PalĂ€stina: Hamas muss auĂergerichtliche Hinrichtungen sofort beenden

Hinrichtung ohne Gerichtsverfahren im Juli 2026
Am 1. Juli 2026 kĂŒndigte der Sicherheitsapparat im Gazastreifen (âSicherheitskrĂ€fte des Widerstandsâ) die öffentliche Hinrichtung eines Mannes in Gaza-Stadt an und beschuldigte ihn, mit Israel kollaboriert zu haben. Nach seiner Hinrichtung wurden der vollstĂ€ndige Name und weitere Angaben zu dem Mann in den Sozialen Medien verbreitet, wodurch seine Familie, auch die Kinder, einer groĂen Gefahr ausgesetzt wurden.
Dem Mann wurde vorgeworfen, israelischen StreitkrĂ€ften den Aufenthaltsort hochrangiger Mitglieder der Al-Qassam-Brigaden, darunter deren MilitĂ€rkommandant Ezziddine al-Haddad, mitgeteilt zu haben. Die Gruppe warf ihm vor, den israelischen Behörden Informationen weitergegeben zu haben, die dazu fĂŒhrten, dass Israel Ezziddine Al-Haddad sowie zahlreiche palĂ€stinensische Zivilist*innen tötete.
Acht MÀnner öffentlich erschossen
Um den 10. Oktober 2025 herum kam es in Al-Sabra in Gaza-Stadt zu ZusammenstöĂen zwischen Hamas-KrĂ€ften und der Familie Dughmush, der vorgeworfen wurde, ein Feldlazarett geplĂŒndert und zur Lagerung von Waffen genutzt zu haben. Eine Woche lang umstellten Hamas-KrĂ€fte das Wohnviertel der Familie. Dabei kamen mindestens vier Angehörige der Familie Dughmush und ein Hamas-Mitglied ums Leben. Parallel zu den ZusammenstöĂen wurden am 13. Oktober 2025 acht unbewaffnete Angehörige der Familie Dughmush unter dem Vorwurf der Kollaboration mit Israel öffentlich auĂergerichtlich hingerichtet.
Ein Video, das auf Hamas nahen Social-Media-Konten verbreitet und von Amnesty International verifiziert wurde, zeigt acht MĂ€nner mit verbundenen Augen und in Fesseln, von denen einige nur teilweise bekleidet waren und Anzeichen frĂŒherer Verletzungen aufwiesen. Sie wurden von bewaffneten, maskierten MĂ€nnern auf einen offenen Platz in der Al-Thalathini-StraĂe, einer gröĂeren StraĂe in Gaza-Stadt, geschleppt. Die acht MĂ€nner wurden aus nĂ€chster NĂ€he erschossen.
Eine Angehörige, deren Name aus SicherheitsgrĂŒnden nicht genannt wird, sagte gegenĂŒber Amnesty International: âDie acht MĂ€nner hatten sich gestellt, nachdem man ihnen ein faires Verfahren versprochen hatte, sie wurden jedoch bereits zwei Stunden spĂ€ter öffentlich hingerichtet.â
Angehörige, die an der Beerdigung der acht Opfer teilnahmen, berichteten Amnesty International, dass die Leichen der Opfer sichtbare Spuren von Folter aufwiesen. Einige Familienangehörige berichteten spĂ€ter, sie hĂ€tten Anrufe von Hamas-Vertretern erhalten, die sich entschuldigten und andeuteten, dass einige Personen âversehentlich getötetâ worden seien.
Nach Kenntnis von Amnesty International wurde keiner der an den Morden oder anderen auĂergerichtlichen Hinrichtungen der letzten drei Jahre Beteiligten zur Rechenschaft gezogen. Dazu gehören auch Tötungen von Zivilist*innen aufgrund einer âVerwechslungâ durch bewaffnete MĂ€nner, die der Hamas nahestehen.
Ein besonders verstörender Fall ist die Ermordung der palĂ€stinensischen Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, Islam Hijazi, deren Auto im September 2024 in Chan Yunis von 90 Kugeln getroffen wurde. Ihrer Familie wurde spĂ€ter mitgeteilt, dass ihre Ermordung auf einer falschen Identifizierung beruhte. Nach Kenntnis von Amnesty International wurde gegen keinen derjenigen ermittelt, die die SchĂŒsse abgegeben oder den Hinterhalt angeordnet hatten.
Rechtswidrige Tötung von Hisham al-Saftawi
Auch im Fall des 57-jĂ€hrigen Hisham al-Saftawi dokumentierte Amnesty International eine rechtswidrige Tötung. Am 17. Oktober 2025 stĂŒrmten rund 30 maskierte Bewaffnete, die sich als Angehörige der Al-Qassam-Brigaden ausgaben, das Haus von al-Saftawi im FlĂŒchtlingslager Al-Bureij. Als er sich der Festnahme widersetzte, schoss ihm einer der MĂ€nner in den RĂŒcken. Einen Tag spĂ€ter starb er im Krankenhaus. GegenĂŒber Amnesty International behauptete die Hamas, dass eine offizielle Untersuchung eingeleitet worden sei und erklĂ€rte, er sei bei einem Fluchtversuch âversehentlich erschossenâ worden.
Hintergrund
Seit dem 7. Oktober 2023 haben die Hamas-KrĂ€fte und -Behörden im Gazastreifen parallele Strukturen geschaffen, die fast ausschlieĂlich auĂerhalb jeglicher rechtlicher Normen agieren. Sie fĂŒhren regelmĂ€Ăig â und oft unter Videoaufzeichnung â summarische Bestrafungen gegen PalĂ€stinenser*innen durch, darunter auch gegen mutmaĂliche PlĂŒnder*innen, verhören Dissident*innen und TatverdĂ€chtige an zivilen Orten, fĂŒhren Razzien in WohnhĂ€usern durch und bedrohen Familienangehörige von Oppositionellen. Die von Amnesty International zusammengetragenen Beweise stimmen mit den Ergebnissen des Berichts der UN-Untersuchungskommission ĂŒberein.
Amnesty International hat ĂŒber viele Jahre hinweg VerstöĂe der Hamas und ihrer verbĂŒndeten Gruppen dokumentiert, darunter auĂergerichtliche Hinrichtungen mutmaĂlicher Kollaborateure, summarische Bestrafungen, EinschrĂ€nkungen der Meinungsfreiheit sowie das harte Vorgehen gegen friedlichen Widerstand, unter anderem durch Drohungen, Doxxing und EinschĂŒchterung sowie Folter und andere Misshandlungen.