Wie Helsing zum größten Rüstungs-Startups Europas wurde

Eine Finanzierungsrunde macht die Rüstungsfirma wertvoller als seine Konkurrenten. Doch bei Helsing scheiden sich die Geister.
King of Drohnen: Gundbert Scherf, CEO von Helsing.
picture alliance/dpa | Jens Kalaene
Das Münchner Rüstungs-Startup Helsing gab am Montag eine neue Finanzierungsrunde bekannt: 1,8 Milliarden Dollar (1,6 Milliarden Euro) frisches Kapital sammelte das Unternehmen bei internationalen Risikokapitalinvestoren ein. Damit steigt die Bewertung auf 18 Milliarden Dollar. Noch vor einem Jahr war das Unternehmen mit zwölf Milliarden Dollar bewertet worden. Wie ging das so schnell?
Helsing gehört plötzlich zu den wertvollsten privaten Rüstungsunternehmen der Welt und lässt bei der Marktkapitalisierung etablierte deutsche Rüstungskonzerne wie Hensoldt und Renk hinter sich. Sogar ein Konzerngigant wie Volkswagen ist gerade mal doppelt so hoch am Kapitalmarkt bewertet. Gemessen am Unternehmenswert spielen in Deutschland in der Branche nur noch Rheinmetall und Airbus in einer höheren Liga, obwohl Helsing erst vor gut fünf Jahren gegründet wurde.
Wette auf KI
Die neuen Investoren, darunter Lightspeed Venture Partners, JPMorganChase, CPP Investments und Stepstone, behandeln die Firma bereits wie einen künftigen europäischen Rüstungskonzern. Sie setzen auf eine grundlegende Veränderung der Verteidigungsindustrie. Künftig, so die Wette, werden Software, Künstliche Intelligenz und autonome Systeme wichtiger als klassische Plattformen wie Kampfjets oder Panzer. Europa braucht dafür nach ihrer Überzeugung einen eigenen Technologiekonzern. Diese Rolle versucht Helsing einzunehmen.
Lest auch
Angefangen hat Helsing 2021 als Softwareanbieter für Künstliche Intelligenz in bestehenden Waffensystemen. Die offizielle Selbstbeschreibung lautete 2023 noch, man entwickle KI-basierte Fähigkeiten und bringe „die Geschwindigkeit von Software-Entwicklungszyklen“ in die Rüstung.
Helsing-Drohne HX 2
Helsing
Software und Hardware verbinden
Es folgten Aufträge für elektronische Kriegsführung im Eurofighter und das Luftkampfsystem FCAS. Die Gründer Gundbert Scherf, Torsten Reil und Niklas Köhler erkannten früh, dass sich die europäische Rüstungsindustrie gerade grundlegend verändert, dass Beschaffungszyklen kürzer werden und Gelder schneller fließen. Doch Künstliche Intelligenz allein reicht nicht, denn große Beschaffungsprogramme entstehen meist um konkrete Waffensysteme.
Mit dem Drohnenkrieg in der Ukraine bot sich die Chance, Software und Hardware zu verbinden. Helsing begann deshalb, eigene Drohnen-Plattformen zu entwickeln. Der Strategiewechsel erinnert an den amerikanischen Konkurrenten Anduril, der ebenfalls zunächst als Softwareunternehmen antrat und später begann, eigene Drohnen, Sensoren und Waffensysteme auf Basis kommerziell bereits verfügbarer Elektronik-Komponenten zu entwickeln, um Entwicklungszeit zu sparen.
Entwicklungstempo als Alleinstellungsmerkmal
Das Unternehmen präsentierte in schneller Folge mit der HX2 eine eigene Kampfdrohne, später Systeme für Unterwasseraufklärung, KI-Piloten für Kampfjets zusammen mit dem schwedischen Rüstungskonzern Saab, und zuletzt das unbemannte Kampfflugzeug CA-1 Europa für die elektronische Kampfführung. Kein anderes europäisches Rüstungsunternehmen hat sein Portfolio in so kurzer Zeit so stark erweitert. Dafür setzte Helsing auch auf vertikale Integration und kaufte etwa 2025 den bayerischen Luftfahrt-Spezialisten Grob Aircraft, um schnell Know-how zu sammeln.
Helsing-Drohne Ca1 Europa bei der Präsentation im September 2025.
REUTERS/Michaela Stache
Viele der angekündigten Systeme befinden sich noch in Entwicklung. Von außen lässt sich nur schwer beurteilen, wie weit sie tatsächlich sind. Der zuletzt ausgewiesene Umsatz aus dem Geschäftsjahr 2024 der deutschen Tochter Helsing GmbH belief sich auf 26,9 Millionen Euro. Auch wenn die Firma seitdem einige große Aufträge für ihre HX-2-Drohne einsammeln konnte, ist die aktuelle Bewertung kaum durch das bestehende Geschäft erklärbar.
Erwartungen noch nicht eingelöst
In der Branche gilt Helsings Kommunikation als ungewöhnlich selbstbewusst. Eine zunächst groß angekündigte Zusammenarbeit mit Rheinmetall endete bereits im Juli 2025 wieder, beide Unternehmen gingen anschließend getrennte Wege. Insider bei Airbus deuteten gegenüber WELT Ende 2025 an, Helsings Input für die elektronische Kriegsführung im Eurofighter müsse „erst noch erfolgen“. Seine Kritiker halten Helsing für ein Unternehmen, das seine technologische Reife früh kommuniziert und damit Erwartungen weckt, die erst Jahre später vollständig eingelöst werden müssen.
Die Investoren sehen darin genau den Unterschied zur klassischen europäischen Rüstungsindustrie. Nicht erst entwickeln und dann verkaufen, sondern früh Kunden und Kapital gewinnen und die Produkte dann gemeinsam mit den Streitkräften weiterentwickeln. Sie bezahlen die Aussicht auf künftige Milliardenaufträge und eine dominierende Rolle bei KI-gestützten Waffensystemen. Entscheidend ist dabei das Entwicklungstempo, das Helsing aktuell beweist.
Noch vor einem Jahr gerieten die Münchner mit ihren Angriffsdrohnen in der Ukraine in die Kritik, weil ukrainische Soldaten deren Leistungsfähigkeit infrage stellten. Inzwischen gilt das System als Beispiel dafür, wie schnell sich Software im Krieg weiterentwickeln kann. Bei der US-Übung „Flytrap 5“, die den elektronischen Kampf der Ukraine simulierte, traf die HX2 nach Unternehmensangaben trotz massiver Störsignale in 15 von 17 Testflügen ihr Ziel.
Testfeld Ukraine
Als Aufklärungsdrohnen eines US-Herstellers unter dem elektronischen Störfeuer ausfielen, nutzten US-Soldaten die HX2 kurzerhand auch zur Zielsuche. Möglich wurde dieser Entwicklungssprung nach Einschätzung der Branche durch den engen Austausch europäischer Start-ups mit der Ukraine. Neue Software wird dort teilweise im Zweiwochentakt direkt unter Gefechtsbedingungen getestet und verbessert – ein Innovationsrhythmus, den klassische Rüstungsprogramme bislang kaum erreichen.
Gundbert Scherf, Mitgründer und Co-CEO von Helsing, steht an einem Modell einer HX-2-Drohne.
picture alliance/dpa | Jens Kalaene
Zum Erfolg von Helsing trägt auch ein Netzwerk bei, das in Europa kaum ein anderes Rüstungs-Start-up vorweisen kann. Gründer Gundbert Scherf arbeitete als Berater im Bundesverteidigungsministerium und war unter Ursula von der Leyen an Fragen der Modernisierung der Bundeswehr beteiligt. Er war zuvor Berater bei McKinsey.
Airbus und Spotify im Hintergrund
Torsten Reil machte sich zunächst als Unternehmer im Bereich Künstliche Intelligenz und Computerspiele einen Namen. Im Verwaltungsrat sitzen mit dem früheren Airbus-Chef Tom Enders und Spotify-Gründer Daniel Ek zwei der einflussreichsten Persönlichkeiten der europäischen Technologie- und Rüstungsbranche.
Statt die Militärs als Beschaffer von einzelnen Waffensystemen anzusprechen, positioniert sich Helsing von Beginn an auf politischer Ebene als strategischer Partner für die Digitalisierung europäischer Streitkräfte. Helsing verkauft eine strategische Vision davon, wie Europas Streitkräfte künftig kämpfen sollen und entwickelt die passenden Systeme parallel dazu. Vorbild ist auch hier die US-Konkurrenz Anduril mit dem in den USA politisch gut vernetzten Gründer Palmer Luckey.
Schlüsselkonzern der europäischen Rüstung
Die Bewertung von 18 Milliarden Dollar lässt sich jedoch allein mit den bisherigen Erfolgen der HX2 und dem Netzwerk der Gründer nicht erklären. Mit dem frischen Kapital wächst der Erwartungsdruck. Bislang hat Helsing gezeigt, dass das Unternehmen neue Produkte in hoher Geschwindigkeit ankündigen und unter den Bedingungen des Ukrainekriegs schnell weiterentwickeln kann. Nun muss Helsing seine KI auf immer mehr Plattformen bringen, von Kampfdrohnen über elektronische Kampfführung bis hin zu Unterwasserfahrzeugen, Satelliten und autonomen Kampfflugzeugen.
Mit 18 Milliarden Dollar haben die Investoren Helsing bereits als einen der künftigen Schlüsselkonzerne der europäischen Verteidigungsindustrie bewertet. Die nächsten Jahre werden darüber entscheiden, ob das Startup industrielle Serienprogramme und milliardenschwere Beschaffungsaufträge westlicher Militärs stemmen kann.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von Gründerszene, WELT und Business Insider erstellt.
WELT-Wirtschaftsredakteur Benedikt Fuest berichtet regelmäßig über das KI-Rennen, Technologie und Rüstung.