Würzburg: Besser verstehen, sicherer behandeln - kultursensible Medizin im Studium

Verständigungsprobleme können in der Medizin zu verzögerten Diagnosen oder fehlerhaften Behandlungen führen. Die Universitätsmedizin Würzburg vermittelt mit neuen Pflichtmodulen Kompetenzen für kultursensible Kommunikation. Das über drei Semester angelegte Lehrkonzept wird von der Stiftung Innovation in der Hochschullehre im Programm „Freiraum“ mit knapp 400.000 Euro gefördert. Diese und folgende Informationen entstammen einer Pressemitteilung des Universitätsklinikums Würzburg.
Seit dem Wintersemester lernen Medizinstudierende ab dem achten Semester sowie Studierende der Hebammenwissenschaften ab dem dritten Semester, wie sie mit Sprachbarrieren und kulturellen Unterschieden umgehen. So kann die Aussage, die Gallenblase sei geplatzt, im Türkischen einen starken Schreck oder eine seelische Belastung ausdrücken. Auch Übersetzungs-Apps können zu Missverständnissen führen.
Der Kurs behandelt Sprachbarrieren, interkulturelle Kommunikation, Gesundheitskompetenz, Diskriminierung und Möglichkeiten der Sprachmittlung. Die Studierenden reflektieren dabei auch den Einfluss der eigenen Sozialisationm.
Praxis mit Übersetzungs-Apps
Bei Rollenspielen mit fremdsprachlichen Schauspielpatienten der Würzburger Dolmetscherschule führen die Studierenden Anamnesegespräche und nutzen abwechselnd Übersetzungs-Apps und menschliche Dolmetscher. Die Auswertung zeigte deutliche Qualitätsunterschiede. Projektleiterin Janina Zirkel sagt: „Die Apps übersetzen oft totalen Unsinn.“ Im Alltag bleiben solche Fehler jedoch häufig unbemerkt.
Auch Laiendolmetschende müssen nach Ansicht der Projektleiterinnen gut vorbereitet werden. Anne Simmenroth empfiehlt Vor- und Nachgespräche, unter anderem zu Schweigepflicht und der genauen Wiedergabe des Gesagten. „Wir reden nicht über den Patienten, sondern mit dem Patienten“, betont sie. Zudem sollten kulturelle Besonderheiten und nonverbale Signale berücksichtigt werden.
Das Angebot richtet sich nicht ausschließlich an Menschen mit Migrationsgeschichte. Auch deutsche Patientinnen und Patienten haben unterschiedliche Vorstellungen von Krankheit und Behandlung. Evaluationen zeigen, dass die Studierenden durch den Kurs ihre Fähigkeit zu einer diversitätssensiblen Anamnese deutlich verbessern konnten.
Projekt soll dauerhaft verankert werden
Die Förderung endet im Frühjahr 2027. Das Team möchte die Inhalte dennoch dauerhaft im Curriculum verankern und schrittweise auf weitere Berufsgruppen ausweiten. Die Kombination aus kultursensibler Kommunikation, Sprachmittlung und praktischen Simulationen ist nach Angaben des Universitätsklinikums in dieser Form bislang einzigartig. (mps)
Im Lehrprojekt führen Studierende der Medizin und Hebammenwissenschaften Anamnesegespräche mit fremdsprachigen Schauspielpatientinnen und -patienten. Hier demonstrieren Mitarbeiterinnen des Instituts für Allgemeinmedizin ein Gespräch mit einer Laiendolmetscherin.
Foto: Kirstin Linkamp