Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern: Die AfD erhöht den Druck

Analyse
Nach den Landtagswahlen
Die AfD erhöht den Druck
Stand: 20.09.2026 • 22:13 Uhr
So stark und selbstbewusst war die AfD noch nie. Die AfD sieht sich als Kanzlerpartei im Wartestand und hofft auf ein Auseinanderbrechen der Koalition im Bund.
Die AfD hat zum dritten Mal in ihrer Geschichte eine Landtagswahl gewonnen und auch in der Bundeshauptstadt dazugewonnen. Gerade das Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern ist mehr als nur ein Ausrufezeichen. Es zeigt einen Trend, der sich verstetigt: Die AfD gewinnt Wahlen in Flächenländern. Für Spitzenkandidat Leif-Erik Holm steht fest, dass die AfD jetzt "einen klaren Regierungsauftrag" habe. Dafür bekommt er Rückendeckung von der Bundesspitze.
"Wir werden Gespräche führen", sagte Bundessprecherin Alice Weidel selbstsicher im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio. Ohne Gesprächspartner wird das aber schwierig.
Keine Machtoption in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin
Weder in Schwerin noch Berlin kann die AfD mit einer Regierungsbeteiligung rechnen. Zu stark sind die Ergebnisse der Konkurrenz. Die anderen Parteien schließen eine Zusammenarbeit aus.
Bislang hat es der AfD nicht geschadet, trotz hoher Ergebnisse nicht koalitionsfähig zu sein. Starke Zugewinne bekommt die AfD aus dem Lager der Nichtwähler.
Das Rundum-Sorglos-Paket
Die AfD hat sich in den Wahlkämpfen von Mecklenburg-Vorpommern und Berlin nicht neu erfunden. Sie hat auf ihre bewährte Strategie gesetzt. Die Partei versucht ihren Unterstützern ein Rundum-Sorglos-Paket zu präsentieren, samt scheinbar einfachen Lösungen und parteinahen Medien und Influencern, die die eigene Weltsicht bestärken. Die AfD verspricht eine Welt, in der Kriege jederzeit beendet werden könnten, wenn man sich das hierzulande nur stark genug wünscht; eine Welt ohne menschengemachten Klimawandel, dafür mit klaren Feindbildern.
Ihren Unterstützern erklärt die Partei, Teil einer historischen "Wende 2.0" zu sein. Nicht etwa als Zuschauer, sondern als gemeinsam handelnde Einheit mit der AfD. Die AfD verbreitet die Erzählung, ihr Erfolg sei auf lange Sicht unvermeidbar. Das glauben ihr offenbar immer mehr Wähler.
AfD auf dem Weg zur Volkspartei?
Egal ob jung oder alt, reich oder arm, Arbeiter oder selbstständig: Repräsentative Befragungen zeigen: In ostdeutschen Bundesländern findet die AfD zunehmend Unterstützung in der ganzen Breite der Gesellschaft. Repräsentative Wahlbefragungen in Sachsen-Anhalt zeigen, dass die AfD in sämtlichen Bevölkerungsgruppen vorne lag. Auch in Mecklenburg-Vorpommern erreicht die AfD Wählerschichten, in die sie bislang kaum vordringen konnte.
"Wir sind Volkspartei", erklärte Mecklenburg-Vorpommerns AfD-Generalsekretär Dario Seifert im Wahlkampf und markiert damit den Anspruch der AfD.
Diesem Anspruch wird die AfD aber noch nicht im ganzen Bundesgebiet gerecht. Auch weil längst nicht alle Landesverbände geeint auftreten. Der größte AfD-Landesverband in Nordrhein-Westfalen etwa ist hoffnungslos zerstritten und streitet gerade erbittert darum, ob die eigene Kandidatenliste für die nächste Landtagswahl rechtens gewählt wurde oder nicht.
Keine Klientel- oder Protestpartei
Klar ist aber auch: Die AfD ist längst keine Klientel- oder Protestpartei mehr. Weder in Ost noch West. In bundesweiten Umfragen liegt die AfD auf Platz eins - mit weitem Abstand zur Union. Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky von der Universität Halle Wittenberg führt das auf einen Rechtsruck in der Gesellschaft und die außergewöhnlich unbeliebte Bundesregierung zurück.
Studien zeigen auch, dass Wähler, die sich einmal für die AfD entscheiden haben, nicht so schnell wieder andere Parteien wählen würden. Lewandowsky führt das unter anderem darauf zurück, dass die AfD erfolgreich bei ihren Wählern Misstrauen in staatliche Institutionen gesät habe.
Die AfD hofft auf Neuwahlen im Bund
Von der Parteibasis bis zur AfD-Bundespitze wecken die aktuellen Erfolge große Begehrlichkeiten. Die AfD geriert sich als Kanzlerpartei im Wartestand, hofft auf Neuwahlen und redet die sie nach Kräften herbei. Die Etappensiege bei den Landtagswahlen will sie als Sprungbrett nutzen.
Weidel versprach zum Wahlkampfabschluss in Neubrandenburg siegesgewiss, dass Bundeskanzler Friedrich Merz seine letzte Rede im Bundestag bereits gehalten habe. Nach den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern werde die Bundesregierung "die Grätsche machen". Doch am Wahlabend tritt weder Merz zurück noch zerbricht die Koalition.
Die AfD will die Union zerreiben
Die AfD-Spitze weiß, dass es in absehbarer Zeit keine Regierungsoption für die AfD im Bund geben wird. Die anderen Parteien schließen eine Zusammenarbeit mit der Partei aus. Daran würden auch - Stand jetzt - Neuwahlen nichts ändern.
Aus Sicht der AfD gibt es dafür vor allem einen Ausweg. Die Partei müsste schaffen, was sie seit Langem vollmundig ankündigt: Die CDU zerreiben und ihre Wähler übernehmen.
Um das zu erreichen, braucht die AfD jedoch mehr als ein schlechtes Wahlergebnis der CDU in Mecklenburg-Vorpommern und einzelne Unions-Kreisverbände, die das Ende der Brandmauer fordern. Das weiß auch der Bundesvorstand der AfD. Und so richten sich die Blicke der Parteispitze vor allem auf die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt.
Die Bühne in Magdeburg
In Magdeburg will die AfD erstmals zeigen, dass sie nicht nur vom Regieren reden kann, sondern ihre Pläne auch in die Tat umsetzt.
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund versprach schon vor den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, das Wahlergebnis werde "definitiv Auswirkungen auf die laufenden Gespräche zur Regierungsbildung" haben. Entweder schmiedet Siegmund also eine Koalition mit dem BSW, schafft es, CDU-Politiker aus ihrer Fraktion loszueisen - oder ihm gelingt es, im dritten Wahlgang von seiner Fraktion mit einfacher Mehrheit zum Ministerpräsidenten gewählt zu werden und startet das Projekt Minderheitsregierung. Das wäre etwa bei mindestens sechs Enthaltungen möglich.
Vor der Wahl hatte Siegmund letzteres zwar ausgeschlossen, doch jetzt drängt ihn die Parteispitze zum Handeln. Das Motto: Wer so laut nach Verantwortung ruft, muss auch zeigen, dass er sie tragen will.
Regieren ohne Mehrheit
Ohne eigene Mehrheit kann Siegmund keine Gesetze beschließen. Das sei aber auch gar nicht nötig, heißt es aus dem Bundesvorstand. Ein AfD-Ministerpräsident solle erst einmal mit Rechtsordnungen regieren und die politische Konkurrenz vor die Wahl stellen, einen gemeinsamen Haushalt mit der AfD zu verabschieden oder Neuwahlen zu provozieren.
Sollte die AfD in Sachsen-Anhalt mit ihren Plänen scheitern, wird sie wohl versuchen, der Union und ihrer Verweigerungshaltung dafür die Schuld zu geben.
Die AfD will den Druck auf die CDU und die Bundesregierung hochhalten und setzt auf ihre Erzählung, unvermeidlich, quasi automatisch zur Regierungspartei zu werden. Dieser Wahlabend hat gezeigt, dass das nicht stimmen muss.