Tschechien: PrÀsident gegen Premier beim NATO-Gipfel

Auf dem Gruppenfoto der Staats- und Regierungschefs beim Eröffnungsdinner des NATO-Gipfels im Juli in Ankara am 7. Juli 2026, das der PrĂ€sident des Gastgeberlandes TĂŒrkei, Recep Tayip Erdogan, per Twitter verbreitete, stehen zwei Tschechen an zwei entgegengesetzten Seiten des Bildes: Links Premier Andrej Babis, rechts PrĂ€sident Petr Pavel.
Die Teilnahme sowohl des Regierungschefs als auch des Staatsoberhaupts der Tschechischen Republik am Treffen der Nordatlantischen Allianz war der Höhepunkt einer seit einem Monat andauernden Auseinandersetzung zwischen Regierung und PrĂ€sident. Die populistische Regierung Babis ist gegenĂŒber der Ukraine, der NATO und der EU sehr zwiespĂ€ltig wogegen Pavel eindeutig pro-westliche, pro-europĂ€ische und pro-ukrainische Positionen vertritt.
In den Jahren seit dem Beitritt Tschechiens zur NATO am 12. MĂ€rz 1999 war das Land stets vom PrĂ€sidenten vertreten worden, der laut Verfassung Oberbefehlshaber der StreitkrĂ€fte ist und an der Gestaltung der AuĂenpolitik mitwirkt. Die Regierung jedoch hatte bekannt gegeben, dass Pavel Tschechien in Ankara nicht vertreten werde; und auch den vom PrĂ€sidenten vorgeschlagenen Kompromiss, wonach sowohl er als auch der Premier zum Gipfel reisen sollten, lehnte sie ab.
Entscheidung des Verfassungsgerichts
Nach vergeblichen BemĂŒhungen um eine Einigung reichte Pavel eine ZustĂ€ndigkeitsklage beim Verfassungsgericht ein. "Der PrĂ€sident der Republik betrachtet den Ausschluss aus der Delegation als beispiellosen Eingriff in seine verfassungsmĂ€Ăige Befugnis, den Staat nach auĂen zu vertreten. Mit der Klage will er daher klĂ€ren, wer befugt ist, ĂŒber die Teilnahme des Staatsoberhaupts an NATO-Gipfeln zu entscheiden", erklĂ€rte Pavels Pressesprecher Daniel Drake gegenĂŒber der DW.
Am 24. Juni erlieĂ das Verfassungsgericht eine einstweilige VerfĂŒgung - auch unter BerĂŒcksichtigung der Tatsache, dass die Regierung die endgĂŒltige Bekanntgabe des Reiseverbots fĂŒr Pavel zum Gipfel bewusst auf den spĂ€testmöglichen Zeitpunkt verschoben hatte, damit die Richter die Klage nicht mehr rechtzeitig verhandeln können. "GemÀà der einstweiligen VerfĂŒgung mĂŒssen die Regierung, der AuĂenminister und das Ministerium dem PrĂ€sidenten die Teilnahme am bevorstehenden Gipfel ermöglichen und dĂŒrfen seine Teilnahme nicht lĂ€nger verhindern", entschied das Gericht. Das endgĂŒltige Urteil wird erst in einigen Monaten ergehen.
"Ich respektiere die ungewöhnlich schnelle Entscheidung des Verfassungsgerichts", erklĂ€rte Babis auf X - ohne jedoch den Gerichtsentschluss vollstĂ€ndig umzusetzen: GemÀà der Verfassung hĂ€tte der PrĂ€sident Leiter der tschechischen Delegation sein mĂŒssen. Pavel hatte Babis vorgeschlagen, die Teilnahme an hochrangigen Veranstaltungen im Voraus aufzuteilen. Doch auch dazu kam es nicht.
Komödie in Ankara
Stattdessen musste das Veranstalterland des NATO-Gipfels, die TĂŒrkei, zwei getrennter Delegationen koordinieren. Pavel und Babis flogen etwa eine Stunde nacheinander mit jeweils einem anderen Flugzeug ein. Beide nahmen am festlichen Abendessen zur Eröffnung teil, wohnten im selben Hotel, auf derselben Etage - jedoch an entgegengesetzten Enden des Flurs. Und beide waren dann auch auf jenem gemeinsamen Foto zu sehen. Zeugen zufolge schlĂ€ngelte sich Babis mehrmals zwischen den Teilnehmern hindurch, nur um dem PrĂ€sidenten seines Landes nicht einmal die Hand geben zu mĂŒssen.
Tschechiens PrÀsident Petr Pavel in AnkaraBild: Metin Aktas/Anadolu Agency/IMAGO
Die tĂŒrkischen Veranstalter hielten sich an das Protokoll und erwiesen Pavel die Ehren eines Staatsoberhauptes: "Der PrĂ€sident der Republik nahm an beiden Hauptteilen des Gipfelprogramms teil, also sowohl am informellen Abendessen fĂŒr die Staats- und Regierungschefs als auch an der Sitzung des Nordatlantikrats selbst. Gleichzeitig nutzte er die Zeit auf dem Gipfel fĂŒr eine Reihe bilateraler Treffen mit anderen Staatschefs", erklĂ€rte Pavels Sprecher Drake gegenĂŒber der DW.
Pavel, ein General a. D. und ehemaliger Vorsitzender des NATO-MilitĂ€rausschusses (2015â2018), genieĂt unter den StaatsmĂ€nnern der BĂŒndnislĂ€nder den Ruf eines herausragenden MilitĂ€rexperten. Er kritisiert, dass Tschechien nach dem Amtsantritt der Babis-Regierung die Verpflichtung abgelehnt habe, bis zum Jahr 2026 zwei Prozent des BIP fĂŒr die Verteidigung bereitzustellen, und damit zu einem der problematischsten LĂ€nder des BĂŒndnisses geworden sei.
"Diplomatische Standpauke"
ZurĂŒck in Prag ĂŒberbrachte Pavel Kritik aus Ankara: "Aus meiner Sicht war das eine diplomatische Standpauke", so der tschechische PrĂ€sident gegenĂŒber dem Portal iDNES.cz. Auch US-PrĂ€sident Donald Trump habe das Thema Verteidigungsausgaben angesprochen. "Die Fragen in Bezug auf die Tschechische Republik betrafen nicht nur die Höhe der Verteidigungsausgaben, sondern auch die Art und Weise, wie wir die Ukraine unterstĂŒtzen werden", fĂŒgte Pavel hinzu.
Auch hier gehen die Standpunkte von Babis und dem PrĂ€sidenten grundlegend auseinander: Babis lehnt weitere tschechische MilitĂ€rhilfe fĂŒr die Ukraine ab und gestattet lediglich den Export von Waffen und Munition. Pavel fordert, die Hilfe fortzusetzen, bis Russland die KĂ€mpfe einstellt.
Nach dem Gipfeltreffen wies Babis Pavels Aussagen zur Kritik an Tschechien in Ankara zurĂŒck. "Ich war wohl bei einem anderen Abendessen", sagte Babis. "FĂŒr mich ergibt sich daraus die wichtige Lehre, dass ich nie wieder in einer Delegation mit dem PrĂ€sidenten sein werde", erklĂ€rte der MinisterprĂ€sident auf einer Pressekonferenz am 20. Juli in Prag.
Babis' bedeutendster Gegner
Petr Pavel besiegte Babis in der zweiten Runde der PrÀsidentschaftswahlen Anfang 2023 deutlich. Nachdem der Oligarch Babis Ende letzten Jahres zum zweiten Mal MinisterprÀsident geworden war und eine Regierung aus seiner populistischen Partei ANO, der extremistischen Bewegung "Freiheit und direkte Demokratie" (SPD) sowie den Trump-nahen "Motoristen" gebildet hatte, wurde Pavel Babis' bedeutendster Gegner.
"Der PrĂ€sident tritt als OppositionsfĂŒhrer auf", behauptet Babis, der in den letzten Monaten mit einer Verleumdungskampagne versucht, Pavels Sieg bei den Wahlen im Jahr 2028 zu verhindern. Bislang ohne Erfolg: Laut einer Umfrage der Agentur STEM vom Juli 2026 vertrauen 56 Prozent der Tschechen dem PrĂ€sidenten. Babis' Regierung erreicht lediglich 32 Prozent.