Russland unter Verdacht: Geheimes Waffendepot bei Berlin entdeckt

Exklusiv
Stand: 21.08.2026 âą 14:42 Uhr
Sicherheitsbehörden haben nach Informationen von WDR, NDR und SZ am Stadtrand von Berlin ein Versteck mit zwei scharfen Waffen entdeckt. Nach EinschĂ€tzung der Behörden soll es sich um ein Depot russischer Agenten fĂŒr mögliche AnschlĂ€ge handeln.
Von Manuel Bewarder NDR/WDR, Florian Flade und Roman Lehberger, WDR
Es mĂŒssen Szenen wie in einem Spionagethriller gewesen sein, als deutsche Beamte im SpĂ€tsommer vergangenen Jahres in einem Waldgebiet an der Landesgrenze zwischen Brandenburg und Berlin eine brisante Entdeckung machten. Nach Informationen von WDR, NDR und SĂŒddeutscher Zeitung (SZ) fanden sie im grĂŒnen SpeckgĂŒrtel der Hauptstadt ein professionell angelegtes Versteck mit zwei scharfen Schusswaffen.
Die Sicherheitsbehörden gingen davon aus, dass das Waffenlager fĂŒr einen Anschlag angelegt worden sei, sagte jetzt dazu Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU). Ein VerdĂ€chtiger sei ermittelt worden, er sitze derzeit in RumĂ€nien in Haft. Der Verdacht laute auf geheimdienstliche AgententĂ€tigkeit und Vorbereitung einer schweren staatsgefĂ€hrdenden Straftat.
Dobrindt schlieĂt Beteiligung "fremder MĂ€chte" nicht aus
Eine "Beteiligung fremder MĂ€chte" sei dabei nicht auszuschlieĂen. "Diese Waffen, die gefunden worden sind, auch die Munition, die ist sicherlich vorgesehen gewesen, um Anschlagsplanungen durchzufĂŒhren", sagte Dobrindt.
Zum Ziel des möglichen Anschlags lĂ€gen noch keine Erkenntnisse vor. Angaben zu dem VerdĂ€chtigen wollte der Minister unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht machen. "Dieser Fall zeigt, dass wir von einer hohen GefĂ€hrdungslage ausgehen", fĂŒgte der Minister hinzu.
Russische Botschaft schweigt bislang
Seit Monaten warnen die Sicherheitsbehörden, dass russische Geheimdienste auch hierzulande Attentate planen, etwa auf RĂŒstungsmanager oder Exil-Oppositionelle.
Das Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz (BfV) soll der Recherche von WDR, NDR und SZ zufolge Hinweise haben, dass es sich um ein geheimes Depot russischer Geheimdienste handelt - ein sogenannter toter Briefkasten mit potenziell tödlichem Inhalt. Eingeweihte sind ĂŒberzeugt, dass die Waffen wohl fĂŒr Agenten hinterlegt wurden, die im Bundesgebiet im Auftrag Moskaus sogenannte "kinetische Operationen" begehen sollten. Der Begriff bezeichnet physische Attacken wie zum Beispiel AnschlĂ€ge.
Auf Anfrage teilte das Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz mit, dass man zu Angelegenheiten, die etwaige konkrete nachrichtendienstliche Erkenntnisse oder TĂ€tigkeiten betreffen, grundsĂ€tzlich nicht öffentlich Stellung nehme. Damit sei keine Aussage darĂŒber getroffen, ob der Sachverhalt zutreffend sei oder nicht.
Eine Anfrage zu den VorwĂŒrfen lieĂ die russische Botschaft bislang unbeantwortet. In der Vergangenheit hatte die Botschaft Ă€hnliche VorwĂŒrfe als Verschwörungstheorien zurĂŒckgewiesen. Es gebe keine "Hybridangriffe" Moskaus auf Deutschland.
Konkrete Hinweise auf Fundstelle
Der in RumÀnien festgenommene TatverdÀchtige könnte nach Informationen der deutschen Sicherheitsbehörden das Depot angelegt haben. Seit November ermittelt auch der Generalbundesanwalt in dem Fall. Der Vorwurf lautet: Vorbereitung einer schweren staatsgefÀhrdenden Gewalttat.
Den Recherchen zufolge hatte der Verfassungsschutz im vergangenen Jahr konkrete Hinweise auf die Fundstelle erhalten. Eine ĂberprĂŒfung vor Ort soll den Tipp bestĂ€tigt haben. In dem Depot seien laut Sicherheitskreisen zwei "Faustfeuerwaffen" gefunden worden, also Kurzwaffen wie zum Beispiel Pistolen oder Revolver. Die VerfassungsschĂŒtzer alarmierten die Polizei.
Depot gilt inzwischen als "tot"
Um mögliche Drahtzieher oder Abholer der Waffen festzustellen, sollen die Sicherheitsbehörden das Versteck nach einer Begutachtung intakt gelassen haben. Die Stelle wurde technisch ĂŒberwacht, heiĂt es.
Nach Angaben von Insidern gilt das Depot inzwischen allerdings als "tot": Es sei inzwischen sehr wahrscheinlich, dass die TĂ€ter von dem auffĂ€lligen Polizeieinsatz rund um das Lager im vergangenen Jahr etwas mitbekommen haben. Auch die Verhaftung des mutmaĂlich an der Einrichtung beteiligten Mannes in RumĂ€nien ist den russischen Diensten nach EinschĂ€tzung von Experten wohl nicht entgangen.
Damit von den Waffen in dem Geheimdepot keine Gefahr ausgeht, hĂ€tten Experten diese so manipuliert, dass sie nicht mehr funktionierten, berichten mit dem Vorgang vertraute Beamte. AuĂerdem seien sie mit einem GPS-Tracker prĂ€pariert worden, um ihren Standort im Blick zu behalten.
Methoden aus dem Kalten Krieg
Geheime Waffenlager in Westeuropa gehörten bereits zu Zeiten des Kalten Krieges zum Standardrepertoire der Sowjetunion. Solche getarnten Verstecke, die oft in der Natur oder an markanten Landschaftspunkten liegen, wurden aber auch in den vergangenen Jahren immer wieder von russischen Nachrichtendiensten genutzt, etwa wenn es um den Austausch mit sogenannten Illegalen ging - also mit russischen Spionen, die mit falscher IdentitÀt im Westen leben.
Welche Rolle Waffendepots bereits in der Sowjetunion spielten, wurde zum Beispiel durch Informationen des ehemaligen KGB-Offiziers und spĂ€teren ĂberlĂ€ufers Wassili Mitrochin bekannt. Demnach betrieb Moskau umfassende Vorbereitungen, um im Krisenfall mit der NATO auch in Westdeutschland aktiv zu werden. MilitĂ€rische Einrichtungen, RĂŒstungsstandorte oder wichtige Infrastruktur galten Moskau bereits damals als herausgehobene Ziele.
Zu den hinterlegten GegenstĂ€nden sollen damals neben Waffen und KommunikationsgerĂ€ten auch Pakete mit Sprengstoff gehört haben, um im Konfliktfall etwa Eisenbahnanlagen anzugreifen. In der Schweiz wurde aufgrund der Hinweise des ĂberlĂ€ufers noch in den 1990er-Jahren ein ehemals sowjetisches Depot gefunden.
Brisanter Fund in Rheinland-Pfalz
Angesichts des Vorgehens Russlands in den vergangenen Jahren sehen westliche Sicherheitsbehörden eine FortfĂŒhrung von Methoden und Aktionen aus der Sowjetzeit, in der der heutige russische PrĂ€sident Wladimir Putin beim KGB ausgebildet wurde. Erkenntnisse, die nach dem Ende des Kalten Krieges zunĂ€chst fĂŒr weniger bedeutsam gehalten wurden, wurden einer neuen Bewertung unterzogen: Pensionierte Beamte wurden nochmal zu Rat gezogen. Und Informationen wie jene von Mitrochin werden lĂ€ngst nicht mehr als ĂŒberholt abgestempelt.
So erregte ein brisanter Fund in Rheinland-Pfalz vor zwei Jahren das Interesse der Sicherheitsbehörden: Bei Bauarbeiten nahe Bellheim wurden zufĂ€llig Sprengstoff und Handgranaten entdeckt. Sie waren offenbar professionell verpackt und versteckt - in der NĂ€he einer NATO-Pipeline, mit der die StreitkrĂ€fte des MilitĂ€rbĂŒndnisses mit Treibstoff versorgt werden.