Völkermord an den Roma: So gedenken Mittel- und SĂŒdosteuropa

Es dauerte Jahrzehnte, bis der nationalsozialistische Völkermord an den Roma und Sinti, dem rund 500.000 Menschen zum Opfer fielen, von Deutschland als solcher anerkannt wurde. Und es dauerte auch Jahrzehnte, bis der "EuropĂ€ische Holocaust-Gedenktag fĂŒr Roma und Sinti", begangen jedes Jahr am 2. August, tatsĂ€chlich zu einem offiziellen deutschen und europĂ€ischen Gedenktag wurde.
Auf Initiative polnischer Roma-Organisationen wurde im Rahmen einer gröĂeren Zeremonie erstmals am 2. August 1994 in der GedenkstĂ€tte Auschwitz an die sogenannte "Liquidierung des Zigeunerlagers" Birkenau erinnert. Sie fand in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 statt. Durch MangelernĂ€hrung, Krankheiten und Seuchen waren schon im Vorfeld tausende Deportierte getötet worden. In dieser Nacht wurden tausende weitere von den deutschen Nationalsozialisten im Lager inhaftierte Roma und Sinti vergast, erschossen und erschlagen.
Erst seit 2015, aufgrund einer Initiative des Europaparlaments, ist der EuropĂ€ische Holocaust-Gedenktag fĂŒr Roma und Sinti auch in Deutschland und in anderen europĂ€ischen LĂ€ndern ein Gedenktag, der von offizieller Seite, unter Beteiligung von Regierungsvertretern, begangen wird. Teils reisen dazu Vertreter europĂ€ischer Regierungen zur GedenkstĂ€tte Auschwitz.
Meistens werden Gedenkfeiern aber in den LĂ€ndern selbst begangen. Darunter vor allem in mittel- und sĂŒdosteuropĂ€ischen LĂ€ndern, da die nationalsozialistische Vernichtungspolitik sich dort hĂ€ufig auch gegen Roma richtete. Zugleich wird in einigen LĂ€ndern dieser Region heutzutage anlĂ€sslich von Gedenkfeiern auch an aktuellen Antiziganismus und seine Folgen erinnert.
Polen: Seit 15 Jahren Gedenktag
In Polen, wo etwa 30.000 Roma leben, ist der 2. August bereits seit 2011 ein offizieller Gedenktag, an dem auch regelmĂ€Ăig Parlaments- und Regierungsvertreter zur GedenkstĂ€tte nach Auschwitz reisen.
Der österreichische KĂŒnstler, Professor und Ăberlebende des Völkermords an den Roma, Karl Stojka, gedenkt am 2. August 2001 den Getöteten am Eingang des frĂŒheren "Zigeunerlagers" in Auschwitz-Birkenau. Seit 2011 wird der Gedenktag in Polen offiziell begangen.Bild: Bednarczyk/dpa/picture alliance
Eine weitere wichtige Gedenkfeier findet jedes Jahr im Dorf Szczurowa östlich von Krakau am 3. Juli statt - zum Gedenken an ein deutsches Massaker an polnischen Roma im Jahr 1943. In Szczurowa wurde 1956 das erste Denkmal in Europa fĂŒr die Opfer des Völkermords an den Roma errichtet. Auch in anderen KleinstĂ€dten und Dörfern SĂŒdostpolens wird jeden Sommer der Ermordung polnischer Roma wĂ€hrend der deutschen Besatzungszeit gedacht.
Tschechien: FrĂŒher Schweinemastbetrieb, heute GedenkstĂ€tte
In der Tschechischen Republik - dort leben etwa 250.000 Roma - wird der 2. August offiziell seit 2015 begangen. Die wichtigste Gedenkfeier findet im Ort Lety sĂŒdlich von Prag statt, wo Roma-Organisationen bereits seit Jahrzehnten an den Völkermord erinnern. Dort hatten die deutschen Nationalsozialisten 1940 ein Konzentrationslager errichtet, in das ab 1942 Roma-Familien deportiert wurden.
Die GedenkstÀtte Lety in TschechienBild: Lubos Pavlicek/CTK via AP/picture alliance
Nach dem Krieg wurde das GelĂ€nde als Schweinemastanlage genutzt. Nach einer langen Kontroverse wurde der Betrieb 2018 geschlossen und der Ort in eine GedenkstĂ€tte umgewandelt. Zu der Eröffnung im April 2024 kamen der tschechische StaatsprĂ€sident Petr Pavel und der damalige tschechische MinisterprĂ€sident Petr Fiala. Ein weiterer Gedenkort ist Hodonin nördlich von Brno (BrĂŒnn), wo sich 1942/43 ebenfalls ein deutsches Konzentrationslager fĂŒr Roma befand. Hier wird unter anderem der Massendeportation von Roma am 21. August 1943 nach Auschwitz gedacht.
Slowakei: Bereits seit 2005 Gedenktag
In der Slowakei, wo etwa eine halbe Million Roma leben, ist der 2. August seit 2005 offizieller Gedenktag. Die zentrale Gedenkfeier an diesem Tag findet auf dem GelÀnde des Museums des Volksaufstandes (SNP) in Banska Bystrica im Zentrum der Slowakei statt. Das Museum erinnert an den antifaschistischen slowakischen Aufstand von 1944. Die Gedenkfeier wird von der Regierung - beziehungsweise ihrem Roma-Beauftragten - zusammen mit nicht-staatlichen Roma-Initiativen organisiert. Auch andere Staatsvertreter, etwa des PrÀsidialamtes, nehmen an ihr teil.
Ungarn: Antiziganismus frĂŒher und heute
In Ungarn mit seinen heute etwa 600.000 Roma wird der Roma-Holocaust-Gedenktag nach einem Parlamentsbeschluss seit 2005 am 2. August in zahlreichen Orten begangen. Allein in Budapest gibt es derzeit drei GedenkstĂ€tten fĂŒr die im Holocaust ermordeten Roma, an denen Gedenkfeiern stattfinden. Grund fĂŒr diese und zahlreiche andere DenkmĂ€ler im Land ist, dass die ungarischen Roma besonders nach Beginn der deutschen Besatzung 1944 und unter der Herrschaft der Pfeilkreuzler, den ungarischen Nationalsozialisten, Opfer von Deportationen und Ermordungen wurden.
Denkmal fĂŒr die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in BerlinBild: Markus Schreiber/AP Photo/picture alliance
Zum historischen Gedenken kommt in Ungarn auch das Gedenken an die antiziganistische Roma-Mordserie 2008/2009. Damals ermordeten rechtsextreme Terroristen sechs Menschen und verletzten 55 teils schwer. Den letzten Mordanschlag verĂŒbten sie in zynischer Absicht ausgerechnet in der Nacht vom 2. auf den 3. August 2009 im Dorf Kisleta in Ostungarn.
RumÀnien: Deportation nach Transnistrien
In RumĂ€nien, wo etwa zwei Millionen Roma leben, wird der Roma-Holocaust-Gedenktag seit 2020 offiziell begangen. Die zentrale Gedenkfeier findet am Holocaust-Memorial in Bukarest statt, das 2009 eingeweiht wurde. RumĂ€nien organisierte unter dem Regime des Hitler-VerbĂŒndeten und Diktators Ion Antonescu eigenstĂ€ndig eine massenhafte Deportation von Juden und Roma nach Transnistrien, wo rund 380.000 Juden und 11.000 Roma in Lagern ermordet wurden oder an Hunger und Krankheiten starben. Erstmals nahm im Jahr 2025 mit Nicusor Dan ein rumĂ€nischer StaatsprĂ€sident persönlich an der Gedenkfeier teil.
Im vergangenen Jahr nahm mit dem rumĂ€nischen PrĂ€sidenten Nicusor Dan erstmals ein Staatsoberhaupt RumĂ€niens an der Gedenkveranstaltung fĂŒr die Roma-Opfer des Holocaust teilBild: Cristian ÈtefÄnescu/DW
Im Jahr 2004 erklÀrte RumÀnien den 9. Oktober zum Nationalen Holocaust-Gedenktag. An diesem Tag hatten die Deportationen von Juden aus der Region Bukowina nach Transnistrien begonnen. Explizit wird an diesem Tag auch der durch das Antonescu-Regime deportierten und ermordeten Roma gedacht.
Bulgarien: Gedenken ohne Gedenktag
In Bulgarien - dort leben etwa 700.000 Roma - wurde der 2. August nicht zum offiziellen Gedenktag deklariert, wird aber mit Gedenkfeiern von Roma-Organisationen begangen. Auch Staats- und Regierungsvertreter veröffentlichen dazu GedenkerklĂ€rungen. Obwohl mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbĂŒndet, widersetzte sich Bulgarien der von Deutschland verlangten Deportation von Juden und auch von Roma. Sie wurden allerdings durch eine Vielzahl von Gesetzen diskriminiert und zu BĂŒrgern zweiter Klasse gemacht.
Kroatien: Ausbruchsversuch im Vordergrund
In Kroatien mit seinen etwa 25.000 Roma wurde der 2. August erst 2014 durch das Parlament zum Gedenktag erklÀrt. Die zentrale Gedenkfeier findet auf dem GelÀnde des ehemaligen Konzentrationslagers Jasenovac statt, wo wÀhrend der Herrschaft des faschistischen Ustascha-Regimes Serben, Juden, Kroaten und Roma inhaftiert wurden.
GedenkstÀtte im Konzentrationslager Jasenovac in KroatienBild: Stipe Majic/AA/picture alliance
Etwa 15.000 bis 20.000 Roma wurden dort ermordet. An den Gedenkfeiern nehmen regelmĂ€Ăig hochrangige Regierungsvertreter teil. Allgemein steht bei Gedenkfeiern in Jasenovac der 22. April im Vordergrund - an diesem Tag wird an einen Ausbruchsversuch von HĂ€ftlingen im Jahr 1945 aus dem Konzentrationslager erinnert.
Nordmazedonien: Gedenktag und Nationalfeiertag
In Nordmazedonien, wo etwa 100.000 Roma leben, ist der 2. August seit 2017 offiziell Roma-Holocaust-Gedenktag. Eine zentrale Gedenkfeier findet in Skopje am Holocaustgedenkzentrum fĂŒr die Juden aus Mazedonien statt. Da der 2. August in Nordmazedonien auch ein Nationalfeiertag ist, der Tag der Republik, tritt das Gedenken an den Roma-Völkermord in der Ăffentlichkeit etwas in den Hintergrund.
Serbien: Kein offizieller Gedenktag
In Serbien, Heimat von etwa 130.000 Roma, ist der 2. August kein offizieller Gedenktag an den Roma-Völkermord. Dennoch wird an anderen Gedenktagen zur Erinnerung an die nationalsozialistische und Ustascha-Völkermordpolitik auch des Roma-Völkermordes gedacht.