Selenskyj in Washington: Neue Chancen für Kyjiw?

Der verstorbene republikanischen Senator Lindsey Graham war einer der wichtigsten Lobbyisten für die Ukraine im US-Kongress. Anlässlich seiner Trauerfeier wurde der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstag von US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus empfangen. Das nicht öffentliche Treffen dauerte etwas weniger als eine Stunde, war aber nach Einschätzung von Beobachtern schon allein wegen der Gesprächsatmosphäre wichtig. Auf Fotos aus dem Weißen Haus, die Selenskyj in seinen sozialen Netzwerken teilte, wirken alle Teilnehmer freundlich und entspannt.
Im Mittelpunkt habe die Fortsetzung der militärischen Zusammenarbeit gestanden, erklärte Selenskyj. Er habe mit Trump über Lizenzen für die Produktion von Abfangraketen für das Patriot-Luftverteidigungssystem und "einige weitere Ideen, die hilfreich sein könnten", gesprochen. Auch um die Intensivierung der diplomatischen Bemühungen zur Beendigung von Russlands Krieg gegen die Ukraine sei es gegangen. "Ein gutes Treffen mit Präsident Trump im Oval Office. Vielen Dank für alles, was wir gemeinsam tun, um das Leben der Ukrainer zu schützen und Frieden zu erreichen", schrieb Selenskyj in den sozialen Medien.
Was die Ukraine für Trump attraktiv macht
Für Kyjiw ist jedes freundliche Gespräch mit dem US-Präsidenten nützlich, auch ohne konkrete Ergebnisse, sagt Oleksandr Krajew vom Thinktank "Ukrainisches Prisma". Der Experte für internationale Politik findet, Trump sei der Ukraine gegenüber deutlich positiver eingestellt als früher, weil er darin einen Vorteil auch für sich selbst sehe. "Russland sabotiert weiterhin die Verhandlungen und tut alles, um eine normale Diplomatie zu verhindern. Die Ukraine hingegen setzt alles daran, Russland die Finanzmittel und das Kriegspotential zu nehmen, und es an den Verhandlungstisch zu zwingen", so Krajew im DW-Gespräch.
Kyjiws Bereitschaft zur Kooperation und zu angemessenen Kompromissen mache den Unterschied zu Moskaus Haltung, und dadurch werde die Ukraine für Trump attraktiv. Aus dieser Überlegung heraus, so Krajew, habe das Weiße Haus das weitreichende Gesetzespaket zu Sanktionen gegen Russland unterstützt, das maßgeblich vom republikanischen Senator Lindsey Graham und dem Demokraten Richard Blumenthal über Monate verhandelt wurde.
Die Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und Donald Trump im Weißen Haus am 28. Juli 2026Bild: Zelenskyy Social Media Account/Anadolu Agency/IMAGO
Trump ist offenbar bereit, das Sanktionspaket mit zusätzlichen Strafmaßnahmen noch zu verschärfen. Zudem hat das Pentagon begonnen, Gelder für die Ukraine bereitzustellen. "Das Verfahren zieht sich in die Länge, es verläuft nicht reibungslos", räumt Krajew ein. Aber: "Allein dass es Fortschritte gibt, ist wichtig. Der Hauptwert des Treffens liegt im Image - es vermittelt Trump ein positives Bild von der Ukraine und von Selenskyj."
Der Experte verweist auch auf den jüngsten Besuch der einflussreichen amerikanischen MAGA-Bloggerin Laura Loomer in Kyjiw, die Trumps Aufmerksamkeit für ukrainische Themen schärfe. "Angesichts von Trumps kurzer Aufmerksamkeitsspanne müssen wir in seinem Informationsraum sehr aktiv und präsent sein", so Krajew. "Und bisher gelingt uns das auch."
Worüber wurde im Weißen Haus gesprochen?
Ausführliche Informationen über die Gesprächsinhalte gibt es nicht, doch Oleksandr Krajew geht von zwei Kernpunkten aus. Erstens muss es um die Fortsetzung der Zusammenarbeit bei der Beschaffung und Entwicklung von Waffensystemen gegangen sein - Selenskyj hatte die Lizenzproduktion von Patriot-Raketen in seinem Post ja auch angesprochen. Das zweite Thema, so Krajew, könnte der Verhandlungsprozess gewesen sein, in dem sich die Ukraine als aktiver Akteur positioniere, der eine erfolgreiche Beendigung des Krieges anstrebe.
Ein DW-Korrespondent in Washington bezeichnet das Treffen zwischen Trump und Selenskyj als "sehr praxisorientiert" und beruft sich dabei auf einen hochrangigen ukrainischen Staatsvertreter. Nun erwarte die ukrainische Seite einen Besuch der US-Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner in Kyjiw, um den Dialog fortzusetzen.
Wird die Ukraine Teil eines Anti-Iran-Bündnisses?
Ivan Us vom ukrainischen Nationalen Institut für Strategische Studien betrachtet das Gespräch vor dem Hintergrund mehrerer Entwicklungen, welche die Beziehungen der Ukraine zu den USA grundlegend verändern würden. Und dazu zähle vor allem der US-Krieg gegen den Iran, der die Ukraine für Washington plötzlich sehr nützlich mache.
Die ukrainischen Streitkräfte hatten am 25. Juli Schiffe im Kaspischen Meer angegriffen, die laut dem Sicherheitsdienst der Ukraine (SBU) für den Transport von Militärgütern zwischen Iran und Russland genutzt wurden. Attackiert wurde zudem ein russisches Raketenboot. Der Beschuss sorgte für eine scharfe Reaktion des Iran, der sogar mit einem Angriff auf die Ukraine drohte.
Genau diese Entwicklung, so Us, binde Kyjiw in ein breiteres anti-iranisches Bündnis ein. Dabei verweist der Experte auf geografische Gegebenheiten. Die USA und Israel könnten den Iran nur von Süden her abschneiden, während von Norden - jenseits des Kaspischen Meeres - gerade die Ukraine dazu in der Lage sei.
Treffen zwischen Benjamin Netanjahu und Donald Trump am 28. Juli 2026Bild: dpa
Vor diesem Hintergrund ist es laut Us bezeichnend, dass die Treffen Trumps mit Selenskyj und dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu in Washington so kurz aufeinander folgten. Deshalb würden Beobachter bereits von Konturen einer neuen Koalition zwischen den USA, Israel und der Ukraine sprechen. Us glaubt, genau diese gemeinsamen Problem mit dem Iran könnten bei Selenskyjs Treffen mit Trump erörtert worden sein - und könnten auch künftig mit der israelischen Seite noch besprochen werden.
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk