Pflegereform der Bundesregierung: Vorsorge für alle

Die Regierung will Pflegebedürftigkeit verringern – nutzt dafür aber den falschen Ansatz. Warum Prävention früher beginnen und umfassender sein muss.
Wer die Zeit hat: jung Treppen steigen, damit es im Alter auch noch klappt
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Uwe Umstätter/Westeind61/imago
Die Bundesregierung will mit ihrer Pflegereform viel verändern. Laut dem aktuellen Referentenentwurf sollen Menschen ab dem 60. Lebensjahr zukünftig Anspruch auf gezielte Vorsorgeuntersuchungen haben. Damit soll vor allem Pflegebedürftigkeit verhindert werden.
2023 waren über 5 Millionen Menschen laut Statistischem Bundesamt in Deutschland auf pflegerische Hilfe im Alltag angewiesen – und bis 2055 soll die Zahl um bis zu 34 Prozent steigen. Um das dadurch drohende Milliardendefizit der Pflegeversicherung zu decken, soll die Anzahl der als pflegebedürftig anerkannten Menschen verringert werden. Kann das mit den geplanten Vorsorgeuntersuchungen gelingen?
Matthias Schömann-Finck, Professor an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement, ist nicht überzeugt: „Die Idee von ‚Wir haben jetzt einen Tag X und ab dem machen wir Prävention‘ ist nicht die allerbeste Lösung.“ Obwohl späte Vorsorge besser sei als gar keine.
Stufen der Prävention
Spricht man von Vorsorge, ist oft die sogenannte Primärprävention gemeint. Sie versucht, Erkrankungen vorzubeugen wie beispielsweise Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen – häufige Ursachen einer späteren Pflegebedürftigkeit. Die Sekundärprävention dient wiederum der Früherkennung von Krankheiten.
Die Pläne der Bundesregierung beziehen sich aber auf die sogenannte Tertiärprävention. Das heißt, es wird erst, nachdem eine Krankheit ausgebrochen ist, versucht, Schlimmeres zu verhindern. Daran zeigt sich, dass die Bundesregierung mit ihren Bestrebungen am falschen Ende ansetzt.
Denn dass man gar nicht erst pflegebedürftig wird, dafür liegt der Hebel oftmals weiter vorne in der Biografie: „Wenn Kinder aktiv sind, gesund essen und später gar nicht erst anfangen zu rauchen, dann werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch aktive Erwachsene“, erklärt Schömann-Finck. Das wiederum erhöhe die Chance, im Alter ohne fremde Hilfe leben zu können.
Auch laut der zweiten Berliner Altersstudie, an der unter anderem die Forschungsinstitute der Charité und der Humboldt-Universität beteiligt sind, können Menschen, die früh in ihre Gesundheit investieren, den Eintritt in die Pflegebedürftigkeit spürbar nach hinten verschieben. Manchmal um Jahre.
Keine Motivation da
Doch ob jung oder alt: Die Menschen in Deutschland bewegen sich laut Studien zu wenig, sie rauchen zu viel, sie essen zu viel Zucker. Ist es nicht Motivation genug, sich die Schuhe im Alter selbst zu binden, die Enkelin auf den Arm nehmen zu können und die Treppen zur eigenen Wohnung hinaufzukommen? „Wir sind nicht gut darin, Kausalitäten zu ziehen“, sagt Schömann-Finck. Denn Pflegebedürftigkeit ist etwas, das man zwar kennt, aber es nicht richtig versteht – so lange, bis man selbst oder Angehörigen betroffen sind. Vorher wird sie selten zum Antrieb, um gesünder zu leben.
Schömann-Finck rät: „Wenn ich mich jetzt regelmäßig bewege, dann bekomme ich keinen Bandscheibenvorfall. Das sind alles Projektionen in die Zukunft, statistische Wahrscheinlichkeiten.“ Gleichzeitig sei es schwierig, Menschen das klar zu machen.
Sportkurs für Vielsitzer
Die Bürger:innen gesünder machen, sollen auch die Angebote der Krankenkassen. Sie heißen „Vielsitzer-Sport-Kurs“, „Rücken fit“ oder „Kraftausdauertraining im Fitnessstudio“ und werden zum Teil finanziell bezuschusst. „Vermutlich erreichen die aber eher Menschen, die ohnehin gesundheitsinteressiert sind. Nicht aber den 26-jährigen männlichen Industriearbeiter“, so Schömann-Finck. Ohnehin seien junge Männer die Gruppe, die bezüglich Prävention schwer zu erreichen sei.
Statt der geplanten Maßnahmen des Bundesregierung wünscht er sich deshalb mehr Setting-Ansatz: Dabei geht es darum, die Umwelt der Menschen so zu gestalten, dass sie von sich aus gesünder leben. Schömann-Finck stellt sich das so vor: „Vielleicht gehe ich eher joggen, wenn ich einen beleuchteten Park in der Nähe habe. Vielleicht fahre ich eher mit dem Rad zur Arbeit, wenn ich durch sichere Wege auch heil und gesund ankomme.“
Ein Frage der Ressourcen
Für die Leiterin der Einrichtung „Die Kümmerei“ in Köln, Birgit Skimutis, ist ein gesunder Lebensstil keine Frage der Motivation, sondern der Ressourcen. Sie gibt Beispiele: Man könne von einer Mutter nicht verlangen, dass sie ihrem Kind keinen gesüßten Eistee geben soll, wenn sie ganz andere Sorgen habe. „Etwa, wenn sie nicht weiß, ob sie in den nächsten drei Nächten abgeholt und ins Flugzeug gesetzt wird oder die nächste Miete nicht zahlen kann“, sagt Skimutis. Prävention von Armut sei auch gesundheitliche Prävention.
Die Kümmerei ist eine Anlaufstelle der Herznetzcenter GmbH für Menschen im Stadtteil Köln-Chorweiler, die Soziales und Medizin zusammenführt. An ihr wird deutlich, dass für ein gutes Leben im Alter der Begriff der Prävention über seine klassisch medizinische Bedeutung hinaus erweitert werden muss. Und sie zeigt auch, dass die Idee von dem einen Tool für alle nicht funktioniert.
„Instrumente wie die Reha setzen immer zu weit hinten an. Besser wären Gesundheitslots:innen“, sagt Skimus. Sie meint damit ein ganzheitliches Konzept. Denn es sei ein sehr komplexes, umfangreiches Arbeiten in den einzelnen Sozialräumen. Das brauche es aber, weil jeder Sozialraum anders ist, sagt Skimutis.
Drängende Probleme zuerst
Wie weit echte Prävention gegen Pflegebedürftigkeit greifen sollte, zeigt sich am Beispiel einer Klientin der Kümmerei: Eine Mutter will eigentlich Hilfe bei einem Schreiben vom Jobcenter. Stattdessen vermittelt und begleitet das Team die Frau zunächst notfallmäßig in eine nahegelegene Frauenarztpraxis. Denn neben ihrem Problem mit dem Jobcenter leidet sie nach einer Geburt an massiven Schmerzen und Blutungen. Bei einer Gynäkologe:in war sie trotzdem nicht.
„Bei den Menschen, die zu uns kommen, ist das gesundheitliche Anliegen oftmals nicht das allererste – selbst, wenn es wirklich wehtut“, berichtet Skimutis. In diesem Beispiel war für die Klientin die finanzielle Not dringlicher als ihr wiederkehrender Blutverlust. Genau deshalb möchte die Kümmerei multikomplexen Problemen Raum geben. Für Birgit Skimutis ist klar: „Nur, wo das Leben gesichert ist, da ist Raum, um sich mit zukünftigen Dingen zu beschäftigen.“
Skimutis wünscht sich einen Systemwandel. Ohne ihn, werde die geplante Pflegereform nicht mehr als ein einzelner Baustein sein, der Prävention nicht als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begreift. Das wird vielleicht die Zahl der offiziellen Leistung, aber nicht den Bedarf der Menschen an Pflege senken.
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