Zwischen Suezkanal und Teheran: Warum Ägypten auf Deeskalation setzt

Gute 193 Kilometer misst der Suezkanal. Damit erspart die Wasserstraße zwischen Mittelmeer und Rotem Meer auf der Route zwischen Europa und Asien einen Umweg von rund 10.700 Kilometern um das Kap der Guten Hoffnung. Seit seiner Eröffnung 1869 gehört der Kanal zu den wichtigsten Handelswegen der Welt.
Doch seit den Angriffen der Huthi-Miliz auf die internationale Schifffahrt im Roten Meermeiden zahlreiche Reedereien den Suezkanal. Mit dem Krieg zwischen Israel, den USA und Iran sowie den jüngsten Drohungen der Huthi, die Meerenge Bab al-Mandab erneut unter ihre Kontrolle bringen zu wollen, wächst die Sorge, dass sich dieser Trend weiter verstärken könnte. Dies gilt umso mehr, als die Huthi nun auch die Ost-West-Pipeline in Saudi-Arabien bombardiert haben. In der Folge lässt sich das Öl aus dem Königreich auch nicht an den Hafen Yanbu transportieren. Auf diese Weise ließ sich bislang die gesperrte Straße von Hormus umgehen.
Für Ägypten steht dabei eine seiner wichtigsten Einnahmequellen auf dem Spiel. Nach Angaben von Präsident Abdel Fattah al-Sisi verlor das Land allein im Jahr 2024 rund sieben Milliarden US-Dollar an Einnahmen aus dem Suezkanal. Zeitweise beliefen sich die Ausfälle auf rund 800 Millionen US-Dollar pro Monat, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf die ägyptische Präsidentschaft. Die wirtschaftlichen Folgen reichen damit weit über die Schifffahrt hinaus.
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"Wirtschaftlich steckt Ägypten in einer sehr ambivalenten Lage", sagt Stefan Lukas, Gründer und Direktor des Think Tank Middle East Minds, im DW-Interview. Zwar seien die Kanaleinnahmen im Fiskaljahr 2025/26 zunächst sogar gestiegen, weil zusätzliches Öl aus dem Golf über saudische Pipelines zum Roten Meer und anschließend durch den Suezkanal transportiert worden sei. Sollte die von den Huthi angedrohte Blockade der Meerenge Bab al-Mandab jedoch tatsächlich umgesetzt werden, breche genau dieses Ausweichmodell weg. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem steigende Energiepreise und der Reformkurs des Internationalen Währungsfonds den finanziellen Spielraum Kairos ohnehin stark begrenzten.
Hoher wirtschaftlicher Druck
"Die höheren Energiepreise haben die Importe verteuert und die Inflation getrieben. Die Unsicherheit im Roten Meer und mögliche Störungen bei der Passage von Bab al-Mandab gefährden die Einnahmen des Suez-Kanals", sagt Hannah Voß, Nahost-Expertin der Friedrich-Ebert-Stiftung, im DW-Interview. Darüber hinaus reagierten Tourismus, Kapitalzuflüsse und der Wechselkurs des ägyptischen Pfundes empfindlich auf jede Eskalation.
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Wie gravierend die Auswirkungen bereits sind, zeigen weitere Zahlen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Associated Presssanken die Einnahmen des Suezkanals von 10,25 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 auf rund vier Milliarden US-Dollar im Jahr 2024. Gleichzeitig verringerte sich die Zahl der Schiffspassagen von mehr als 26.000 auf gut 13.000. Viele Reedereien nehmen lieber den gewaltigen Umweg rund um Afrika in Kauf.
Fragwürdige Wirtschaftspolitik
Die Denkfabrik sieht Ägypten weniger militärisch als wirtschaftlich vom Iran-Konflikt betroffen. Zwar habe sich die Wirtschaft nach der Krise Ende 2023 zunächst stabilisiert, doch Kapitalabflüsse, steigende Energiekosten, rückläufiger Tourismus und die Verluste des Suezkanals gefährdeten diese Erholung erneut. Hinzu komme, dass grundlegende Reformen der Wirtschaft bislang ausgeblieben seien.
Drohen mit erneuten Angriffen auf die Straße von Hormus: die Huthi-Milizen, 2026Bild: Mohammed Hamoud/Anadolu/picture alliance
Dass Ägypten die Ausfälle kaum aus eigener Kraft kompensieren kann, erklärt die Carnegie Endowment mit dem Wirtschaftsmodell des Landes. Demnach stützt sich die Regierung zunehmend auf staatliche Großprojekte und militärisch kontrollierte Vermögenswerte, während produktive Investitionen und privates Wachstum zu kurz kämen. Die Folge sei eine wachsende Abhängigkeit von ausländischen Krediten und Investitionen. Neue Einnahmequellen, die den Rückgang der Suez-Erlöse kurzfristig ausgleichen könnten, seien deshalb kaum in Sicht.
"Interesse an sehr schneller Deeskalation"
"Ägypten hat ein Interesse an einer sehr schnellen Deeskalation", sagt Hannah Voß. Kairo unterstütze Vermittlungsbemühungen, wenn auch weniger sichtbar als Katar oder Oman. Zugleich bemühe sich die Regierung, ihre Beziehungen zu den USA, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten zu sichern und gleichzeitig eine offene Konfrontation mit Iran zu vermeiden. Auch der Think Tank Chatham House beschreibt diese Politik als konsequentes Risiko-Management. Ziel sei nicht, den regionalen Machtkampf zu entscheiden, sondern die wirtschaftlichen Schäden für Ägypten möglichst gering zu halten. Deshalb setze Kairo auf Gespräche mit allen Konfliktparteien und versuche, die Sicherheit der Schifffahrtswege im Roten Meer zu erhalten.
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"Das Regime unter Al-Sisi fährt daher erneut zweigleisig", sagt Stefan Lukas im DW-Interview. Nach außen demonstriere Ägypten Solidarität mit Saudi-Arabien, verurteile die Huthi-Drohungen und erhöhe die Sicherheitsmaßnahmen am Suezkanal. Hinter den Kulissen bemühe sich Kairo jedoch um Gesprächskanäle nach Teheran, ohne sich offen gegen Iran zu positionieren. Dahinter stünden sowohl die finanzielle Abhängigkeit von den Golfstaaten als auch die Sorge, den Kanal selbst zur Zielscheibe werden zu lassen.
Interesse an Stabilität
"Alle Anrainer haben ein Interesse daran, die regionale Ordnung zu stabilisieren, weil sie sich eine dauerhafte Krise schlicht nicht leisten können", sagt Hannah Voß im DW-Interview. Genau darin liegt auch das Dilemma Ägyptens. Für Kairo geht es längst nicht nur um Außenpolitik. Jede Eskalation im Roten Meer kostet das Land dringend benötigte Devisen, jede Entspannung erhöht die Chancen auf wirtschaftliche Erholung. Ägypten versucht deshalb gleichzeitig Vermittler, verlässlicher Partner der Golfstaaten und Gesprächskanal nach Teheran zu sein.
Sonderlichen Einfluss auf den Verlauf des Konflikts hat die Regierung jedoch nicht. "Entscheidend wird, ob die Blockade symbolisch bleibt oder real greift", sagt Stefan Lukas im DW-Interview. Ob es tatsächlich zu einer dauerhaften Deeskalation kommt, entscheidet sich letztlich nicht in Kairo, sondern vor allem in Washington, Teheran und bei den Huthi selbst.