Nordkorea: Führer Kim bringt Pjöngjang zum Leuchten

Auf nächtlichen Satellitenbildern Nordkoreas leuchteten jahrelang nur wenige Punkte - wegen Strommangels blieben selbst die Städte meist dunkel. Doch in den sechs Jahren seit April 2020 hat sich die beleuchtete Fläche im Zentrum Pjöngjangs mehr als verdoppelt, die Helligkeit stieg auf das Dreifache.
Das Infoportal NK News sieht im stärkeren Leuchten der Stadtflächen einen Beweis dafür, dass das Regime die Stromversorgung neuer Straßen und Häuser im Zentrum priorisiert hat, um seine Errungenschaften zu präsentieren. Staatschef Kim Jong Un hatte 2021 auf dem achten Parteitag angekündigt, 50.000 neue Wohnungen in der Hauptstadt zu bauen. Diesen Plan nahm er auch in Angriff, etwa im neuen Viertel Hwasong mit zwei 40-stöckigen Apartmentblocks, die der Interkontinentalrakete des Typs Hwasong ähneln.
Was führt Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un im Schilde?
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"Größte wirtschaftliche Erfolgsgeschichte"
Die neuen Hochhaussiedlungen sind nicht das einzige Zeichen für Nordkoreas gestiegenen Wohlstand. Langjährige Besucher berichteten, dass Pjöngjang moderner wirkt - mit vielen importierten Autos, darunter Elektroautos aus China, Smartphone-Apps für QR-Code-Zahlungen und Taxi-Rufe sowie Kaufhäusern mit westlichen Mode- und Kosmetikmarken.
In Pjöngjang vollendete das Regime das größte Krankenhaus und ein Gewächshaus von der Größe des Central Parks in New York. An der Ostküste eröffnete Kim im Juni 2025 das fünf Kilometer lange Strandresort Wonsan-Kalma mit Platz für 20.000 Gäste. Das Wall Street Journal nannte Nordkorea im Juni "die größte wirtschaftliche Erfolgsstory der Welt".
Modernes Stadtbild in PjöngjangBild: Jon Chol Jin/AP Photo/picture alliance
Lukrative Kriegsgeschäfte mit Russland
Den plötzlichen Aufschwung finanziert die Diktatur mutmaßlich vor allem durch hohe Einnahmen aus der Beteiligung am russischen Krieg gegen die Ukraine. Laut einem Bericht des südkoreanischen Institute for National Security Strategy (INSS) vom März verdiente Nordkorea zwischen 7,7 und 14,4 Milliarden US-Dollar durch Munitionsverkäufe an Moskau und die Entsendung von Truppen. Bloomberg Economics schätzte soeben, dass die militärische Unterstützung Russlands zwischen 2022 und 2025 über 14 Milliarden US-Dollar einbrachte.
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Weitere fast acht Milliarden Dollar stammten aus dem Handel mit China, dem Verleih nordkoreanischer Arbeiter ins Ausland, Exportgeschäften und Internetkriminalität. Bei der weltweit größten Attacke auf die Plattform Bybit im Februar 2025 zum Beispiel erbeuteten mutmaßlich nordkoreanische Hacker 1,5 Milliarden Dollar in Ethereum, einem Netzwerk mit eigener virtuellen Währung. Zum Vergleich: Nordkoreas Bruttoinlandsprodukt betrug im Vorjahr 27 Milliarden Dollar.
Küstenressort Wonsan Kalma am Japanischen Meer in Nordkorea (Archiv) Bild: Kim Won Jin/AFP
Kim: "Alles hat sich verändert"
Seine neue Rolle als Russland-Unterstützer verschaffte Machthaber Kim mehr politische Bedeutung und militärische Macht, sichtbar auch im Stapellauf von zwei 5000-Tonnen-Zerstörern. Über so viel Einfluss und Geld verfügte der Autokrat in den 15 Jahren seiner Macht noch nie.
Russlands Präsident Putin am 19.6.2024 in Nordkorea zu BesuchBild: Kremlin Pool/picture alliance
Eine erstaunliche Wende: Während der Corona-Pandemie verlor der Autokrat an Gewicht und gestand Anfang 2021 auf dem Parteitag seiner Arbeiterpartei unter Tränen, dass "fast alle Wirtschaftssektoren hinter den Erwartungen zurückgeblieben" seien. Beim nächsten Parteitag fünf Jahre später standen sieben Reihen Artilleriegeschütze vor dem Gebäude, und Kim jubelte: "Alles hat sich grundlegend verändert."
Durch die Partnerschaft mit Russland verlor Nordkorea den Status eines Parias der Weltpolitik und überwand seine Isolation. Der russische Präsident Wladimir Putin besuchte Kim im Juni 2024 in Pjöngjang, Chinas Staatschef Xi Jinping kam im Juni dieses Jahres, drei Monate nach dem weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko. Kim nahm an der Seite von Xi und Putin an den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des Weltkriegsendes in Peking im September 2025 teil.
Chinas Präsident Xi (l.) in Pjöngjang mit Kim am 8.6.2026Bild: Yin Bogu/Xinhua/picture alliance
Lukrative Vermietung von Soldaten
Man weiß nicht, ob Russland oder Nordkorea zuerst auf die Idee kam, die gewaltigen Munitionsvorräte des verarmten Landes für den Krieg gegen die Ukraine zu verwenden. Laut ukrainischen Schätzungen lieferte Nordkorea 2024 und 2025 die Hälfte der von Russland an der Front benötigten Munition, außerdem Selbstfahrlafetten, Mehrfachraketenwerfer und ballistische Raketen. Aktuell plant Nordkorea laut ukrainischen Angaben, eine Raketeneinheit mit 90 Soldaten, sechs Abschussrampen und bis zu 120 Raketen nach Russland zu verlegen, um gegen die Ukraine zu kämpfen.
Kim Jong Un empfängt aus Russland zurückgekehrte Soldaten am 13.12.2025Bild: KCNA/KNS/AFP
16.000 bis 22.000 nordkoreanische Soldaten halfen Russland bereits, die Ukraine aus der Grenzprovinz Kursk zurückzudrängen und das Gebiet später von Minen zu räumen. Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj will Kim nun weitere 30.000 bis 50.000 Soldaten in Russland stationieren. Ein lukratives Geschäft: Pro Monat erhält Kim laut dem INSS-Bericht für einen Soldaten 2800 US-Dollar, einen Offizier 3000 US-Dollar und für jeden Gefallenen 6000 bis 10.000 US-Dollar.
Wie zu sowjetischen Zeiten läuft der gegenseitige Handel überwiegend über Tauschgeschäfte: Im Gegenzug für Munition, Waffen und Soldaten liefert Moskau Rohöl und Ölprodukte, Getreide und Militärgüter - von Flugabwehrsystemen bis zu Technologien für den Bau von Drohnen, Raketen und U-Booten.
Ukraine veröffentlichte Fotos, die zeigen sollen, dass nordkoreanische Soldaten russische Uniformen erhalten haben (Archiv)Bild: Ukraine Photo/Newscom/picture alliance
Regionales Entwicklungsprogramm
Allerdings geht der Konjunkturaufschwung laut Experten an weiten Teilen der Bevölkerung vorbei. Steigende Nahrungsmittelpreise und eine Abwertung der Landeswährung Won treffen viele schlecht gestellte Haushalte, die keinen Zugang zu Devisen haben. In vielen Familien müssen jetzt auch Frauen arbeiten, um den Lebensstandard zu halten. Zwar propagierte Kim im Frühjahr 2024 ein Entwicklungsprogramm "20x10" für die Regionen außerhalb der gut versorgten Hauptstadt Pjöngjang, das er mutmaßlich aus den Sondereinnahmen finanzieren möchte. Jedes Jahr sollen in 20 Städten oder Landkreisen moderne Fabriken entstehen. Über zehn Jahre sollen auf diese Weise 200 regionale Industrieprojekte zustande kommen.
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Doch die 20x10-Projekte würden meist scheitern, meint der Nordkorea-Kenner Andrey Lankov, Professor an der Kookmin-Universität in Seoul. "Das liegt daran, dass die Fabriken nicht nur über keine Infrastruktur verfügen, sondern auch die Mechanismen zur Versorgung mit Strom, Zubehör und Rohstoffen außer Acht lassen." Insbesondere werden diese Fabriken nach den Prinzipien einer Planwirtschaft betrieben, die für kleine und mittlere Unternehmen ungeeignet seien. "Anders als das Wirtschaftswachstum, das Mitte der 2010er Jahre in Nordkorea stattfand, war das jetzige Wachstum nicht auf interne Wirtschaftsreformen zurückzuführen, sondern lediglich auf internationales Glück", glaubt Lankov.