Wasser erleben, Schiffe verstehen

Wer Stettin besucht, denkt meist an die Hakenterrasse, das Schloss der Pommerschen Herzöge oder eine Hafenrundfahrt. Doch nur wenige Gehminuten von der Altstadt entfernt liegt ein Ort, der Kinder ebenso begeistert wie Erwachsene: das Morskie Centrum Nauki, das Maritime Entdeckerzentrum. Schon das moderne Gebäude am Oderufer erinnert an ein großes Schiff und macht neugierig. Im Inneren wartet jedoch weit mehr als ein klassisches Museum – hier darf ausprobiert, experimentiert und gestaunt werden. Das Zentrum verbindet Wissenschaft mit maritimen Themen und macht Physik, Technik, Geografie, Geschichte und Naturwissenschaften für die ganze Familie erlebbar.
Wissenschaft zum Anfassen
Der größte Unterschied zu vielen Museen: Anfassen ist ausdrücklich erlaubt. Fast jede Station lädt zum Mitmachen ein. Statt hinter Glas zu stehen, werden Besucher selbst zu Kapitänen, Ingenieuren, Forschern oder Seenotrettern.
Schon von außen erinnert das Morskie Centrum Nauki an ein modernes Schiff und setzt einen architektonischen Akzent an der Oderpromenade in Stettin. (Foto: Ludger Möllers)
Bereits auf der ersten Ebene beginnt die Reise. Hier lernen Besucher, warum Schiffe überhaupt schwimmen, welche Kraft Wind und Wasser besitzen und wie sich ein riesiges Schiff steuern lässt. Wer möchte, kann selbst an einem Schiffssteuer stehen und feststellen, wie viel Kraft früher nötig war, um ein großes Schiff auf Kurs zu halten. Daneben wartet ein Hafenkran darauf, Container millimetergenau auf ein Frachtschiff zu verladen. Auch der Bau eines Schiffes wird anschaulich erklärt – inklusive einer symbolischen Schiffstaufe.
Besonders eindrucksvoll ist eine Station, an der Schall sichtbar wird. Feiner Sand auf einer Metallplatte beginnt durch Schwingungen kunstvolle Muster zu bilden – sogenannte Chladnische Klangfiguren. Wissenschaft wird hier nicht erklärt, sondern erlebt.
Wasser ist der beste Lehrer
Ein absoluter Publikumsmagnet ist der große Wasserbereich. Kinder können Schleusen bedienen, Pumpen ausprobieren, Wasserräder antreiben und sogar einen kleinen Wassertornado erzeugen. Ganz nebenbei lernen sie, wie eine archimedische Schraube Wasser nach oben transportiert oder wie ein Wasserkraftwerk Strom erzeugt.
Wie salzig sind die Weltmeere? An dieser Mitmachstation vergleichen Besucher den Salzgehalt verschiedener Gewässer. (Foto: Ludger Möllers)
Selbst Erwachsene bleiben hier oft länger stehen als geplant. Schließlich macht es Spaß, mit einer Wasserkanone Turbinen in Bewegung zu setzen oder Schiffe sicher durch eine Schleuse zu navigieren. Lernen fühlt sich hier eher wie Spielen an.
Wie lebt man eigentlich auf einem Schiff?
Auf einer weiteren Etage geht es um den Alltag auf See. Besucher schrubben ein Schiffsdeck, kochen in einer schwankenden Kombüse und erfahren, warum Seeleute früher oft in Hängematten schliefen. Im liebevoll gestalteten Kapitänssalon erzählen Persönlichkeiten aus Stettin und Westpommern ihre Geschichten.
Im stilvoll eingerichteten Kapitänssalon tauchen Besucher in die Welt der Seefahrt vergangener Zeiten ein. (Foto: Ludger Möllers)
Kinder können sich wie Matrosen verkleiden, Wikingerknoten lernen oder sich ein typisches Seefahrer-Tattoo gestalten. Besonders beliebt ist das Krähennest hoch über dem Deck. Von dort aus lässt sich nachvollziehen, wie Matrosen früher nach Land oder Eisbergen Ausschau hielten.
Wenn das Meer seine gefährliche Seite zeigt
Das Obergeschoss widmet sich den Naturgewalten und der Sicherheit auf See. Hier wird eindrucksvoll vermittelt, welche Kräfte Wind, Wasser und Gewitter entwickeln können.
Eine Station erklärt das Entstehen von Fallböen auf hoher See. Innerhalb weniger Sekunden kann der Wind seine Richtung um bis zu 180 Grad ändern – eine Gefahr, die Schiffe zum Kentern bringen kann. Besucher erfahren, warum schnelles Handeln und eine gut ausgebildete Besatzung in solchen Situationen lebenswichtig sind.
Ebenso spannend ist die Ausstellung über Blitze. Hier wird erklärt, warum ein Blitz bevorzugt den höchsten Punkt trifft, weshalb man sich bei Gewitter niemals unter einen Baum stellen sollte und warum ein Schiffsmast ein besonders gefährdeter Ort ist. Eine Plasmakugel macht die elektrischen Entladungen sichtbar – folgt man ihr mit der Hand, scheinen die Blitze den Fingern hinterherzulaufen.
Auch die Entstehung von tropischen Wirbelstürmen wird anschaulich dargestellt. Besucher lernen, warum Zyklone nur über warmem Wasser entstehen, wie sich das ruhige Auge eines Sturms bildet und welche gewaltigen Windgeschwindigkeiten dabei erreicht werden können.
Geschichte, die unter die Haut geht
Neben den Experimenten vermittelt das Zentrum auch maritime Geschichte. Besonders bewegend ist die Ausstellung über die Fähre Jan Heweliusz. Der polnische Fährschiff-Unglück von 1993 gehört zu den schwersten Schiffsunglücken der Ostsee. Anhand von Originalgegenständen wird die Katastrophe nachvollziehbar gemacht. Ein ausgestelleter Überlebensanzug erzählt die Geschichte des Kochs Bogdan Zakrzewski, der dank dieser speziellen Ausrüstung die eisigen zwei Grad kalten Fluten überlebte. Von 64 Menschen an Bord konnten damals lediglich neun gerettet werden.
Der originale Rettungsanzug des Jan Heweliusz-Überlebenden Bogdan Zakrzewski erinnert an eines der schwersten Schiffsunglücke der Ostsee. (Foto: Ludger Möllers)
Auch moderne Seefahrt kommt nicht zu kurz. Besucher erfahren, wie heute riesige Spezialfrachter Windkraftanlagen transportieren oder warum Unterwasserbergbau zunehmend an Bedeutung gewinnt. Gold, Silber, Kupfer, Kobalt oder sogar Diamanten werden inzwischen auf dem Meeresboden gesucht.
Selbst Kapitän werden
Ein Höhepunkt für viele Besucher ist die moderne Brückensimulation. Hier können Familien ein Schiff selbst durch den Hafen steuern – entweder wie ein Kapitän der 1950er Jahre mit Steuerrad und Maschinentelegraf oder mit moderner Satellitennavigation und Joystick. Dabei müssen Geschwindigkeit, Wetterbedingungen und Schifffahrtszeichen berücksichtigt werden. Fast fühlt man sich wie auf einer echten Kommandobrücke.
Am historischen Steuerrad erleben Besucher, wie Schiffe früher ohne moderne Technik auf Kurs gehalten wurden. (Foto: Ludger Möllers)
Unser Fazit
Das Morskie Centrum Nauki ist weit mehr als ein Ausflugsziel für Regentage. Es gehört zu den modernsten Wissenschaftszentren Europas und zeigt eindrucksvoll, dass Lernen Spaß machen kann. Die Mischung aus Experimenten, Geschichte, Naturwissenschaft und maritimer Technik spricht Kinder ebenso an wie Erwachsene.
Trotz des modernen Konzepts zeigt sich allerdings auch, dass nicht jede Station gleichermaßen überzeugt. Einige Exponate wirken bereits etwas beansprucht, die Erklärtafeln sind nur in polnischer oder englischer Sprache wie auch sehr textlastig und setzen voraus, dass sich Besucher Zeit zum Lesen nehmen. Gerade jüngere Kinder verlieren hier schnell das Interesse.
Für Familien sollte man mindestens drei bis vier Stunden einplanen. Der positive Eindruck überwiegt deutlich. Gerade die Mischung aus Wissenschaft, Geschichte und spielerischem Ausprobieren macht das Zentrum zu einem der spannendsten Familienausflugsziele in Stettin. Während Kinder begeistert experimentieren, entdecken auch Erwachsene immer wieder interessante Zusammenhänge. Genau diese Kombination sorgt dafür, dass ein Besuch nicht nur unterhaltsam, sondern auch nachhaltig in Erinnerung bleibt.
Das Maritime Wissenschaftszentrum befindet sich an der Nad Duńczycą 1 direkt an der Oderpromenade in Stettin. Geöffnet ist es dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr (in den polnischen Sommerferien von Juli bis August dienstags bis sonntags jeweils von 10 bis 18 Uhr). Der Eintritt in die Dauerausstellung kostet 45 Złoty für Erwachsene und 37 Złoty ermäßigt. Kinder unter drei Jahren haben freien Eintritt. Weitere Informationen sowie Tickets gibt es unter www.centrumnauki.eu. (MCN)