Warum werden in Malta kaum AsylantrÀge gestellt?

Migration ĂŒber das Mittelmeer
Warum werden in Malta kaum AsylantrÀge gestellt?
Stand: 10.08.2026 âą 12:01 Uhr
Migranten bedrÀngen die GrenzzÀune der spanischen Exklave Ceuta, auf der italienischen Insel Lampedusa kommen seit Jahren viele Migranten an, in Griechenland auch. Doch in Malta werden kaum AsylantrÀge gestellt. Woran liegt das?
Maltas Migrationspolitik ist mit einem klaren Ziel verbunden: irregulÀre Migration zu verhindern. Um das zu erreichen, sucht das Land mit einem "Migrations-Botschafter" den Kontakt zu den HerkunftslÀndern irregulÀrer Migrantinnen und Migranten.
Malcolm Cutajar ist dieser Migrations-Botschafter. Er ist ĂŒberzeugt, dass die Zahlen der vergangenen Jahre zeigten, dass Malta sich des Problems der irregulĂ€ren Migration angenommen hat.
2019 seien noch mehr als 3.000 Migrantinnen und Migranten auf der kleinen Mittelmeerinsel angekommen. Bis Ende vergangenen Jahres sei die Zahl der irregulĂ€ren AnkĂŒnfte um ungefĂ€hr 93 Prozent zurĂŒckgegangen, so Cutajar sichtlich zufrieden. Nur: Woran liegt das?
Malta sieht sich als "Vorreiter"
Cutajar betont im Laufe des GesprĂ€chs immer wieder: Viele der MaĂnahmen, die die EU mit dem neuen Gemeinsamen EuropĂ€ischen Asylsystem beschlossen hat, seien in Malta schon lange geltendes Recht. Beschleunigte Asylverfahren zum Beispiel oder das Screening der neu Angekommenen, bei dem unter anderem eine Sicherheits- und GesundheitsĂŒberprĂŒfung durchgefĂŒhrt wird.
Das neue Gemeinsame EuropĂ€ische Asylsystem ist Anfang Juni in Kraft getreten. Die Reform soll irregulĂ€re Migration stĂ€rker begrenzen, gemeinsame europĂ€ische Standards fĂŒr Asylverfahren setzen und diese beschleunigen sowie die Lasten aus der Migration gerechter in der EU verteilen. Menschenrechtsorganisationen kritisieren das als VerschĂ€rfung der Asylgesetzgebung.
Die Inselgruppe sieht sich auch bei Abschiebungen als "Vorreiter": Seit 2020 setzt Malta darauf, RĂŒckfĂŒhrungen schneller und effizienter zu machen - und gleichzeitig dafĂŒr zu sorgen, dass die Menschen möglichst gar nicht erst irregulĂ€r kommen.
Malta habe erkannt, dass einer der HauptgrĂŒnde dafĂŒr, dass Menschen irregulĂ€r einreisen, sei, dass RĂŒckfĂŒhrungen nicht wirklich funktionierten, sagt Cutajar. Das könne ein Anreiz sein, um das System zu missbrauchen.
Malta arbeite mehr als frĂŒher mit Drittstaaten wie Bangladesch, Ăgypten, Ghana, Gambia oder der ElfenbeinkĂŒste zusammen, erklĂ€rt Cutajar. Aus diesen LĂ€ndern kĂ€men viele der Migrantinnen und Migranten, die sich auf den Weg ĂŒbers Mittelmeer machen. Und: Man klĂ€re die Menschen darĂŒber auf, wie ihre Chancen stehen, in Malta zu bleiben - um sie von einer freiwilligen RĂŒckkehr zu ĂŒberzeugen.
Haft fĂŒr Asylbewerber
Zur Bereitschaft zur Ausreise könnte auch beitragen, dass Migrantinnen und Migranten in Malta wĂ€hrend der Dauer ihres Asylverfahrens meistens inhaftiert sind. Das gibt auch Malcolm Cutajar zu, auch wenn er sagt, Haft werde "immer individuell bewertet, Fall fĂŒr Fall, als ein Mittel letzter Instanz".
Allerdings hÀtten die meisten Personen, die derzeit in Malta ankommen, nie die Absicht gehabt, nach Malta zu kommen, und sie wollten auch nicht in Malta bleiben. "Daher bewerten wir das so, dass ein höheres Risiko des Untertauchens besteht, wenn diese Personen nicht in Haft sind", sagt Cutajar.
Bis zu einem Dreivierteljahr bleiben Asylbewerberinnen und Asylbewerber in Malta in Haft - offiziell. Menschenrechtsorganisationen wie Aditus sagen, teilweise seien die Menschen noch viel lÀnger eingesperrt.
"MentalitÀt einer sehr kleinen Insel"
Die AnwĂ€ltin Carla Camilleri arbeitet fĂŒr Aditus in Hamrun, einem migrantisch geprĂ€gten Ort in der NĂ€he der Hauptstadt Valetta. Bei ihr melden sich Migrantinnen und Migranten, die Hilfe brauchen.
Camilleri sagt, Malta sei noch nie ein migrationsfreundliches Land gewesen. Eine Kultur, die besagt, man mĂŒsse SchiffbrĂŒchige aufnehmen, wie traditionell auf der italienischen Insel Lampedusa - die gebe es hier nicht. "Wir hatten immer schon diese MentalitĂ€t einer sehr kleinen Insel, dass wir von einer 'Invasion' heimgesucht werden", erklĂ€rt sie.
In den vergangenen Jahren sei Maltas Migrationspolitik deutlich strikter geworden, mit teilweise dramatischen Folgen. Camilleri nennt ein Beispiel: Kinder von anerkannten FlĂŒchtlingen, die in Malta völlig legal aufgewachsen sind und zur Schule gehen, wĂŒrden mittlerweile hĂ€ufig inhaftiert, sobald sie 18 Jahre alt werden.
Denn der Aufenthaltstitel hĂ€ngt von dem der Eltern ab. Sobald die Kinder volljĂ€hrig werden, verlieren sie ihren Schutzstatus. Dann mĂŒssen sie einen eigenen Asylantrag stellen oder zum Beispiel ein Studierendenvisum beantragen. Und Asylbewerber landen in Malta im Normalfall eben zunĂ€chst in Haft.
Wann ist ein Boot in Seenot?
Auch bei der Seenotrettung im Mittelmeer halte sich Malta mittlerweile einfach raus, meint Camilleri. Die Regierung lege restriktiver aus, was ein Boot in Seenot ist.
Eine Bitte um Hilfe reiche nicht mehr aus, auch nicht ein Boot, das einfach im Wasser treibt, sagt Camilleri. Das Boot mĂŒsse sich schon in sehr groĂer Not befinden. AuĂerdem nehme sie auch wahr, dass NGOs bei der maltesischen Rettungsleitstelle anrufen und diese nicht antworte, so Camilleri.
Migrations-Botschafter Cutajar sagt dazu, man "beurteile jeden Fall einzeln". Private Seenotrettungsorganisationen seien keine kompetente Stelle, um zu beurteilen, ob ein Boot Hilfe brauche oder nicht. AuĂerdem sei der Teil des Mittelmeeres, in dem Malta fĂŒr die Rettung verantwortlich ist, sehr groĂ - oft sei es daher sinnvoller, die Menschen in Italien, Griechenland oder der TĂŒrkei an Land zu bringen.
Private Seenotrettungsschiffe unerwĂŒnscht
Was man auf jeden Fall verbiete: dass Schiffe privater Seenotrettungsorganisationen in Malta anlegen und Migrantinnen und Migranten an Land bringen. Kein Schiff könne einfach eigenmĂ€chtig beschlieĂen, Migranten aufzunehmen, findet Cutajar. Aus Sicht der maltesischen Regierung wirken NGO-Schiffe "als Anreiz fĂŒr irregulĂ€re Migration", verstĂ€rkten sie also.
Gerade frĂŒher hĂ€tten sie fast wie ein "Taxi-Service zwischen Libyen und Europa" agiert, behauptet Cutajar. FĂŒr Malta sei das völlig inakzeptabel. Auch diese Haltung dĂŒrfte dazu beitragen, dass Malta so wenige AsylantrĂ€ge zu bearbeiten hat.
FĂŒr AnwĂ€ltin Camilleri ist Maltas restriktives Vorgehen nicht der richtige Weg. Ihr geht es um Menschenrechte. Und sie ist skeptisch, dass Malta als Land wirklich von seiner strikten Politik profitiert: Weil Malta so wenige Menschen aus dem Meer rettet, könnte der Inselstaat am Ende Migrantinnen und Migranten aus anderen EU-LĂ€ndern aufnehmen oder Ausgleichszahlungen leisten mĂŒssen. Auch das sei nĂ€mlich Teil des SolidaritĂ€tsmechanismus beim neuen Gemeinsamen EuropĂ€ischen Asylsystem, sagt Camilleri.