Wie der 11. September die US-AuĂenpolitik verĂ€ndert hat

25 Jahre nach den AnschlÀgen
Wie 9/11 die US-AuĂenpolitik verĂ€ndert hat
Stand: 11.09.2026 âą 11:33 Uhr
Der "Krieg gegen den Terror", die Logik von PrĂ€ventivkriegen: Die AnschlĂ€ge am 11. September 2001 hatten dramatische Folgen fĂŒr die AuĂen- und Sicherheitspolitik der USA - die bis heute nachwirken.
Die Terroristen des Netzwerks Al Kaida treffen die USA vor 25 Jahren buchstÀblich aus heiterem Himmel. Die angegriffene Nation antwortet schnell. Innerhalb einer Woche erteilt der Kongress eine "Genehmigung zum Einsatz militÀrischer Gewalt". Sie ist bewusst sehr weit gehalten und gibt dem PrÀsidenten freie Hand.
Diese Genehmigung sehen Historiker spĂ€ter als rechtliche Grundlage fĂŒr den "Krieg gegen den Terror", den der damalige US-PrĂ€sident George W. Bush nur neun Tage nach den Attentaten in einer Ansprache vor dem Kongress ausruft: "Unser Krieg gegen den Terror beginnt mit Al Kaida, endet dort aber nicht. Er wird nicht enden, bevor nicht jede Terrorgruppe mit globaler Reichweite aufgespĂŒrt, gestoppt und besiegt worden ist."
Noch viele Jahre spÀter werden sich US-Regierungen auf diese "Genehmigung zum Einsatz militÀrischer Gewalt" berufen, wenn sie MilitÀrschlÀge in anderen LÀndern anordnen.
Die TerroranschlÀge vom 11. September 2001
Am 11. September 2001 verĂŒbte die islamistische Terrororganisation Al Kaida koordinierte AnschlĂ€ge in den USA. 19 Terroristen entfĂŒhrten vier Passagierflugzeuge und steuerten zwei davon in das World Trade Center in New York. Dessen beide TĂŒrme stĂŒrzten ein. Ein drittes Flugzeug wurde in das Pentagon bei Washington gesteuert, wĂ€hrend das vierte Flugzeug nach einem Eingreifen der Passagiere in Pennsylvania im offenen GelĂ€nde abstĂŒrzte. Bei den AnschlĂ€gen wurden 2.977 Menschen getötet.
Krieg gegen die Taliban beginnt
Das Taliban-Regime in Afghanistan hatte Al Kaida Zuflucht gegeben. PrÀsident Bush setzt die Armee in Gang, keine vier Wochen nach den AnschlÀgen. Und er teilt die Welt in zwei Lager: "Im Kampf gegen den Terror steht man entweder auf unserer Seite oder gegen uns."
Meinungsumfragen zeigen, dass an die 90 Prozent der US-Amerikaner den MilitĂ€reinsatz in Afghanistan befĂŒrworten. Das Ziel, auf die AnschlĂ€ge vom 11. September mit entschlossenem Handeln gegen die Verantwortlichen zu antworten, ist nationaler Konsens.
Peter Bergen, Journalist und Professor an der Arizona State University, vergleicht den 11. September mit dem japanischen Ăberfall auf Pearl Harbor, der zum Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg fĂŒhrte: "Das war ein massiver Schock. Und Ăberraschungsangriffe rufen meistens sehr starke Reaktionen hervor."
Mehrere NATO-Partner machen in Afghanistan mit, es ist die erste Phase eines Krieges, der 20 Jahre dauern und mit dem Sieg der Taliban enden wird.
PrÀventivkriege als Teil der "Bush-Doktrin"
Als nĂ€chstes Ziel nimmt Bush den Irak unter dem damaligen Diktator Saddam Hussein ins Visier. FĂŒhrende Köpfe aus dem Umfeld des US-PrĂ€sidenten hatten bereits vor dem 11. September darauf gedrĂ€ngt, Saddam Hussein zu stĂŒrzen. Jetzt können sie Bush ĂŒberzeugen.
Anfang 2002 erklĂ€rt der PrĂ€sident: "Staaten wie diese und ihre terroristischen VerbĂŒndeten bilden eine Achse des Bösen, die sich bewaffnet, um den Weltfrieden durch das Streben nach Massenvernichtungswaffen zu bedrohen." Eine neue Nationale Sicherheitsstrategie fasst PrĂ€ventivkriege und die Förderung der Demokratie in der Welt zu einer "Bush-Doktrin" zusammen.
Im FrĂŒhjahr 2003 lĂ€sst Bush die US-Armee im Irak einmarschieren, allerdings ohne detaillierte PlĂ€ne fĂŒr die Zeit nach dem Sturz der Regierung dort. In Bagdad werden die Soldaten zunĂ€chst als Befreier und Erlöser gefeiert.
BĂŒrgerkrieg und "Islamischer Staat"
Bald kann Bush auf dem Deck eines FlugzeugtrĂ€gers verkĂŒnden: Mission erfĂŒllt! Die groĂen Kampfhandlungen im Irak seien beendet, die Vereinigten Staaten und ihre VerbĂŒndeten hĂ€tten gesiegt. Saddam Hussein wird aufgespĂŒrt und in Gefangenschaft genommen, aber von den Massenvernichtungswaffen, ĂŒber die der Diktator verfĂŒgt haben soll, fehlt jede Spur.
Doch auf einmal mĂŒssen sich die US-Soldaten gegen AufstĂ€ndische wehren. Bald versinkt der Irak in einem blutigen BĂŒrgerkrieg, bei dem sich irakische Schiiten und irakische Sunniten gegenĂŒberstehen. 2014 ĂŒberrennen die MilizionĂ€re des sogenannten Islamischen Staats (IS) weite Teile des Irak.
Die religiösen Fanatiker errichten eine Terrorherrschaft ĂŒber Millionen Menschen und rufen ein Kalifat aus. Den IS zu zerschlagen kostet Zehntausende Iraker das Leben. SchlieĂlich ist das Land wieder in der Hand der Regierung in Bagdad. Der Irak gewinnt an StabilitĂ€t und ist nun demokratischer als unter Saddam Hussein.
Ablehnung von AuslandseinsÀtzen hilft Trump
Auch die USA zahlen im Irak einen hohen Preis: 4.500 gefallene Soldaten, 32.000 verletzte. In Afghanistan beklagen die USA 2.500 Gefallene und 21.000 Verletzte.
"Nie wieder solche Abenteuer", schlussfolgern viele Amerikaner und sehen die MilitĂ€reinsĂ€tze im Irak und in Afghanistan als ein Fiasko, ein Trauma. Zu hoch seien die menschlichen und finanziellen Kosten gewesen. Peter Bergen, Journalist und Hochschuldozent, nennt den Irakkrieg einen der gröĂten Fehler in der US-AuĂenpolitik: "Es war ein Krieg, den man selbst gewĂ€hlt hatte, der aber unnötig war."
Die Stimmung in den USA spielt Donald Trump in die HĂ€nde. Im PrĂ€sidentschaftswahlkampf 2016 verspricht der Immobilienunternehmer: "Amerika zuerst". Er behauptet, von Anfang an gegen den Irakkrieg gewesen zu sein. Peter Bergen ist der Ansicht, dass der Krieg ein Grund fĂŒr Trumps Wahlerfolg gewesen sei.
Die jahrelange vergebliche Suche nach Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen habe damals den Glauben der US-amerikanischen Ăffentlichkeit untergraben, dass die Regierung in Washington wisse, was sie tue. Trumps Gegenkandidatin von den Demokraten, Hillary Clinton, hatte hingegen einst fĂŒr den Irak-Einsatz gestimmt. Im Wahlkampf schadet ihr das.
Abzug aus Afghanistan mit weitreichenden Folgen
WÀhrend seiner ersten Amtszeit als US-PrÀsident vereinbart Trump mit den Taliban den Abzug der US-Truppen aus Afghanistan. Dabei ignoriert Trump die afghanische Regierung und ihr Schicksal. Sein Nachfolger Joe Biden setzt die Vereinbarung um.
Die PrĂ€senz der US-Soldaten und ihrer VerbĂŒndeten aus anderen NATO-Staaten endet ĂŒberstĂŒrzt und im Chaos. Die Bilder verzweifelter Afghanen aus Kabul, in panischer Angst vor den herannahenden Taliban, gehen um die Welt. Die afghanische Regierung stĂŒrzt. Die Beliebtheit von PrĂ€sident Biden erleidet in den USA einen harten Schlag. Davon wird sich Biden bis zum Ende seiner Amtszeit nicht mehr erholen.
Der Afghanistan-Abzug 2021 war aus Sicht von Dozent Bergen ein Signal, das selbst im weit entfernten Kreml gehört wurde: "Das zeigte Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin, dass sich die Vereinigten Staaten aus der Welt zurĂŒckziehen. Es war kein Zufall, dass Putin nur Monate spĂ€ter Zehntausende Soldaten an die ukrainische Grenze verlegte."
GröĂere Auswirkungen "als Korea- oder Vietnam-Krieg"
Bergen ist der Ansicht, dass der 11. September noch weit mehr nachhallt als einst der Korea- oder der Vietnam-Krieg. Er habe die Sicherheits- und AuĂenpolitik der USA dramatisch verĂ€ndert.
"Die Vereinigten Staaten haben sich seitdem viel mehr als frĂŒher im Nahen Osten engagiert. Und zu Hause haben wir eine ganze Generation, die dort in den Krieg gezogen ist, oder man hat einen Vater oder eine Mutter, der dort im Einsatz war", so Bergen.
Zudem hĂ€tten die USA einen gewaltig groĂen Apparat fĂŒr die nationale Sicherheit errichtet und ihre Verteidigungsausgaben enorm gesteigert - inflationsbereinigt um etwa 50 Prozent seit 2001.
Bei seiner Ablehnung von MilitĂ€reinsĂ€tzen im Ausland bleibt Trump sich jedoch nicht treu: Im vergangenen Februar beginnt er mit Israel einen Krieg gegen Iran - mit ungewissen Folgen, aber einer BegrĂŒndung, die bekannt klingt: Es gehe um den Kampf gegen Massenvernichtungswaffen. Auch 25 Jahre spĂ€ter ist das Echo des 11. September noch immer zu hören.