Talentschuppen HSV: Louis Lemke als Gesicht des Hamburger Wegs

Erfolgreiche Nachwuchsarbeit
Talentschuppen HSV: Louis Lemke als Gesicht des Hamburger Wegs
Stand: 25.08.2026 • 12:08 Uhr
Der HSV stand viele Jahre für wenig erfolgreiche Nachwuchsarbeit. Inzwischen schaffen es aber immer mehr Talente aus der eigenen Jugend ins Profiteam. Beim 3:0-Erfolg im DFB-Pokal in Verl kamen gleich vier Eigengewächse zum Einsatz. Besonders der erst 16-jährige Louis Lemke steht für den neuen Hamburger Weg.
Das insbesondere im ersten Abschnitt intensive Duell mit dem Drittligisten forderte bei Lemke irgendwann seinen Tribut. Mitte des zweiten Abschnitts signalisierte der Linksverteidiger seinem Trainer Merlin Polzin, nicht weiterspielen zu können. Kurz darauf gab der Teenager dann zunächst Entwarnung, um fast im nächsten Moment wieder um seine Auswechslung zu bitten.
Die Jugend von heute, sie soll erst mal einer verstehen - dachte sich jedenfalls Polzin. "Er hat erst angezeigt, dass er einen Krampf hat, dann doch nicht und dann doch wieder - damit war ich nicht ganz so glücklich", monierte der HSV-Coach die Wankelmütigkeit seines Shootingstars.
Jüngster Torschütze beim HSV
Das war es dann aber auch in puncto Kritik für Lemke, der in der 75. Minute gegen Yussuf Poulsen ausgewechselt wurde. "Er hat heute sicherlich Werbung für sich gemacht", lobte Polzin den Abwehrspieler, der den Platz im Verler Poststadion als Rekordspieler des HSV verließ. Denn mit seinem Treffer zum 3:0-Endstand löste Lemke Otto Sommer, der den Rekord mehr als 104 Jahre gehalten hatte, als jüngsten Torschützen in der Historie des Traditionsclubs ab.
Louis steht für den Weg, den wir auch in Hamburg gehen wollen.
HSV-Trainer Merlin Polzin über Louis Lemke
Darüber sind sie an der Uwe-Seeler-Allee alle sehr glücklich. Denn Lemke, der im Alter von 16 Jahren, zehn Monaten und 16 Tagen sein erstes Profitor erzielte, ist das Gesicht einer neuen Ära. "Louis steht für den Weg, den wir auch in Hamburg gehen wollen. Die Jungs bekommen, wenn sie ihre Leistung zeigen, dann auch die Möglichkeit, sich anzubieten. Unser Nachwuchsleistungszentrum leistet hervorragende Arbeit", erklärte Polzin.
Vier Eigengewächse feierten schon Bundesliga-Debüts
Der aus Hamburg stammende Trainer setzt auf aus Hamburg stammende Spieler. Nicht aus Lokalpatriotismus, sondern weil nach jahrelanger Aufbauarbeit mit vielen kleinen und größeren Weichenstellungen und personellen Veränderungen nun die Früchte der Arbeit im Nachwuchsleistungszentrum geerntet werden können.
Bereits in der vergangenen Serie kamen in dem inzwischen abgewanderten Fabio Balde, Otto Stange, Nandja und Lemke vier Talente aus dem eigenen NLZ zu ihren Bundesliga-Debüts, in der neuen Saison könnten weitere Akteure wie Linksaußen Kelvin Ojo (stand gegen Verl im Kader) oder Verteidiger Jason Bissi-Mouelle folgen.
Letzterer - gerade einmal 18 Jahre alt - absolvierte die gesamte Vorbereitung bei den Profis und kam im Pokalspiel beim SCV in der Schlussphase zum Einsatz. Zuvor hatte Polzin bereits Stange aufs Feld geschickt. Wo Hamburg draufstand, war verhältnismäßig viel Hamburg drin.
"Das macht mich sehr, sehr glücklich, weil man sieht, dass Jungs aus Hamburg diese Wege gehen", sagte Polzin. Dem 35-Jährigen kommt fraglos zugute, dass sein Co-Trainer Loïc Favé auch Sportlicher Leiter des NLZ ist. Damit sind kurze Wege zwischen dem Talenteschuppen und dem Bundesliga-Team sowie gute Kommunikation gewährtleistet.
Favé als Mastermind des Aufschwungs
Favé - wie Polzin gebürtiger Hamburger - hat die Nachwuchsarbeit des HSV nicht reformiert, aber modifiziert. Für den 33-Jährigen stehen bei den U-Teams nicht Titel, sondern die individuelle Entwicklung der Talente im Vordergrund.
"Ich kommuniziere intern und extern immer wieder, dass es für uns nicht entscheidend ist, ob die Mannschaft Dritter, Achter oder Zwölfter wird. Unser Job ist, dass möglichst viele Spieler den Sprung in den Profibereich schaffen - am besten bei uns - und sich dabei als Spieler und Persönlichkeit weiterentwickeln", erklärte er nach der vergangenen Serie im Interview auf "HSV.de".
"Wir haben die Verzahnung zwischen dem Campus und den Profis auf ein gutes Level gehoben", stellte der Deutsch-Franzose zufrieden fest. Mit Blick auf die vier Bundesliga-Debütanten der Vorsaison gab er jedoch auch zu bedenken: "Trotzdem muss man bei aller Euphorie sagen, dass sich von den vier Spielern noch keiner endgültig durchgesetzt hat."
Ein "Fall Coulibaly" soll sich nicht wiederholen
Tatsächlich wird erst die Zukunft zeigen, ob Lemke und Co. mehr als ein One-Hit-Wonder sein werden. Denn auch in der Vergangenheit feierten immer mal wieder Talente aus dem eigenen Nachwuchs ihre Profidebüts. Doch ob sie nun Tom Sanne, Elijah Krahn, Faride Alidou, Nicolas Oliveira, Robin Meißner, Aaron Opoku, Jonas David oder Fiete Arp hießen - durchsetzen konnten sie sich letztlich alle nicht beim HSV, der pro Jahr dem Vernehmen nach viele Millionen Euro in sein Nachwuchsleistungszentrum steckt.
Viel Geld für die Ausbildung von jungen Fußballern, denen der Weg nach oben lange versperrt war. Oder die lieber einen anderen Weg wählten. Jüngstes Beispiels: Karim Coulibaly. Der Verteidiger entschied sich 2024 für einen Wechsel aus der U19 des HSV zu Werder Bremen und wurde nun vom Hamburger Erzrivalen für eine kolportierte Ablösesumme von 20 Millionen Euro zu Racing Straßburg verkauft.
Ein solcher Fall soll sich natürlich nicht wiederholen. Dass Polzin nun schon dem erst 16-jährigen Lemke Einsatzzeiten gibt, ist ein klares Signal an alle NLZ-Talente, dass sie eine realistische Profi-Perspektive an der Uwe-Seeler-Allee haben. Aber: "Alle müssen an ihren Themen weiterarbeiten, um die nächsten Schritte gehen zu können", so Favé.