Volles Wachstum voraus!
Als das Wachstum erst zu wachsen begann (Symbolbild)
Foto: imago/ecomedia/robert fishman
Es geht eine Aufbruchstimmung durchs Land. Während der Kabinettssitzung in Neuhardenberg scheint die Regierung die Euphorie des Oderbruchs aufgesogen zu haben. Friedrich Merz sprach gar davon, dass man den »verbreiteten Missmut abschütteln« müsse, der Deutschland lähmen würde. Anschließend gab er die von nun an geltende Kampfparole aus: »Raus aus dem Misstrauen, hinein in eine neue Zuversicht!«
Diese Zuversicht soll die Grundlage sein, um »das Wachstum von morgen zu ermöglichen«. Für Friedrich Merz ist klar: Das Wachstum im Lande soll künftig zu wachsen beginnen. Riesig soll es gar werden. Das Wachstum soll sich zum Wohlgefallen des Kanzlers ausbreiten und ausdehnen über das ganze Land. Es soll überall allgegenwärtig sein. In Berlin soll es höher werden als der Fernsehturm, in Bayern gar höher als die Zugspitze.
Andreas Koristka
Andreas Koristka ist Redakteur der Satirezeitschrift »Eulenspiegel«. Für »nd.DieWoche« schreibt er alle zwei Wochen die Kolumne »Betreutes Lesen«. Alle Texte unter dasnd.de/koristka.
Friedrich Merz’ erklärtes Ziel ist es, dass das deutsche Wachstum, der Chinesischen Mauer gleich, aus dem Weltall sichtbar wird. In Europas Mitte soll es thronen und sekündlich um mehrere Kilogramm zunehmen. So soll sich das Wachstum zu einem amorphen Gebilde von Wirtschaftsleistung unvorstellbaren Ausmaßes erheben.
»Unser Land hat große Potenziale und es gibt überhaupt keinen Grund, uns kleinzumachen«, hat der Kanzler gesagt. Und genau deshalb wachsen wir! So sind wir als Menschen eben gemacht. Täglich werden Fingernägel und Haare länger, Nase und Ohren wachsen auch ein Leben lang. Das ist ein Fingerzeig Gottes! »So wie euer Riechorgan müsst ihr leben!«, wollte uns der Schöpfer sagen.
Stets muss das Wachstum mehr werden. Nie darf es stagnieren oder gar schrumpfen. Das ist auch gar nicht möglich. Denn wenn das Wachstum nicht wächst, dann wächst die Unzufriedenheit, die Leute wählen die AfD und zünden Asylantenheime an. Aber so weit soll es nicht kommen. Denn wenn das eigentliche, das gute Wachstum wächst, wächst auch die Zufriedenheit. Und wird die Zufriedenheit größer, mindert dies den natürlichen Drang der Deutschen, die unbegleitet reisenden männlichen Flüchtlinge zurück nach Afghanistan zu prügeln.
Das Schöne und Erstaunliche am Wachstum ist, dass es immer größer werden kann. Wenn man einen Luftballon aufbläst, platzt er irgendwann. Das Wachstum jedoch bläht sich immer weiter auf. Es trotzt allen physikalischen Gesetzen. Wäre es ein Luftballon, würde es nicht zerbersten, sondern wäre die Dekoration der größten und immer größer werdenden Party der Welt.
Bei jedem Schritt, jedem Atemzug und jeder Wählerbeschimpfung von Friedrich Merz muss das Wachstum wachsen. Es muss bei Tag wie bei Nacht wachsen, sommers wie winters. Es muss in der Magdeburger Börde wachsen genauso wie im Westerwald. Nicht umsonst werden in der Nationalhymne »Einigkeit und Recht und Wachstum« für das deutsche Vaterland besungen.
Irgendwann wird das Wachstum so groß sein, dass niemand mehr sagen kann, wo es anfängt und wo es aufhört. Der Wachstumsbericht wird im Norden starkes Wachstum, im Süden stark zunehmendes und im Osten gar örtliche Wachstumsböen vermelden.
Es wird der immer größere gemeinsame Nenner werden, den wir alle haben. Möge das Wachstum also so lange wachsen, bis Friedrich Merz zum größten Kanzler geworden ist und noch lange darüber hinaus.