"Power Dressing": Giorgia Meloni und die Sprache der Mode

Giorgia Meloni, die erste MinisterprĂ€sidentin Italiens, trĂ€gt oft Pastellfarben und weit geschnittene Hosen, die ĂŒber ihre High Heels fallen. Ihr Stil wird immer wieder kritisch begutachtet - und das nicht nur, weil Melonis Land als Nummer eins in Sachen Mode gilt.
"Mode ist eine Sprache - sie vermittelt uns ohne Worte, was ihre TrĂ€gerin oder ihr TrĂ€ger ausdrĂŒcken möchte", erklĂ€rt Michela Bonafoni, die am Unicollege in Florenz Mode lehrt, gegenĂŒber der DW. "Vielleicht entspricht das, was man trĂ€gt, sehr stark der eigenen Persönlichkeit. Aber wenn man einen anderen Eindruck von sich vermitteln möchte, kann man das auch durch die Kleidung tun - und genau das macht Meloni stĂ€ndig", erklĂ€rt Bonafoni.
Zu Beginn ihrer Amtszeit trug die italienische MinisterprÀsidentin viel Schwarz, wie hier bei ihrem Staatsbesuch im Irak 2022 (re. der damalige irakische Premierminister al-Sudani)Bild: IRAQI PRIME MINISTER'S PRESS OFFICE /AFP
Melonis Kleidungsstil lĂ€sst sich als Teil eines politischen Wandels interpretieren: von der AuĂenseiterin zur Vertreterin des Establishments. Als sie 2022 ihr Amt antrat, war ihr Erscheinungsbild eng mit der politischen IdentitĂ€t verbunden, die sie sich als Vorsitzende der rechtsgerichteten Partei Fratelli d'Italia (dt. "BrĂŒder Italiens") mit postfaschistischen Wurzeln aufgebaut hatte. Ihr Look: dunkle AnzĂŒge mit klobigen Stiefeln, ernst und sogar kĂ€mpferisch.
Hier kommt das Konzept des "Power Dressing" ins Spiel, das in den 1970er-Jahren entstand und in den 1980er-Jahren an Einfluss gewann, als die zweite Welle des Feminismus mit dem zunehmenden Einstieg von Frauen in FĂŒhrungspositionen zusammenfiel. Der Anzug wurde fĂŒr Frauen zu einem Mittel, um in traditionell mĂ€nnlich geprĂ€gten Arbeitswelten AutoritĂ€t zu signalisieren.
Der italienische Designer Giorgio Armani spielte dabei eine SchlĂŒsselrolle: Seine weicheren, flieĂenden Schnitte boten eine neue Interpretation des Power-Anzugs, indem er Elemente aus der Herrenmode aufgriff und gleichzeitig eine femininere Ausdrucksweise von AutoritĂ€t schuf.
Bei ihren ersten öffentlichen Auftritten war Meloni oft in dunklen Armani-AnzĂŒgen zu sehen - eine Anspielung auf das traditionelle "Power-Dressing" und ein Look, der laut Bonafoni aussagte: "Ich bin hier in dieser Regierung, und damit hat sich's."
Von maskulinen AnzĂŒgen zu Pastellfarben
Seitdem hat sich Melonis Stil gemildert: Man sieht sie oft in weit geschnittenen KleidungsstĂŒcken und KostĂŒmen in Creme, Beige, Rosa und anderen gedeckten oder pastelligen Farbtönen. Der Stilwandel geht auch einher mit ihrer zunehmenden Etablierung in der europĂ€ischen Politik, ihrer AnnĂ€herung an die EuropĂ€ische Union und ihrer Rolle als prominente UnterstĂŒtzerin der Ukraine.
Dennoch verfolgt Meloni innenpolitisch weiterhin einen konservativen Kurs, der bei einem GroĂteil der Ăffentlichkeit - darunter auch viele Vertreter der Modebranche des Landes - auf wenig Gegenliebe stöĂt. Keine Luxusmarke, auch Armani nicht, hat sich öffentlich bereit erklĂ€rt, sie einzukleiden.
Das hat Meloni jedoch nicht davon abgehalten, Mode zu nutzen, um ein breiteres Publikum anzusprechen. "Als Meloni erkannte, dass viele Italiener einige der MaĂnahmen ihrer Regierung nicht gut fanden, begann sie, Pastellfarben zu tragen, die VerstĂ€ndnis wecken und sagen: 'Ich bin Giorgia, eine freundliche Frau'", sagt Bonafoni. Sie weist auĂerdem darauf hin, dass Meloni Kleidung von "Made in Italy"-Designern als Ausdruck ihres Nationalismus trĂ€gt - und deren StĂ€rke mit ihrer eigenen verbindet.
Inzwischen trĂ€gt Meloni gern helle Farben und weit geschnittene HosenanzĂŒge (hier bei ihrem Treffen mit Bundeskanzler Merz im Juni)Bild: Chris Emil JanĂen/picture alliance
Auf dem Salone del Mobile, Italiens fĂŒhrender Möbelmesse, die im vergangenen April in Mailand stattfand, entschied sich Meloni fĂŒr einen legeren Look: Jeans und einen lĂ€ssigen beigen Blazer. "Das sagte aus: Ich bin leger, weil ich genau wie ihr bin - aber ich bin auch genau dort, wo ich gerade in diesem Moment und in dieser Regierung sein möchte", sagt Bonafoni. Ein solcher Stil strahle Selbstbewusstsein aus und sei dem relaxteren Stil weiblicher Politikerinnen in den USA nĂ€her.
Auch nach ihrer politischen Karriere bleibt Angela Merkel (Aufnahme von 2024) ihrer "Uniform" treuBild: Kay Nietfeld/dpa/picture alliance
Eine politische "Uniform"
Doch politische Macht erfordert nicht immer eine wechselnde Garderobe. FĂŒr manche weibliche FĂŒhrungskrĂ€fte kann gerade die BestĂ€ndigkeit zu einer Form des Power Dressing werden.
Die ehemalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel entwickelte eine der markantesten Garderoben der modernen Politik. Ihr Stil war bemerkenswert bestĂ€ndig: Hosen und ein Drei-Knopf-Blazer, wobei die Jacken eine auĂergewöhnliche Farbpalette aufwiesen. Diese Schlichtheit wurde zu einer Art Uniform, die Merkel selbst als Politikerin - und nicht ihre Mode - in den Mittelpunkt rĂŒckte.
"Ihre Kleidung war wie eine zweite Haut und passte sehr gut zu ihrem Charakter, ihren Einstellungen und den politischen Entscheidungen, die sie traf", sagt Bonafoni.
Auch die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher hatte ihre modischen "Uniformen" perfekt im Griff. Ihr Erscheinungsbild war sorgfĂ€ltig inszeniert: maĂgeschneiderte KostĂŒme, Perlen, Handtaschen - eine auf den ersten Blick erkennbare Darstellung weiblicher politischer AutoritĂ€t ihrer Zeit.
In der heutigen Zeit liefert die mexikanische PrĂ€sidentin Claudia Sheinbaum ein weiteres Paradebeispiel fĂŒr eine Politikerin, die Kleidung nutzt, um eine Botschaft zu vermitteln. Sie trĂ€gt hĂ€ufig KleidungsstĂŒcke, die von Kunsthandwerkerinnen des Landes hergestellt wurden, um ihre UnterstĂŒtzung und SolidaritĂ€t mit den indigenen Gemeinschaften Mexikos zu demonstrieren.
Mexikos PrÀsidentin Claudia Sheinbaum Bild: Carlos Santiago/Eyepix Group/IMAGO
Selenskyj: Kleidung mit klarer Aussage
Doch auch MĂ€nner haben lĂ€ngst die politische Macht des eigenen Looks erkannt - heute vielleicht mehr denn je. Der ukrainische PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj entscheidet sich meist fĂŒr taktische Kleidung, die weit vom ĂŒblichen Anzug-und-Krawatte-Look der meisten anderen Staats- und Regierungschefs entfernt ist.
Wie der ukrainische Journalist Illja Ponomarenko im vergangenen Jahr gegenĂŒber dem Nachrichtenportal "Politico" erklĂ€rte, ist dies Teil seiner anti-elitĂ€ren Botschaft, mit der er die Staats- und Regierungschefs, denen er begegnet, direkt konfrontiert. "Seine Kleidung fragt im Grunde genommen: 'Worum geht es Ihnen eigentlich? Geht es Ihnen darum, Leben zu retten, oder um schicke Protokolle?'", sagte Ponomarenko. "Selbst wenn er sich mit Königen trifft, kleidet er sich so, dass er den durchschnittlichen Ukrainer reprĂ€sentiert, der an diesen Kriegsanstrengungen beteiligt ist. Es ist also eine Botschaft, die besagt: 'Ich bin als Vertreter meines bescheidenen Volkes an die Schaltstellen der Macht gekommen.'"
GroĂbritanniens Premierminister Andy Burnham und Wolodymyr Selenskyj, PrĂ€sident der Ukraine, tragen selten KrawatteBild: Press Service Of The President Of Ukraine/SvenSimon/picture alliance
Auch der britische Premierminister Andy Burnham möchte die Botschaft vermitteln, dass er auf Augenhöhe mit der Bevölkerung steht. Sein Look wird oft als "Hipster-Dad" bezeichnet: Er setzt auf einen Smart-Casual-Stil mit T-Shirts, Poloshirts und Sneakern.
Bei Giorgia Meloni rechnet Bonafoni bald mit einem weiteren Stilwechsel, da sie von dem rechtsextremen Politiker und ehemaligen Armeegeneral Roberto Vannacci herausgefordert wird. "Meloni hat erklÀrt, dass sie Vannacci nicht in ihrer Regierung haben will, aber ihre Partei wird ihn in einer Koalition brauchen, wenn sie an der Macht bleiben will", sagt Bonafoni. "Ich bin mir sicher, dass sie ihren Stil erneut Àndern wird, wenn Vannacci sie herausfordert, denn dann muss sie sich als jemand prÀsentieren, der noch mÀchtiger ist."
Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel