Mittel- und Niederrhein steht seit 1992 im Bundesverkehrswegeplan als sogenannter vordringlicher Bedarf. Es ist beschämend, dass der Bund sich also seit 34 Jahren vornimmt, etwas für die Güterschifffahrt und ihre Kunden zu tun, ohne dass allzu viel passiert ist."
Chemieindustrie warnt vor Produktionskürzungen
Die deutsche Chemieindustrie warnt bereits vor Produktionskürzungen wegen des Niedrigwassers im Rhein und anderen Flüssen. "Wenn Schiffe weniger laden können oder ganz ausfallen, steigen Kosten, Lieferketten geraten unter Druck und es kommt zu Produktionseinschränkungen", sagte Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VCI, der Nachrichtenagentur dpa.
Zwar seien Chemie- und Pharmaunternehmen auf Niedrigwasser vorbereitet, aber Notfallpläne ersetzten keine funktionierende Infrastruktur. "Der Investitionsstau bei den Wasserstraßen muss endlich weg“, forderte er.
Tiefer baggern reicht nicht
Tiefer baggern allein reiche nicht, sagte Große Entrup. "Wenn kein Wasser da ist, hilft auch die tiefste Fahrrinne nicht". Deutschland brauche ein Verkehrsnetz, das auch in Extremlagen funktioniere: "robuste Wasserstraßen, leistungsfähige Schienen und Straßen und echte Ausweichmöglichkeiten für die Industrie."
Schiffe können wegen des Niedrigwassers in deutschen Flüssen weniger laden - das treibt die Transportkosten für die Industrie in die Höhe. In der Chemie, wo Konzerne wie BASF, Evonik und Covestro am Rhein angesiedelt sind, werden Chemikalien in großem Stil übers Wasser transportiert. 2024 wurden nach jüngsten Daten rund 20 Millionen Tonnen Chemie-Erzeugnisse per Binnenschiff befördert.