Vorstand muss größten Umbau der Konzerngeschichte erklären

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Mega-Krise bei Volkswagen: „Die Lage ist mehr als kritisch“ – Zehntausende Jobs auf dem Spiel
Stand: 25.08.2026, 04:47 Uhr
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Volkswagen steht vor neun Betriebsversammlungen. Konzernchef Oliver Blume muss seinen Umbau erklären – es geht um Werke, Investitionen und Zehntausende Jobs.
München – Ab Dienstag muss sich der Volkswagen-Vorstand in neun Betriebsversammlungen vor der Belegschaft erklären. Es geht um den größten Umbau in der Geschichte des Konzerns – und um Zehntausende Arbeitsplätze.
FĂĽr den deutschen Automobilsektor und den Wirtschaftsstandort Deutschland steht dabei weit mehr auf dem Spiel als ein einzelnes Unternehmen.
Volkswagen-Werk Wolfsburg: Der VW-Vorstand muss sich in neun Betriebsversammlungen vor der Belegschaft erklären. Im Zentrum stehen Sparpläne, mögliche Werksschließungen und Zehntausende Arbeitsplätze. © Julian Stratenschulte/dpa
VW-Vorstand muss sich Belegschaft erklären
Den Auftakt macht am 25. August die Versammlung im Wolfsburger Stammwerk. Einen Tag später folgen Emden und Zwickau.
Bis zum 31. August sind auĂźerdem Versammlungen in Braunschweig, Chemnitz, Dresden, Kassel, Salzgitter und Hannover geplant.
Konzernchef Oliver Blume will persönlich in Wolfsburg, Emden und Zwickau auftreten. In Hannover übernimmt Finanzvorstand Arno Antlitz, in den übrigen deutschen Werken spricht Komponenten-Chef Thomas Schmall.
Der Betriebsrat hatte dem Vorstand vor den Werksferien ein Ultimatum gestellt. Die Arbeitnehmervertreter verlangten Details zu den Sparplänen. Antworten blieben aus. Nun folgen die außerordentlichen Versammlungen.
VW-Chef Blume nennt Lage „mehr als kritisch“
In einem im Konzern-Intranet veröffentlichten Interview bereitete Blume die Beschäftigten auf harte Einschnitte vor. „Die Lage ist mehr als kritisch“, sagte er.
Der Konzern sei zwar handlungsfähig, habe aber akuten Handlungsbedarf. Die operative Rendite von 3,8 Prozent sei angesichts des schwierigen Umfelds zwar solide.
Sie reiche aber „bei Weitem nicht aus, um dauerhaft ausreichende Mittel zu erwirtschaften für neue Technologien, neue Produkte und unsere Standorte“, sagte Blume.
Der VW-Chef sieht die Ursachen in einem fundamentalen Wandel der globalen Automobilbranche.
Volkswagen steckt mitten in der Autokrise
„Die weltweite Autoindustrie ist in einer Mega-Krise. Und der Volkswagen-Konzern ist mittendrin“, sagte Blume.
„Geopolitik, Handelsbarrieren, Regulatorik, schwache Märkte und massiver Wettbewerb“ forderten alle. Zwar hat VW die Fabrikkosten an seinen deutschen Werken im vergangenen Jahr bereits um durchschnittlich 20 Prozent gesenkt. Weitere Schritte seien aber nötig.
Bei den Gemeinkosten liege Volkswagen im Vergleich zum Durchschnitt ähnlicher Unternehmen noch immer rund 20 Prozent im Nachteil.
Blume appellierte an die gesamte Belegschaft: „Auf die nächsten Wochen kommt es an: Alle müssen mitziehen. Wir haben den größten Transformationsplan in der Geschichte des Volkswagen-Konzerns aufgesetzt.“
Die nächsten Jahre seien entscheidend, „wer im Rennen bleibt und wer an die Spitze fährt“.
Deutsche VW-Werke könnten schließen
Das Ausmaß des geplanten Umbaus ist erheblich. Blume hatte Mitte Juli im Konzern-Intranet angekündigt, weltweit rund 50.000 Stellen abbauen zu wollen – zusätzlich zu bereits vereinbarten 50.000 Stellen.
Gleichzeitig sollen die geplanten Investitionen fĂĽr die Jahre 2027 bis 2031 von 180 auf 135 Milliarden Euro sinken.
Besonders gravierend sind die Pläne für die deutschen Standorte. Die Werke in Zwickau und Emden sollen demnach 2031 schließen, das Werk in Hannover 2032.
Bei der VW-Tochter Audi wĂĽrde neben dem Stammwerk Ingolstadt nur noch bis 2034 das Werk in Neckarsulm in Betrieb bleiben.
Konzernstruktur steht zur Disposition
Auch die Konzernstruktur stünde zur Disposition. Die Kernmarke VW und der interne Zulieferbereich „Komponente“ könnten in eigenständige Gesellschaften ausgegliedert werden.
Damit wĂĽrde der Umbau weit ĂĽber klassische SparmaĂźnahmen hinausgehen. Es ginge um eine Neuordnung zentraler Strukturen des Volkswagen-Konzerns.
IG Metall attackiert Blumes Renditeziele
Blumes Pläne stoßen auf erheblichen Widerstand. IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner, die zugleich Vize-Aufsichtsratschefin bei Volkswagen ist, bezeichnete die Renditeziele des Vorstands als unrealistisch.
Die Konzernpläne für künftige Renditen glichen einem „Wolkenkuckucksheim“, sagte Benner der WirtschaftsWoche.
„Wie soll denn der Volkswagen-Konzern unter den derzeitigen geopolitischen Bedingungen eine operative Umsatzrendite von neun Prozent schaffen?“, fragte Benner.
Sie forderte den Vorstand auf, seine Pläne zu überarbeiten und zu konkretisieren. „Bevor der Aufsichtsrat den Plänen des Vorstands zustimmen kann, muss der Vorstand seine Pläne deutlich konkretisieren und anpassen. Wir wollen wissen: Um welche Modelle geht es, wie sollen die Ziele erreicht werden?“
VW: WerksschlieĂźungen lehnt IG Metall ab
Werksschließungen lehnte Benner kategorisch ab: „Werksschließungen gehen mit uns nicht. Die Beschäftigten haben Perspektiven verdient.“
Scharf kritisierte sie auch den Umgang mit der Belegschaft. Die neuen Sparideen des Vorstands hätten die Vertrauenskultur bei Volkswagen zerstört.
„Die Belegschaft musste bereits heftige und schmerzhafte Einschnitte hinnehmen und kriegt direkt die nächste Ohrfeige“, sagte Benner.
Auch das Land Niedersachsen als Anteilseigner stellt sich gegen Blumes Kurs. Im Aufsichtsrat verfĂĽgt das Land ĂĽber ein Vetorecht und kann strategische Entscheidungen blockieren.
Bereits in der Aufsichtsratssitzung vor der Sommerpause bekam Blume keine Mehrheit für seine Pläne.
VW-Umbau wird zum Standorttest
Die Betriebsversammlungen sind nur die erste Hürde. In rund zwei Wochen muss Blume seinen „Zielbild 2030“ genannten Umbauplan auch im Aufsichtsrat durchsetzen.
Dort ist mit zähen Verhandlungen zu rechnen. Ob und in welcher Form die Pläne umgesetzt werden, ist damit weiterhin offen.
Für Deutschland hat der Ausgang dieser Auseinandersetzung weitreichende Bedeutung. Volkswagen ist mit seinen deutschen Werken einer der größten industriellen Arbeitgeber des Landes.
Die Entscheidungen der kommenden Wochen dürften nicht nur die Zukunft des Konzerns prägen – sondern auch die des Automobilstandorts Deutschland insgesamt. (Quellen: Bild, WirtschaftsWoche, Deutschlandfunk) (mare)