Soja und Hormone: Wie gefährlich ist Tofu?

Darum geht’s:
Auf  Social Media warnen Fitness-Influencer vor Tofu. Sie behaupten, durch den Soja-Block sinke das Testosteronlevel und Männer würden verweiblichen. Und nicht nur die männliche Fitness-Bubble schlägt Alarm.
Außerdem taucht dort immer wieder die Frage auf, ob Sojaprodukte nicht das Risiko für bestimmte Krebsarten erhöhen würden.
Angeblich Schuld daran: die Hauptzutat Soja. Denn Sojabohnen enthalten pflanzliche Stoffe, die oft als Phytoöstrogene oder Pflanzenhormone bezeichnet werden.
Sexualhormone in Tofu?
Östrogen ist ein menschliches Hormon, das in Pflanzen wie Sojabohnen nicht vorkommt. Begriffe wie Phytoöstrogene oder Pflanzenhormone können deswegen missverständlich sein.
In Soja sind aber Isoflavone enthalten. Das sind Pflanzenstoffe, die dem menschlichen Östrogen chemisch ähneln und deshalb auch an unsere Östrogenrezeptoren binden können.
Ein Rezeptor funktioniert dabei wie ein Schloss: Passt der Schlüssel hinein, löst er in der Zelle eine Reaktion aus.
Von den Östrogenrezeptoren gibt es zwei Typen: Rezeptor α und β. Sie sitzen in unterschiedlichen Geweben und steuern dort verschiedene Vorgänge.
Rezeptor α findet sich unter anderem in Brustdrüse und Gebärmutter und spielt dort eine Rolle bei Zellwachstum und Zellteilung.
Rezeptor β kommt beispielsweise in Knochen, Blutgefäßen und dem zentralen Nervensystem vor. Die Aktivierung von Rezeptor β bremst eher übermäßiges Zellwachstum und unterstützt zellschützende Prozesse, statt neues Zellwachstum anzukurbeln.
Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Isoflavonen und Östrogen. Isoflavone passen zwar in beide Rezeptoren, aber sie halten deutlich schwächer darin als Östrogen.
Entsprechend fällt auch die Reaktion in der Zelle geringer aus. Außerdem docken Isoflavone bevorzugt an Rezeptor β an, der Zellwachstum eher bremst.
Darum mĂĽssen wir darĂĽber sprechen:
Im Netz wird die Darstellung oft verkürzt: Tofu enthalte etwas, das an Östrogenrezeptoren andockt und würde deswegen im männlichen Körper dann auch wie Östrogen wirken und den Testosteronspiegel senken.
Diese Behauptung ist gut ĂĽberprĂĽfbar. Die Hormonspiegel lassen sich im Blut vor und nach dem Sojakonsum messen.
Zwei voneinander unabhängige Meta-Analysen – also Auswertungen, die viele Studien zusammenfassen – fanden keine messbaren Auswirkungen von Soja oder Isoflavonen auf die Testosteronwerte von Männern, auch nicht bei hohen Dosen bis 164 Milligramm Isoflavone täglich.
Für Östrogen fanden beide Analysen insgesamt ebenfalls keinen Effekt durch Soja- oder Isoflavonkonsum. Einzelne Teilauswertungen kleiner Studien zeigen zwar Veränderungen, das Gesamtbild spricht aber dagegen, dass Soja oder Isoflavone den Östrogenspiegel bei Männern deutlich erhöhen oder senken.
Warnungen zu einem erhöhten Brustkrebsrisiko durch Tofu stützen sich meist gar nicht auf Untersuchungen an Menschen, sondern auf Tier- oder Laborstudien. Untersuchungen an Nagetieren zeigen, dass diese die Pflanzenstoffe ganz anders verstoffwechseln als der Mensch.
Und auch Ergebnisse aus dem Labor lassen sich nicht eins zu eins auf den menschlichen Körper übertragen. Oft werden Isoflavone dort zum Beispiel an Zellen getestet ohne wichtige Schutzmechanismen wie Darmwand oder Leberstoffwechsel. Auch die Forschenden selbst merken in ihren Publikationen an, dass die Übertragbarkeit auf den Menschen eingeschränkt ist.
Aber:
Beim Krebsrisiko lässt sich der Einfluss von Tofu also nicht direkt prüfen. Ein Erkrankungsrisiko lässt sich nicht wie ein Hormonspiegel aus dem Blut ablesen. Studienteilnehmende werden deswegen befragt, wie häufig sie Sojaprodukte wie Tofu konsumieren.
In einer Meta-Analyse, in der 52 Beobachtungsstudien ausgewertet wurden, zeigte sich: Teilnehmende, die einen höheren Tofu- und Sojamilchkonsum angaben, erkrankten im Beobachtungszeitraum eher seltener an Krebs.
In den einzelnen Studien reicht die Spanne dabei von keinem messbaren Effekt auf das Krebsrisiko bis hin zu einem leicht rückläufigen Risiko bei Soja-Konsum.
Dabei handelt es sich um beobachtete Zusammenhänge. Ein Ursache-Wirkungs-Effekt ist damit nicht bewiesen. Es lässt sich nicht eindeutig sagen, dass der Soja-Konsum für das geringere Krebsrisiko verantwortlich ist. Genauso gut können andere Unterschiede zwischen den Teilnehmenden, etwa Alter oder Lebensstil, und die unterschiedlichen Studiendesigns eine Rolle spielen.
Zu wenig Daten bei Babys
Für Babys gilt: Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rät vorsorglich davon ab, Muttermilch oder herkömmliche Säuglingsnahrung durch Sojadrinks zu ersetzen. Es gibt bislang noch zu wenige Daten darüber, wie sich Isoflavone auf die Entwicklung von Kleinkindern auswirken.
Und jetzt:
In 100 Gramm Tofu stecken etwa 20 Milligramm Isoflavone. Da es sich um ein Naturprodukt handelt, kann der Gehalt je nach Anbaubedingungen und Verarbeitungsmethode schwanken.
Egal ob gekocht, gebraten oder frittiert: Die Isoflavone bleiben im Tofu hitzebeständig und stabil.
Wie viel davon unbedenklich ist, hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) 2015 geprüft.
In den ausgewerteten Studien nahmen Frauen bis zu 150 Milligramm isolierte Isoflavone in Kapselform täglich ein. Über zweieinhalb Jahre hinweg traten keine Auffälligkeiten auf. Keine der Studien fand Hinweise darauf, dass isolierte Isoflavone Brustdrüse, Gebärmutter oder Schilddrüse schädigen würden.
Entscheidend ist dabei das Wort isoliert. In Kapseln stecken Isoflavone herausgelöst und in Mengen, die über Tofu oder Sojadrink kaum zusammenkommen.
GroĂźe Mengen Tofu unbedenklich
Die von der EFSA untersuchte Menge an Isoflavonen ist für Tofu-Esser praktisch nicht zu erreichen: 150 Milligramm Isoflavone entsprechen ungefähr 750 Gramm Tofu. Ein handelsüblicher Block wiegt meist 200 Gramm. Wer Tofu isst, bewegt sich damit weit unterhalb dessen, worüber bei den Präparaten überhaupt diskutiert wird.
Ob Tofu Ursache für ein geringeres Krebsrisiko ist oder eher der generell gesündere Lebensstil von Tofu-Fans, lässt sich in Beobachtungsstudien nicht sicher trennen.
Eines machen Studienlage und Behörden jedoch deutlich: Die Angst vor Tofu im Netz ist für gesunde Erwachsene unbegründet. Bisherige Studien geben keine Hinweise darauf, dass Tofu das Krebsrisiko erhöht oder den Testosteronspiegel senkt. Für gesunde Erwachsene gilt: Tofu darf regelmäßig auf dem Speiseplan stehen.